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Göttingen Gabenzäune in Göttingen: Kleine Hilfen in der Corona-Krise
Die Region Göttingen Gabenzäune in Göttingen: Kleine Hilfen in der Corona-Krise
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20:30 27.03.2020
Gabenzaun an der Marienkirche Göttingen Groner-Tor-Straße Quelle: Peter Heller
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Göttingen

Jetzt gibt es sie auch in Göttingen: Gabenzäune. Diese niederschwelligen Hilfsangebote sind gedacht für Obdachlose und Menschen in Not, die die Corona-Krise besonders hart trifft. Das Prinzip ist einfach: Wer Lebensmittel und Dinge des täglichen Bedarfs geben kann, hängt sie abgepackt in Tüten an den Zaun. Wer diese Dinge nötig hat, kann sie sich einfach von dort nehmen.

Den ersten Gabenzaun in Göttingen gibt seit Donnerstag an den Marienkiche an der Groner-Tor-Straße. Eine 20-jährige Göttingerin, die lieber anonym bleiben will, und ihr Freund hatten die Idee dazu. In den Nachrichten und auf Instagram hatte sie von Gabenzäunen in anderen Städten gehört. „Uns geht es doch gut. Da können wir doch helfen“, sagt sie. Und das, obwohl sie selbst von der Corona-Krise betroffen ist. Ihren Job in der Gastronomie kann sie derzeit nicht ausüben, der Lohn bleibt aus.

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An der Marienkirche: Der Gabenzaun ist dafür gedacht, Lebensmittel, Hygieneartikel und Kleidung für Bedürftige daran zu hängen. Quelle: dpa

Nachdem ihre Suche in Göttingen nach einem Gabenzaun am Mittwoch erfolglos verlaufen sei, sei klar gewesen, selber einen ins Leben zu rufen, sagt die Initiatorin. Die Marienkirche hat sie gewählt, weil dort relativ viele Menschen vorbei kämen. Für 30 Euro hat sie am Donnerstag denn Lebensmittel und Hygieneartikel gekauft, in Tüten verpackt, beschriftet und an den Zaun gehängt. Die Initiatorin hofft nun, dass sich viele Göttinger daran beteiligen und ebenfalls etwas auf diesen Weg spenden. Gesucht würden auch Kleidung, Decken und Tiernahrung.

Gabenzaun an der Marienkirche Göttingen Groner-Tor-Straße Quelle: Peter Heller

Die Reaktionen auf die Aktion seien bislang durchweg positiv gewesen, sagt die 20-Jährige. Riesiger Zuspruch und Lob auch in der Facebook-Gruppe „Wenn Du in Göttingen aufgewachsen bist, dann ...“, wo sie ihre Aktion zuerst öffentlich machte. „Schönste Info des Tages“, „Coole Sache werde mich nachher auch beteiligen“, „Eine ganz tolle Idee!!!“ heißt es dort in den Kommentaren.

Zuspruch kommt inzwischen auch vom evangelisch-lutherischen Kirchenkreis Göttingen: „Danke für so viel Hilfsbereitschaft“, heißt dazu auf dessen Instagram-Account mit dem Hinweis, dass „Wohnungslose und andere Hilfsbedürftige auch weiterhin von unserer Straßensozialarbeit und dem katholischen St. Michael Mittagstisch versorgt“ werden.

Einen weiteren Gabenzaun gibt es seit Freitag auch am Waageplatz in Göttingen. Die ersten Beutel hängen dort. Sieben Mitglieder der Gruppe „Solidarisch gegen Corona – Göttingen“ im Messengerdienst Telegram, die Hilfe anbieten und vermitteln, organisieren den Zaun und kümmern sich um den Standort.

