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Göttingen Für den Fall, dass ich ihn erschlagen habe…
Die Region Göttingen Für den Fall, dass ich ihn erschlagen habe…
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19:27 29.08.2011
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Bußgeldrichter Lars Malskies sitzt dem jungen Ex-Matrosen gegenüber, weil dieser am 7. März mit Drogen am Steuer erwischt wurde. Den Arzt- und Laborberichten zufolge (die nicht so kurz und knapp, aber sehr präzise sind) hat der Angeklagte sein Auto unter Einfluss von Tetrahydrocannabinol, besser bekannt als Haschwirkstoff THC, bewegt. Gegen den Bußgeldbescheid wehrt sich der Seemann. Dagegen, dass er an einer Haschzigarette gezogen hat, nicht: „Das Ding ist, dass der Konsum schon Monate zurückgelegen hat.“ Ende Januar will der Betroffene gekifft haben. Das glaubt Richter Malskies ihm nicht: „Dafür brauche ich noch nicht mal einen Sachverständigen“, bügelt der Richter die Einlassung ab. Nach den Werten (2,5 Nanogramm THC pro Milliliter Blut) muss der Konsum allenfalls innerhalb von Tagen vor der Drogenfahrt stattgefunden haben. „Wenn Sie mir gesagt hätten, dass Sie am Vorabend gekifft hätten und davon ausgingen, dass sei alles schon abgebaut, sähe die Sache anders aus.“

Nun hilft der Rechtsanwalt dem Betroffenen: „Mein Mandant ist grundsätzlich gutgläubig.“ Er stellt den Antrag, ein Sachverständigen-Gutachten einzuholen, das die Einlassung seines Mandanten belegen soll. Malkies lehnt ab und trägt noch einmal kurz die Gründe vor, die er schon zur unglaubwürdigen Aussage des Angeklagten vorgebracht hat. Der Anwalt schnaubt. Die beiden Polizisten werden vor großem Publikum (eine Studentengruppe folgt dem Prozess) zu dem möglicherweise auffälligem Verhalten befragt. Inhalt der Befragung ist dann allerdings auch, was für Drogentests die Polizei eigentlich zurzeit verwendet.

Zu guter Letzt verliest der Richter, wie es das Gesetz ihm aufgibt, den Auszug aus dem Verkehrszentralregister. Danach hat der ehemalige Marinesoldat im Jahr 2008 am Steuer telefoniert und zwei Jahre später die Geschwindigkeitsbegrenzung um 20 Stundenkilometer überschritten. Kein Grund zur Aufregung – eigentlich. Der Rechtsanwalt schnaubt aber wieder eifrig. Den Eintrag aus 2008 habe der Richter gar nicht einführen dürfen, beanstandet der Advokat. „Aus diesem Ding werden wir eine schöne Sache machen.“

Der Richter fällt trotzdem erst mal eine Entscheidung. Der ehemalige Matrose muss eine Geldbuße in Höhe von 600 Euro bezahlen, den Führerschein einen Monat abgeben und die Gerichtskosten übernehmen. Letzlich war es die Einlassung des Matrosen, die Malskies ihm nicht abgenommen hat. Auch eine Änderung der Aussage hätte dem Betroffenen nichts gebracht, so Malskies: „Im Strafrecht gibt es halt keine Hilfsanträge wie im Zivilrecht.“ Wo kämen wir da auch hin? a) Ich habe das Opfer nicht erschlagen. b) Für den Fall, dass ich ihn erschlagen habe, sage ich höchstvorsorglich, dass es aus Notwehr war. Schön, wenn Jura mal so anschaulich gemacht wird.

Von Lukas Breitenbach