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Göttingen Südlink-Stromtrasse elektrisiert den Westen Göttingens
Die Region Göttingen Südlink-Stromtrasse elektrisiert den Westen Göttingens
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16:46 03.04.2019
Bin ich auch betroffen? Die Karten mit dem Trassenverlauf stoßen auf großes Interesse. Quelle: Kuno Mahnkopf
Göttingen

Das Thema Südlink elektrisiert. Wie sehr die Einwohner der westlichen Göttinger Ortsteile unter Hochspannung stehen, weil die Erdkabel-Gleichstromtrasse durch ihre Wohngebiete geführt werden soll, ist bei einer Informationsrunde am Dienstagabend im Hotel Freizeit In deutlich geworden. Wegen des Andrangs musste ein zweiter Saal geöffnet werden.

Siedlungsentwicklung eingeschränkt

Vor etwa 400 Zuhörern verdeutlichten Stadtbaurat Thomas Dienberg, Vertreter des Netzbetreibers „TenneT“, der Bundesnetzagentur und der Bürgerinitiative „Gegenwind“ ihre Positionen. „Wir wollen in Göttingen eine dezentrale Energiewende“, sagte Dienberg: „Das ist eine völlig andere Haltung als diese transnationale Leitung.“ Der Trassenverlauf durch den westlichen Stadtbereich, der Siedlungsbereiche tangiere und Erweiterungsflächen unattraktiv mache, verhindere die Weiterentwicklung des im Norden, Süden und Osten eingeschränkten Oberzentrums Göttingens. Mit dem Werra-Meißner-Kreis habe die Stadt einen Gutachter eingeschaltet, um die Argumente für die durch das Eichsfeld führende Südlink-Ostvariante zu untermauern.

„Unzumutbare Belastung“

Auf reichliche Erfahrungen zurückblicken können Anita Schmidt-Jochheim und Katharina Schüle-Rennschuh von der Bürgerinitiative „Gegenwind“, die bereits 2012 wegen der größtenteils als Freileitung geplanten 380-kV-Wechselstromleitung Wahle-Mecklar gegründet wurde. Sie wiesen auf gesundheitliche Risiken durch elektromagnetische Felder, schädliche Bodenveränderungen, die bereits bestehenden Belastungen durch Strom- und Verkehrstrassen, Beeinträchtigung des Landschaftsschutzgebiet „Leinetal“ und des Wassereinzugsgebietes Gronespring hin. Ihr Fazit: „Das ist keine zumutbare Belästigung, sondern eine unzumutbare Belastung.“

Etwa 400 Bürger sind am Dienstagabend zu einer Infoveranstaltung über die geplante Stromtrasse Südlink im Hotel Freizeit Inn gekommen. Dort wurde deutlich, wie sehr die Betroffenen in den westlichen Göttinger Ortsteilen unter Spannung stehen.

Schüle-Rennschuh verwies auf die umfangreichen Neubauflächen und den Wohnkomfort in Elliehausen, Esebeck, Hejtershausen, Knutbühren und Groß Ellershausen: „Die nun geplanten Trassenverläufe von Wahle-Mecklar plus Südlink kesseln Hetjershausen und Groß Ellershausen dermaßen ein, dass diese Wohnbauentwicklung für alle Zeiten passé sein wird.“ Auf völliges Unverständnis stößt die Trassenplanung im Engpass zwischen dem Altdorf Hetjershausen und der Wohnsiedlung Hasenwinkel. Während der Bauphase werde die Trasse bis zu 60 Meter breit sein, anschließend sei ein 30 Meter breiter Streifen in der Größendimension einer Autobahn freizuhalten. „Wer will hier noch bauen und seine Familie einem Feldversuch mit Auswirkungen auf die Gesundheit aussetzen?“, fragte sich Schüle-Rennschuh.