„Wir haben uns überlegt, wie wir wohnungslosen Menschen helfen können“, sagt Sara, eine der Organisatorinnen. Die Möglichkeit, Lebensmittel und anderes kontaktlos am Zaun an Bedürftige weiterzugeben, sei in Corona-Zeiten ideal. Der Waageplatz sei als Standort optimal, weil er zentral gelegen und barrierefrei zu erreichen sei, sagt Sara. Das Ordnungsamt der Stadt hätten sie inzwischen über die Aktion informiert. Mit der Straßensozialarbeit und dem „Bürger*innenforum Waageplatz seien sie in Kontakt, sagt Sara.

Inzwischen haben die Organisatoren von den Zäunen Waageplatz und an der Marienkirche, die zunächst unabhägig und ohne voneinder zu wissen gearbeitet haben, Kontakt aufgenommen. Beide Zäune wollen sie nun gleichermaßen bewerben.

Auch wenn Corona der Auslöser für den Gabenzaun am Waageplatz ist. Die Gruppe dort denkt über die Zeit der Krise hinaus: Mittelfristig soll ein Verein entstehen, um über ihn weiterhin Hilfe für Wohnungslose anbieten zu können.

Alexander Brandt bereitet den Gabenzaun am Waageplatz vor. Quelle: R

Hamburger Idee

Vorbild der Zaun-Gruppe vom Waageplatz ist Hamburg: Denn die Idee der Gabenzäune kommt ursprünglich von dort, wo es bereits seit drei Jahren am Heidi-Kabel-Platz am Hamburger Hauptbahnhof einen Gabenzaun gibt. Betreut wird der Gabenzaun von dem gemeinnützigen Verein „Hamburger Gabenzaun“. Das Bezirksamt dulde den Zaun auf öffentlichen Grund, erklärt der Verein.

Der Gabenzaun sei frei zugänglich und kann rund um die Uhr ganzjährig mit verpackten Spenden bestückt werden, erläutert der Verein. „Jeder kann dies tun, wann er möchte. So können Spender und Bedürftige anonym an- und abhängen.“

Das Team des Vereins bietet nach eigenen Angaben an mindestens fünf Tagen in der Woche eine kleine Versorgung mit Getränken und Speisen an und berät zu weiteren Hilfen für die Bedürftigen.

Gabenzäune bundesweit

In den vergangenen Tagen sind bundesweit weitere Gaben- oder Spendenzäune entstanden, darunter in Bochum, Leipzig, Dresden und Frankfurt am Main. Und eben Göttingen. In Berlin zählte der „Tagesspiegel“ am Dienstag bereits mehr als 21 Zäune.

In seiner Videobotschaft zur Corona-Krise ging Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auf die Gabenzäune ein. Er dankte darin den Engagierten, die für andere einkaufen und Obdachlose über sogenannte Gabenzäune versorgen.

Kritik aus Stuttgart

Es gibt aber auch Kritik, wie das Nachrichtenportal „Tag24“ berichtet. Es zitiert Stuttgarts Sozialbürgermeisterin Alexandra Sußmann. Sie freue sich zwar über das Mitgefühl der Stuttgarter, sagte Sußmann. Sie betonte jedoch auch: „Bei Lebensmittelspenden wissen wir nicht, ob die Hygienestandards eingehalten oder die Lebensmittel eventuell verdorben sind und dadurch die Empfänger gefährdet werden könnten.“

Corona wird zum Problem

Für den Gabenzaun in Hamburg wird die Corona-Krise inzwischen zum Problem: „Wir hatten ein sehr langes, sehr vertrauensvolles Gespräch mit der für das Areal rund um den Gabenzaun zuständigen Polizeiwache. Wir wurden inständig gebeten, auch zum Schutz der Zaungäste, derzeit Ansammlungen zu verhindern. Der Gabenzaun darf von uns vorübergehend, also bis das Corona-Chaos im Griff ist, nicht mehr mit Spenden bestückt oder angefahren werden. Nur so ist es möglich, die Ärmsten der Armen vor sich selbst und vor einer Ansteckung zu schützen“, heißt es auf der Internetseite des Vereins.

Sie erreichen den Autor unter

E-Mail: m.brakemeier@goettinger-tageblatt.de

Twitter: @soulmib

Von Michael Brakemeier / epd

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