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Göttingen „Für mich war das kein Unfall, sondern ein Angriff“
Die Region Göttingen „Für mich war das kein Unfall, sondern ein Angriff“
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17:20 30.09.2013
Von Jürgen Gückel
Quelle: dpa (Symbolbild)
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Variante eins: Eine Autofahrerin ist auf der Danziger Straße Richtung Zebrastreifen unterwegs. In dieselbe Richtung gehen zwei schwarz-ledern gekleidete Motorradfahrer mit Helm in der Hand. Nichts deutet darauf, dass sie die Straße queren wollen.

Plötzlich springt einer auf den Zebrastreifen, holt mit seinem Helm weit aus und donnert diesen gegen die Windschutzscheibe, dabei darauf bedacht, dass er dem vorbeifahrenden Auto nicht zu nahe kommt – den „Hintern ausgestreckt, den Oberkörper vorgebeugt“, sagt die Autofahrerin.

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Variante zwei: Das Motorradfahrer-Paar will die Straße queren, hat kurz gestoppt, hat bemerkt, wie der nahende BMW seine Fahrt drosselt, dann tritt man auf den Fußgängerüberweg. Doch der BMW fährt einfach weiter. Die junge Frau reißt den Partner am Arm zurück. Dabei schwingt dessen anderer Arm nach vorn und der Helm kracht an die Scheibe des vorbeibrausenden Autos.

Was davon ist also wahr? Am Montag stand nun die Autofahrerin vor Gericht. Der 65-Jährigen aus Friedland – strafrechtlich völlig unbescholten und in der Verkehrssünderdatei in Flensburg ohne jeden Punkt – wird Unfallflucht vorgeworfen. Sie hatte nach dem Zusammenprall von Helm und Glas kurz gestoppt, war dann aber weitergefahren.

Strafbefehl wegen Unfallflucht

Aus Angst, sagt sie, weil sie den Hieb des Schwarzgekleideten gegen ihr Auto als Angriff wahrgenommen habe. Weil ihre Frontscheibe nicht kaputt war, sei sie gar nicht auf die Idee gekommen, dass das ein Unfall gewesen sein soll. Doch der 41-jährige Biker hat sie deshalb angezeigt.

Er habe noch am selben Tag einen neuen Motorradhelm für 500 Euro gekauft, weil er überzeugt sei, dass ein einmal zu Boden gekrachter Helm nicht mehr zu benutzen ist. Ob er die angeklagte Tat auch am selben Tag der Polizei gemeldet hat, ist aber fraglich. Im Protokoll steht ein Datum sechs Tage später.

Der Strafanzeige folgte ein Strafbefehl wegen Unfallflucht. Dem hat die 66-Jährige widersprochen. Deshalb wird jetzt verhandelt. Der 41-jährige Motorradfahrer sagt als Zeuge aus. Er sagt erst, er habe den Helm in der rechten Hand gehalten, sagt dann, der linke Arm sei hochgeschnellt, als ihm die Begleiterin am rechten zurückgerissen habe.

An einem gedachten Zebrastreifen

Die 25-Jährige will rechts gezogen haben, links sei der Arm vorgeschnellt, an der Hand der Helm. Anders als er sagt sie, er habe den Helm gar nicht losgelassen, sondern erst nach dem Aufprall auf die Straße gestellt. Er indes hat davon gesprochen, das teure Stück sei im hohen Bogen aufs Glas und dann auf die Straße gekracht.

Das Pärchen muss an einem gedachten Zebrastreifen schließlich vormachen, wie es den Gehweg entlang geht, ohne Zögern auf die Straße tritt und sie ihn zurückreißt, während sein anderer Arm samt Helm vorschnellt. Nun heißt es in den einschlägigen Kommentaren, ein Autofahrer muss anhalten, wenn Fußgänger „den Überweg erkennbar benutzen wollen“.

War erkennbar, dass die zwei Fußgänger gleich auf den Überweg treten? Und hätte sie anhalten und die Polizei rufen müssen, obwohl aus ihrer Sicht gar kein Schaden entstanden war?

Freispruch

Verteidiger Bernhard Daamen beantwortet beide Fragen mit Nein. Nicht erkennbar. Und nicht jeder könne wissen, dass Motorradhelme gleich hin sind, wenn sie einmal angeschlagen wurden. Er beantragt Freispruch. Der Staatsanwalt hingegen sieht alles als erwiesen an und will 30 Tagessätze Strafe.

Dem Richter gelingt es, beide Darstellungen zu verbinden: Er glaube nicht, dass ein selbsternannter Verkehrserzieher aus Wut seinen Helm geworfen habe. Wohl aber glaubt er der Angeklagten, dass sie den Vorfall nicht als Unfall eingestuft habe.

Selbst wenn es ein Angriff war, hätte sie zwar wie bei einem Unfall anhalten müssen. Dass sie es nicht tat, sei aber keine vorsätzliche Flucht, sondern eine irrige Einschätzung gewesen. Deshalb Freispruch.