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Göttingen Ganztags-Projekt an Tannenbergschule bedroht
Die Region Göttingen Ganztags-Projekt an Tannenbergschule bedroht
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00:23 16.09.2018
An der Tannenbergschule werden die behinderten Kinder von Mitarbeitern der Diakonie Christophorus betreut – hier von Erzieherin Ina Hensel. Quelle: Peter Heller
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Weende

Es herrscht Unruhe an der Tannenbergschule in Weende – vor allem bei den Lehrern, Erziehern und Eltern der Schüler. Sie sorgen sich um das Wohl der behinderten Kinder an der Förderschule mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung und um das besondere Konzept für die Ganztagsbetreuung.

Diese organisiert die Halbtagsschule seit 40 Jahren mit der Tagesstätte der Diakonie Christophorus Göttingen als Kooperationspartner. Es ist ein besonderes Modell, das es in dieser Form nur an fünf Schulen in Niedersachsen gibt. Dabei unterrichten und betreuen Sonderpädagogen (Lehrer) und Erzieher die behinderten Kinder in enger Absprache. Die Lehrer werden aus dem Topf des Kultusministeriums bezahlt. Die Erzieher sind bei der Diakonie beschäftigt – finanziert vom Sozialministerium.

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Laut Betriebserlaubnis vom Land darf die Schule in diesem Modell 160 Kinder aufnehmen. Weil die Nachfrage aber stetig steigt, haben die Partner am Jahresbeginn zum Schuljahr 2018/19 eine Erweiterung auf 175 Plätze beantragt. Das habe das Landessozialamt abgelehnt, bestätigt Schulleiterin Maria Brinkmann.

Schule am Tannenberg. Quelle: Niklas Richter

Und diese Ablehnung gehe offensichtlich einher mit dem Ziel, generell eine andere finanzielle Regelung zu finden. Das Landessozialamt sehe sich schon lange nicht in der Verantwortung für den Schulbereich und für Ganztagsschulen im Besonderen. Das sei Angelegenheit der Landesschulbehörde und des Kultusministeriums. Die wiederum dürften Kooperationen in dieser Form nicht finanzieren. Auch die Stadt habe das Landessozialamt als möglicher Geldgeber für die Erzieher in der Ganztagsbetreuung genannt, erklärt Göttingens Schuldezernent Siegfried Lieske und fügt an: „Das ist schon erstaunlich“, eigentlich müsse das Land Ganztagsschulen vorhalten und könne dann Verträge mit der Stadt abschließen. Gibt es keine Einigung, wäre die Diakonie Christophorus als Partner ausgebootet, echauffiert sich Bernhard Lubinsky, Vater eines Tannenberg-Schülers. „Wenn diese langjährige, bewährte Kooperation tatsächlich ausläuft, wäre das ein Drama“, ergänzt Brinkmann: „Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie das gehen soll.“

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INFO: Die Schule und das besondere Modell

Die Schule am Tannenberg ist eine öffentliche Schule für geistig beeinträchtigte Schüler. Träger ist die Stadt Göttingen. Die Schule und die Tagesstätte der Diakonie Christophorus Göttingen bilden ein Kooperationsmodell: Gemeinsam wollen sie die Schüler nach den Kerncurriculum für Förderschulen mit dem Schwerpunkt Geistige Entwicklung beschulen und zu fördern.

Die Schule führt die Jahrgangsklassen von Eins bis Zwölf. In einer Klasse sind in der Regel sieben bis acht Schüler. Gefördert werden sie nach weiteren Angaben der Schule durch einen Förderschullehrer und einen Erzieher sowie eine FSJ`ler. Therapeuten helfen dabei durch Gruppen- und Einzeltherapie, eine individuelle, optimale Lernausgangssituation zu geben.

Die Schule ist vor 40 Jahren aus dem Christophorushaus entstanden und seitdem eng mit der Einrichtung verzahnt.

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Es ist eine harte und auch emotionale Einschätzung, mit der sie nicht alleine steht. Hier sollen gewachsene Strukturen zerstört werden, auf die sich seit 40 Jahren Schüler- und Elterngenerationen verlassen konnten“, beklagt Sabine Lo-Becker, Bereichsleiterin der Tagesstätte an der Schule. „Das muss dringend und vor allem dauerhaft geregelt werden“, sagt auch Lieske. Er hat sich in einem gemeinsamen Brief dem Appell von Schule und Diakonie an die Landesministerien schon vor den Sommerferien angeschlossen.

Bisher aber gibt es keine Entscheidung. Auf Nachfrage erklärt der Sprecher des Landessozialamtes, Michael Haase, „dass die vom Christophorushaus Göttingen gegenüber den beteiligten Ministerien erbetene Überprüfung der bisherigen Entscheidung noch nicht abgeschlossen ist und sich derzeit in der Abstimmung zwischen den genannten Ressorts befindet“.

FSJ-lerin Pia-Alea Graßme spielt am nachmittag mit Kindern der Schule am Tannenberg. Quelle: Peter Heller

Unterdessen stecke die Schule in einer Zwickmühle, sagt Brinkmann. Obwohl Niedersachsen auf Inklusion setzt und Eltern ihre behinderten Kinder an jeder Schule anmelden können, steige die Zahl der Anfragen. Wenn ein Kind angemeldet wird, dürfe sie die Eltern nicht zurückweisen. Gibt es aber keine Platzerweiterung, müsse sie ablehnen.

Von Ulrich Schubert