Risikofaktoren für Gesundheit

Wie berechtigt die Frage ist, zeigte die Wortmeldung einer Mutter von zwei Kindern, die einen der 30 Bauplätze im Baugebiet „Südlich Deneweg“ in Hetjershausen erworben hat und jetzt erwägt, ihn zurückzugeben. Dienberg bot Gesprächsbereitschaft an, auch über die gesetzte Baufrist könne man reden. Die Ärztin Schmidt-Jochheim führte epidemologische Studien zu den Spätfolgen elektromagnetischer Felder als Risikofaktoren für Krebs und weitere Erkrankungen an. Auch die hydrogeologischen Verhältnisse wurden thematisiert, Bedenken wegen Nitrateinträgen, Kreuzung von Wasseradern, Veränderung von Qualität und Temperatur des Grundwassers geäußert.

Enges Zeitfenster für die weiteren Verfahrensschritte

Auf das enge Zeitfenster für die nächsten Südlink-Verfahrensschritte weist Stadtbaurat Thomas Dienberg hin und fordert zu maximaler Beteiligung auf. Der öffentlichen Auslegung vom 8. April bis 7. Mai bei der Bundesnetzagentur (in Göttingen in der Bertha-von-Suttner-Straße 1) soll ein noch nicht terminierter Erörterungstermin in Göttingen folgen. Die Frist für schriftliche oder elektronische Stellungnahmen und Einwände endet am 7. Juni. Jeder könne eine Stellungnahme abgeben, man müsse kein Haus im Trassenkorridor haben, sagt Thomas Brandt von der Netzagentur. Es gebe weder Eingangsbestätigungen noch schriftliche Antworten, nach Fristende eingereichte Stellungnahmen würden nicht berücksichtigt. Einen weiteren Infomarkt führt Vorhabensträger Tennet am 29. April ab 16 Uhr im Bürgerhaus Bovenden durch. Das letzte Wort hat die Bundesnetzagentur, die nach Abwägung aller Stellungnahmen eine Entscheidung über den konkreten Erdkabel-Korridor trifft, bevor das Genehmigungsverfahren mit der Planfeststelllung endet. Im Zuge des Planfeststellungsverfahren haben Bürger noch einmal die Möglichkeit, Hinweise in den Planungsprozess einzubringen. ku

„Wie hoch wird die Bodenerwärmung tatsächlich sein? Fault die Saat oberhalb der Trasse? Wie sieht es mit Nachsackungen aus?“, sind weitere Fragen, die die Bürgerinitiative ebenso wie die Bauern beschäftigen. „Tennet, Altmeier & Co – wir sind hier nicht das Energiewendeklo“ stand auf einem der Protestplakate, die Landwirtsfamilie Haepe aus Hetjershausen mitgebracht hatte. Nahezu als Hohn empfinden es Kritiker der Trasse, dass der Netzbetreiber erst jetzt auf einem Testfeld der agrarwissenschaftlichen Fakultät der Göttinger Uni die Auswirkungen der nur streckenweise unterirdischen Stromtrasse Wahle-Mecklar simulieren wolle – und das mit Heizbändern.

Tennet nennt Gründe gegen Ost-Variante

Die Südlink-Trasse soll als Punkt-zu-Punkt-Verbindung ohne Entnahme- und Einspeisemöglichkeiten zwischen Brunsbüttel und Baden-Württemberg Windstrom von der Nordseeküste zu den süddeutschen Industriezentren transportieren. Im Februar hat der Netzbetreiber Tennet bekanntgegeben, der Bundesnetzagentur nun doch die durch das Göttinger Stadtgebiet sowie die Gemeinden Rosdorf und Friedland führende westliche Trassen-Variante vorzuschlagen. Gründe dafür nannten Elisabeth Benecke und weitere Tennet-Vertreter.

