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Göttingen Für provozierte Unfälle im Rollstuhl in Haft
Die Region Göttingen Für provozierte Unfälle im Rollstuhl in Haft
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18:57 21.07.2011
Von Jürgen Gückel
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Göttingen

Als „ohne jeden Zweifel erwiesen“ sieht das Gericht acht Fälle mit einem Schaden von 22 387 Euro an. Angeklagt waren ursprünglich 15 Taten. Sechs Anklagepunkte wurden eingestellt. Sein wegen einer Tat angeklagter Bruder wurde freigesprochen.
Der bis zum Schluss leugnende Angeklagte verfolgte im Rollstuhl sitzend seine Verurteilung. Er hatte Anfang Mai mit Frau und drei kleinen Kindern im Auto einen weiteren schweren Unfall auf der B 3 bei Ossenfeld verursacht, bei dem er, Frau und ein Kind schwerstens verletzt wurden.

Gestern versuchte Verteidiger Tawfeek Matani, der nach dem Urteilsspruch Revision ankündigte, noch mittels eines Gutachtens das Blatt zu wenden. Ein Verkehrspsychologe bescheinigte dem 28-Jährigen nach einer 2010 durchgeführten Leistungsuntersuchung erhebliche Minderleistungen bei Reaktionszeiten und Aufmerksamkeit. Das könne dazu führen, dass er als Fahrer auf Fehler anderer Verkehrsteilnehmer nicht rechtzeitig reagiere. Der Sachverständige weiter: Es habe sich beim Angeklagten ein „gewisser Unwille“ offenbart, auf Fehler anderer zu reagieren, um Unfälle zu vermeiden.

Doch das von der Verteidigung beauftragte Gutachten bezeichnete Vorsitzender August-Wilhelm Marahrens in der Urteilsbegründung als „Nebelkerze“. Die Zeugenaussagen in dem seit 16 Monaten laufenden Prozess hätten ergeben, dass der 28-Jährige sehr wohl in der Lage war, schnell zu reagieren und durch plötzliche Spurwechsel Fehler anderer Autofahrer zu nutzen, um Unfälle zu bauen, damit er Versicherungszahlungen kassieren könne. Gerade diese Fälle bezeichnete der Richter als „besonders dreist“, weil ohne sein Handeln Unfälle vermieden worden wären. In anderen Fällen habe er Auffahr- oder Überholunfälle provoziert. Extrem dreist sei es gewesen, mit der eigenen schwangeren Frau auf dem Beifahrersitz einen dieser Unfälle zu provozieren.
Ausdrücklich nahm das Gericht den ermittelnden Polizisten in Schutz. Dieser war von der Verteidigung angegriffen worden, er habe einseitig ermittelt und Zeugen beeinflusst, um Unfälle, für die sie einst selbst Verantwortung übernommen hatten, nun als provoziert darzustellen.