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Göttingen Gedenken an die Reichspogromnacht in Göttingen
Die Region Göttingen Gedenken an die Reichspogromnacht in Göttingen
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17:56 10.11.2019
„Zur Erinnerung an die Schandtat, als ein Zeichen der Umkehr in Göttingen“: das Mahnmal für die 1938 niedergebrannte Synagoge. Quelle: Swen Pförtner
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Göttingen

„In Göttingen hat es lang, ja, zu lange gedauert, bis das unbequeme Gedenken und der Widerstand gegen das Vergessen und Verdrängen zum Bestandteil der Stadtkultur geworden ist“, sagte Göttingens Bürgermeister Ulrich Holefleisch (Grüne) bei der Gedenkfeier am Synagogenmahnmal. Zuvor hatte die Vorsitzende der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Göttingen (GCJZ), Esther Heling-Hitzemann daran erinnert, dass in Göttingen erst 1973 das Mahnmal für die in der Nacht zum 10. November von Mitgliedern der SS niedergebrannte Synagoge errichtet worden war. „Zur Erinnerung an die Schandtat, als ein Zeichen der Umkehr in Göttingen“, sagte Heling-Hitzemann.

„Viele Göttinger haben Schuld auf sich geladen“

Mit den Novemberpogromen vor 81 Jahren gingen die Nationalsozialisten zur offenen Gewalt gegen die jüdische Minderheit über. In der reichsweiten Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 brannten unzählige Synagogen, jüdische Geschäfte und Wohnungen wurden verwüstet und jüdische Bürger misshandelt und getötet –auch in Göttingen. 282 jüdische Bürger aus Stadt und Landkreis Göttingen ermorderten die Nationalsozialisten während ihrer Herrschaft. Ihre Namen finden sich auf fünf Bronze-Namenstafeln am Mahnmal.

Göttinger Christen, fuhr Holefleisch, hätten in dieser Nacht gegen das „erbarmungslose“ Vorgehen der Nationalsozialisten keinen Widerstand geleistet. „Viele in Göttingen haben Schuld auf sich geladen.“ Heute sei und bleibe Göttingen „bunt“. Faschismus, Rassismus, Antisemitismus und Islamfeindlichkeit hätten in der Stadt keinen Platz. „Wir sehen uns in der Pflicht, unser Möglichstes zu tun, um diesen menschenverachtenden Haltungen schon im Keim einen Riegel vorzuschieben“, sagte Holefleisch.

Wenn der Vorsitzende des Jüdischen Weltkongresses, Ronald Lauder, nach der Wahl „des Faschisten Höcke“ befinde, die Lage in Deutschland sei ernst, dann könne er dem nur beipflichten, so Holefleisch. Er plädierte dafür, mehr für die Demokratie zu tun – in den Familien, Schulen, Institutionen und Politik.

Klare Kante“ gegen Antisemitismus

Marko Khrapko vom Verband Jüdischer Studierender erinnerte daran, dass es selbstverständlich jüdisches Leben in Göttingen, aber auch stets präsenten, latenten Antisemitismus gebe. „Es ist immer noch schwierig sich zu erkennen zu geben“, sagte Khrapko. „Unreflektierter Alltagsrassismus ist überall anzutreffen.“ Das Wort „Jude“ gelte oft nur noch als Schimpfwort. „Was bedeutet es, fremd in der eigenen Stadt zu sein?“, fragte er. „Wie kann es sein, dass Hakenkreuze an der Uni-Bibliothek auftauchen?“ Auch reiche es nicht aus, nur nach Anschlägen wie dem von Halle auf die Straße zu gehen. Es ändere sich erst etwas, „wenn jeder nach links und rechts schaut und Diskriminierung begegnet.“ Jeder müsse im Alltag „klare Kante“ gegen Antisemitismus zeigen, forderte Khrapko.

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Kampagnen, Boykotte und Angriffe

Exemplarisch für das Leid von Göttinger Juden während der Nazi-Herrschaft schilderten Schüler des Theodor-Heuss-Gymnasiums das Schicksal der Familien Gräfenberg um die beiden Brüder Hugo und Richard, die bis 1935 an der Weender Straße 39 ein gut gehendes Textilkaufhaus betrieben. Schon ab 1933 seien die Familien Ziele von Kampagnen, Boykotten und Angriffen der SA und SS gewesen. Familienmitglieder landeten im Gefängnis, wurden von Nationalsozialisten in Ghettos und Konzentrationslager verschleppt und getötet. Einigen gelang die Flucht in die USA und Palästina.

Am 9. Dezember sind Nachfahren der Familien Gräfenberg in Göttingen. Stolpersteine für die Familie sollen verlegt werden.

Die Gedenkstunde am Mahnmal der Synagoge endete mit dem Kaddish, dem jüdischen Totengebet.

Stolpersteine auf Hochglanz

#KeinVerblassen: Göttinger polieren Stolpersteine. Quelle: Brakemeier

Den Nachmittag vor der Gedenkstundezur Reichspogromnacht 1938 hatten Clemens Niederlag und Freunde genutzt, um gegen das Vergessen der Nazi-Gräuel anzupolieren. Mit Lappen, Wasser und Polierpaste hat sich die Gruppe um den Rechtsreferendar aufgemacht, die 37 im Stadtgebiet verlegten Stolpersteine vom Dreck zu befreien und zu neuem Glanz zu verhelfen.

Die Gedenktafeln erinnern an das Schicksal der Menschen, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, ermordet, deportiert und vertrieben wurden.In Göttingen sind aktuell 37 Steine vor elf Hauseingängen verlegt.

Auf Twitter hatte Niederlag die Anregung dazu bekommen. Unter dem Hashtag #KeinVerblassen posten Nutzer Bilder von gesäuberten Stolpersteinen.

„Die Steine müssen gepflegt werden, um an die Opfer zu erinnern und das Gedenken zu pflegen“, sagte der 26-jährige Niederlag. Ziel sei es auch gewesen, mit Passanten ins Gespräch zu kommen, denn nicht alle wüssten, was es mit den Stolpersteinen auf sich habe. Das sei sehr gut gelungen, sagt Niederlag. So habe die Aktion viel Aufmerksamkeit erfahren, sie seien „in Kontakt mit den Leuten“ gekommen.

„Ihr seid klasse“, lobte etwa eine Passantin vor dem Haus OM10 in der Oberen-Masch-Straße.

Kerzen und Blumen zur Erinnerung an die jüdischen Opfer in Göttingen. Quelle: Brakemeier

Niederlag und seine Freunde waren nicht die einzigen, die sich am Sonnabend um die Stolpersteine kümmerten. Marko Khrapko vom Verband Jüdischer Studierender legte mit Kommilitonen Blumen an den Steinen nieder und entzündeten Kerzen.

Sie erreichen den Autor unter

E-Mail: m.brakemeier@goettinger-tageblatt.de

Twitter: @soulmib

Facebook: michael.brakemeier

Von Michael Brakemeier

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