Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Göttingen Fronleichnam: Prozession und volle Stadt
Die Region Göttingen Fronleichnam: Prozession und volle Stadt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
06:17 10.06.2012
Göttinger Fronleichnamsprozession: Dechant Wigbert Schwarze trägt am Altar am Eichendorffplatz die Monstranz.
Göttinger Fronleichnamsprozession: Dechant Wigbert Schwarze trägt am Altar am Eichendorffplatz die Monstranz. Quelle: Hinzmann
Anzeige
Göttingen

Die Prozession, die an der katholischen Kirche St. Paulus startete, stand unter einem Motto aus Psalm 18: „Mit meinem Gott überspringe ich Mauern“. Bei Fürbitten und Meditationen an den Altären am Eichendorffplatz und an der Pauluskirche ging es um die vielen Mauern, die im Leben den Weg verstellen können: Vorurteile, Schicksalsschläge, Krankheiten, Ängste. Der Glaube aber könne Kraft und Mut geben, diese Mauern zu überwinden. Die Göttinger Fronleichnamsprozession hat traditionell einen starken ökumenischen Charakter. Das zeigte sich darin, dass – wie üblich – mit Dieter Nehls ein evangelisch-lutherischer Pastor das Evangeliar durch die Straßen trug. Das Thema Ökumene wurde aber auch ausdrücklich in den Fürbitten thematisiert: „Mache unsere Kirchen und damit auch uns zu Wegbereitern der von dir gewollten Einheit, dass sie das gemeinsam Mögliche wirklich tun und in der Schwesterkirche beglückende Bereicherung sehen.“

Bei einer großen Fronleichnamsprozession durch das Göttinger Ostviertel haben rund 1200 Christen öffentlich ihren Glauben bekannt. An zwei Altären am Eichendorffplatz und an der Pauluskirche wurden Fürbitten gehalten, die Straßen waren von Gesang und Weihrauchduft erfüllt.

Mit den Fürbitten, mit Weihrauchduft und Gesang trugen die Prozessionsteilnehmer ihren Glauben in die Stadt hinein. Die alte Bezeichnung Fronleichnam bedeutet übersetzt etwa lebendiger Leib des Herrn. Bei dem Fest feiern die Katholiken die Gegenwart Jesu in der Gestalt des gewandelten Brotes, das in der Monstranz bei der Prozession mitgetragen wird. In diesem Jahr trugen Dechant Wigbert Schwarze und Pfarrer Georg Vetter die Monstranz. Klinik-Seelsorger Wolfgang Friedl führte die Prozession am Nachmittag auf besondere Weise weiter: Er zeigte Patienten der Asklepios-Fachklinik im dortigen Sozialzentrum Bilder von den Prozessionen der vergangenen Jahre und informierte über das katholische Fest. Bei den überwiegend älteren und teilweise an Demenz erkrankten Menschen würden so Erinnerungen geweckt, erklärt Friedl. Zugleich könnten die Patienten so auf gewisse Weise am Fest teilnehmen.

„Es ist eine Katastrophe“

Nicht nur die Gläubigen in Göttingen und der Region belebten gestern  jedoch die Straßen. Aus den benachbarten Bundesländern, wo Fronleichnam teilweise Feiertag ist, kamen viele Ausflügler nach Göttingen und sorgten für eine volle Innenstadt und verstopfte Straßen. Da Fronleichnam in Hessen ein Feiertag ist, mussten Lastwagenfahrer bei Göttingen eine Zwangspause einlegen. Das Feiertags-Fahrverbot hinderte sie an einer Weiterfahrt ins südliche Nachbarland. Die Raststatte Göttingen-West bei Mengershausen an der Autobahn 7 war dadurch gestern fast ausschließlich mit Lastkraftwagen belegt. „Es ist eine Katastrophe“, sagte Fernfahrer Karl Schmidt. Schon auf den Ein- und Ausfahrt standen die großen Wagen Schlange und versperrten für viele Autos den Weg.

Auch die Tankstelle und die Raststätte an der Ostseite waren schon zur Mittagszeit besetzt. „Die, die hier rumstehen sind die Dummen“, meinte Schmidt ein wenig genervt. Er beobachtete, wie viele der Fahrer einfach weiterfahren. „Alle zwei Minuten fährt einer vorbei, aber es gibt ja auch einfach keinen Platz.“ Da half auch die Polizei, die an der Autobahn stand, wenig. Verständnis für das Fahrverbot hatte er kaum. „Das sollte in Deutschland einheitlich sein, entweder ganz oder gar nicht.“ Erst ab 22 Uhr durften die Lastkraftwagenfahrer die Grenze nach Hessen gestern Abend wieder passieren. Was Schmidt bis dahin machen wollte? „Na, warten.“

Von Jörn Barke und
Linda Taschenberger