Naturschutz und Wirtschaftlichkeit

Zunächst seien 40 Kriterien vorgegeben worden, inzwischen aber mehr als 150 Kriterien in die Planung einbezogen, im gesamten Korridornetz detaillierte Untersuchungen durchgeführt worden, sagte Benecke. Der Artenschutz habe ebenso wie große Wald- und Wasserschutzgebiete sowie bautechnische Probleme in Karstgebieten gegen die östliche Trassenvariante gesprochen. Als Vertreter der Arge-Ingenieurbüros, die die Südlink-Planung begleiten, nannte Thomas Grimm weitere Kriterien, die berücksichtigt wurden: Flächenverfügbarkeit, Länge und Wirtschaftlichkeit der Leitung, die Querung von Seiten- und Steilhängen, FFH-Gebiete und potenzielle Lebensräume geschützter Arten. Das komme auf beiden Trassenverläufen vor, im Osten gebe es aber deutlich mehr Knackpunkte als im Westen, zudem seien dort die Baukosten höher.

Trasse nicht nur für Windstrom

In solchen Rohren werden die Kabel für den Südlink verlegt. Quelle: dpa

Benecke räumt ein, dass Südlink vor allem Strom aus den Nordsee-Windparks verteilen solle, aber auch Kohlestrom transportiert werden könne: „Die Leitungen fragen nicht, wo der Strom herkommt.“ Es gehe auch um den Anschluss ans europäische Stromnetz, um Engpässe und Überschüsse auszugleichen: „Dafür brauchen wir große Stromautobahnen.“

Grenzwerte eingehalten

Vom Testfeld neben dem Uni-Versuchsgut Reinshof erhofft sich Benecke auch Erkenntnisse für Südlink, das allerdings andere Bedingungen als das Wechselstrom-Projekt Wahle-Mecklar habe: „Wir erwarten aber Aussagen zu Verdichtungen und Versackungen, Wasserhaushalt und Rekultivierung. „Wir halten uns an bestehende Grenzwerte“, antwortete sie auf Fragen zum Gesundheitsrisiko. Ihre Anmerkung, Begleitforschung im Kontext von Medizin und Gesundheit sei in Planung, ging im Gelächter des Publikums unter. Pfiffe erntete Tennet-Vertreterin Alexandra Schmidt für ihre Aussage: „Der Korridor hat aufgrund von Raumwiderständen seinen Weg gefunden. Sie müssen Engpässe in Kauf nehmen.“ Angelika Perner (Tennet) widersprach Kritik am sogenannten Bündelungsgebot für ohnehin bereits belastete Areale. Es gebe keinen pauschalen Bündelungsvorteil, sondern Einzelfallabwägungen: „Alle Schutzgüter werden gleichwertig betrachtet.“

Bodenfruchbarkeit hat Priorität für die Bauern

Treckerdemo bei Rosdorf gegen die Südlink-Erdverkabelung. Quelle: Christian Jagielski

Das Göttinger Landvolk legt den Fokus bei den Südlink-Vertragsgestaltungen auf die dauerhafte Wiederherstellung der Bodenfruchtbarkeit. „Das hat für uns absolute Priorität“, sagt Achim Hübner, Geschäftsführer des Kreisbauernverbands: „Der Eingriff in den Boden, der übrigens der aktiven Landwirtschaft nur noch zu etwa einem Drittel gehört, wird erheblich sein.“ Da beide Trassen-Alternativen (Göttingen oder Eichsfeld) im Verbandsgebiet liegen, lasse sich eine Landvolk-Position für eine Vorzugstrasse ohnehin nicht finden. Wert legt Hübner auf die Feststellung, dass als Baustein der Energiewende auch Kabeltrassen geduldet werden müssen: „Wir sind selbst Wirtschaftsverband und halten uns beim grundsätzlichen Boykott von Infrastrukturmaßnahmen eher zurück – auch wenn es manchmal sehr schwer fällt.“ Wenig optimistisch für anstehende Südlink-Verhandlungen stimmen Hübner die Erfahrungen mit Tennet beim 380-KV-Projekt Wahle-Mecklar: „Für den etwa 35 Kilometer langen Freileitungsbereich haben wir einen Rahmenvertrag geschlossen, für die 5,5 Kilometer Erdverkabelung westlich von Göttingen erscheint das nach wie vor problematisch.“

Von Kuno Mahnkopf

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