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Göttingen „Fridays for Future“ macht mobil für „Klimawahlen“
Die Region Göttingen „Fridays for Future“ macht mobil für „Klimawahlen“
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10:00 21.05.2019
Die Göttinger Planungsgruppe "Fridaya for Future" macht mobil für einen Aktionstag vor der Europawahl. Quelle: Kuno Mahnkopf
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Göttingen

Zwei Tage vor der Europawahl will die „Fridays for Future“-Bewegung noch einmal ein großes Faß aufmachen und ruft zu einem „globalen Klimastreik“ auf. Wie in vielen anderen Städten ist in Göttingen am Freitag, 24. Mai, eine Großdemonstration geplant.

„Die Europawahlen sind Klimawahlen“, sagt Miriam Giesbert von der Göttinger Planungsgruppe, die sich wöchentlich im Naturschutzzentrum in der Geiststraße trifft und für die Aktion mobilisiert: „Das neue EU-Parlament wird entscheidend für die Klimapolitik der Mitgliedsstaaten sein.“ Mit kleineren Aktionen will die vor allem aus Schülern bestehende Gruppe auf das Thema aufmerksam machen, von größeren Kundgebungen aber vorerst absehen, um möglichst viele Menschen aller Generationen am 24. Mai auf die Straße zu bekommen. Nicht nur Schüler seien gefragt, sagt Lukas Schnermann, der für die „Silent Climate Parade“ des Vereins Janun in Göttingen ins Pinguinkostüm geschlüpft war: „Es könnten noch mehr Studis mitmachen.“

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Wissenschaftlicher Konsens über Klimawandel

Die „Friday for Future“-Laufdemo im März mit 1600 Teilnehmern hat die Planungsgruppe optimistisch gestimmt. „Wenn das Wetter gut ist, hoffen wir am Freitag vor der Wahl auf mindestens 1000 Teilnehmer, wenn es schlecht ist, beten wir dafür“, sagt Lilian Vorbrüggen: „Unsere Forderungen sind nicht vom Himmel gefallen und werden von Scientists for Future unterstützt.“ Der Klimawandel sei Konsens unter Wissenschaftlern, mit wissenschaftlichen Argumenten müsse man auch Leugnern, Relativierern und Skeptikern entgegentreten, individuell auf sie eingehen.

Immer wieder freitags demonstrieren in Göttingen Kinder, Jugendliche und Erwachsene für effizienten Klimaschutz. Quelle: Christina Hinzmann

Die Klima-Demo am 24. Mai solle ein Zeichen setzen, wählen zu gehen und sich Gedanken zu machen, wen man wählt, sagt Schnermann und ruft dazu auf, Parteien zu wählen, die sich für ein solidarisches Europa und Klimaschutz einsetzen, der internationalen Einsatz erfordere. Auf der Demo mit Lautsprecherwagen gebe es ein offenes Mikro und verschiedene Redebeiträge, aber nicht von Parteienvertretern: „Wir wollen keinen Personenkult, sondern Diversität.“ Der Demonstrationszug mit angemeldeter Route startet um 10 Uhr am Bahnhof, zieht über die Berliner Straße zum Neuen Rathaus mit einer Zwischenkundgebung gegen 11 Uhr. Durch die Innenstadt geht es weiter zum Gänseliesel mit Abschlusskundgebung ab 12 Uhr.

„Wir wollen nicht aussterben“

Die Forderungen von „Fridays for Future“ seien alles andere als weltfremd, halten die „Fridays for Future“-Aktivisten ihren Kritikern entgegen. Es habe immer schon Klimaschwankungen gegeben, die auch zu Massensterben geführt hätten, meint Schnermann: „Jetzt geht es aber um eine von Menschen gemachte Katastrophe – und wir wollen nicht aussterben.“ Einen derart drastischen Temperaturanstieg habe es noch nicht gegeben, das Artensterben sei bereits in vollem Gang.

Um gegenzusteuern, setzen die jungen Göttinger nicht nur auf ein Pferd, nennen als Bausteine unter anderem einen kostenlosen und besser ausgebauten öffentlichen Nahverkehr und das Vorantreiben innovativer Technologien. Hannes Eggers mahnt zudem die Verantwortung für Geflüchtete an, da die Fluchtursachen auch auf eine verfehlte Politik zurückzuführen seien und mit dem Klimawandel verstärkt würden.

Große Hebel und kleine Stellschrauben

„Wir müssen an den großen Hebeln ansetzen, nicht alles auf die kleinen Konsumenten abwälzen, die großen Blöcke politisch angehen“, sagt Adrian Friedrich. Bei der sektorenübergreifenden CO2-Steuer müsse ein sozialer Ausgleich für Einkommensschwache geschaffen werden: „Die Konzepte sind da, sie müssen nur umgesetzt werden.“

Kohleausstieg und Steuer für Treibhausgase gefordert

Radikale Klimaschutzmaßnahmen, um die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens einzuhalten und die globale Erwärmung auf unter 1,5 Grad zu begrenzen, hält „Fridays for Future“ für unumgänglich. Zu den bundesweiten Forderungen, die die Göttinger Planungsgruppe unterstützt, gehören der Kohleausstieg bis 2030, komplette Umstellung der Energieversorgung auf erneuerbare Quellen und eine Netto-Null bis 2035. Als Sofortmaßnahmen werden eine CO2-Steuer auf alle Treibhausgasemissionen, Abschaltung eines Viertels der Kohlekraft und das Ende der Subventionen für fossile Energieträger gefordert. „Uns ist bewusst, dass diese Forderungen ambitioniert sind“, heißt es auf der Homepage von „Fridays for Future“. Ohne diese Maßnahmen würden die Schäden durch Verfehlung des Klimaziels aber nicht reparabel sein. Als drittgrößter CO2-Emittent trage die EU eine besondere Verantwortung im Kampf gegen die Klimakrise. ku

Bei aller Konzentration auf die großen Hebel wollen die „Friday for Future“-Kids, die sich immer wieder mit Polemik vom Schuleschwänzen bis zu Widersprüchen beim eigenen Alltagsverhalten konfrontiert sehen, die kleinen Stellschrauben nicht außer Acht lassen. „Wir demonstrieren für eine andere Politik“, sagt Schnermann: „Das schließt aber das eigene Verhalten und Verzicht nicht aus. Nachhaltiges Verhalten muss gefördert werden.“ Vorbrüggen bringt es auf den Punkt: „Kleine Schritte, große Schritte, Hauptsache Schritte.“

Von Kuno Mahnkopf