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16:29 31.05.2019
Die großen Glocken von St. Albani werden feierlich in den Kirchturm gehoben. Quelle: Swen Pförtner
Göttingen

 Die Augen Richtung Himmel erhoben, stand am Freitagmittag eine größere Menschenmenge am Göttinger Albani-Kirchhof. Die etwa 400 Schaulustigen erlebten einen historischen Moment. Mit Hilfe eines Schwerlastkrans konnten die beiden neuen Glocken der evangelischen St.-Albani-Kirche in den Glockenstuhl gehoben werden. Jetzt ist das Geläut komplett.

„So, nun ist es soweit“, stellte Dieter Nehls zufrieden fest, als die erste Glocke ihren Weg in den Kirchturm antrat und frei über der Erde schwebte. Zuvor hatte der ehemalige Pastor der Albani-Gemeinde und Vorsitzende des gemeindeeigenen Glockenvereins dafür beten lassen, dass beim Transport der zwei Schwergewichte keinem Menschen etwas zustoße. Passend fand er auch den tagesaktuellen Spruch aus den Herrnhuter Losungen, der da für den 31. Mai heißt: „Auch verlass mich nicht, Gott, im Alter, wenn ich grau werde, bis ich deine Macht verkündige Kindeskindern und deine Kraft allen, die noch kommen sollen.“ (aus Psalm 71). Schließlich würden auch Glocken ergrauen. Irgendwann. Den Umstehenden rief Nehls zu: „Ihr könnt auch was machen, Ihr könnt klatschen.“ Die Aufforderung blieb nicht ungehört.

Strahlendes Kleid aus Bronze

Allen Anwesenden präsentierten sich die beiden Neuen „Sola Gratia“ (allein aus Gnade) und „Solus Christus“ (allein durch Christus) in einem strahlenden Kleid aus Bronze, auf der Oberfläche künstlerisch verziert durch Peter Luban. Während die eine 3379 Kilogramm auf die Waage bringt, liegt die andere bei einem Gewicht von 2302 Kilogramm. Der heikelste Moment war, als die Glocken von Bauarbeitern über ein Gerüst in den Turm gehievt wurden. Ein Absetzen auf den obersten Brettern hätte den Einsturz des Gerüstes zur Folge haben können. Mittels eines Flaschenzuges sind die Glocken ganz langsam in ihre Positionen im Glockenstuhl bewegt und schließlich verankert worden.

Glocken sollten 2017 fertig sein

Insgesamt verfügt St. Albani nun über vier Glocken. „Sola Scriptura“ (allein durch die Schrift) und „Sola Fide“ (allein durch den Glauben) sind bereits 2017 im Turm befestigt worden. Beide sind deutlich kleiner als ihre jetzt hinzugekommenen Schwestern. „Sola Scriptura“ wiegt 1649 Kilogramm, „Sola Fide“ 759 Kilogramm. Ursprünglich sollten alle Glocken zum 500. Reformationstag im Oktober 2017 an Ort und Stelle gebracht werden, deshalb auch die speziellen Glockennamen, die dem Katechismus von Martin Luther entnommen sind. Doch es gab Fehlgüsse, die großen Glocken ließ die Werkstatt zweimal wieder einschmelzen.

Das dem jetzigen Quartett vorausgegangene Glockengeläut stammte aus dem Jahr 1951. Es war seinerzeit aus Stahl geformt worden und ersetzte ein Geläut, das auf Anordnung der Nationalsozialisten eingeschmolzen worden war. Eine der alten Stahlglocken, die innen löchrig sind wie ein Schweizer Käse, ist an der Südwestseite der Kirche als Anschauungsobjekt aufgestellt.

Glockenwein in rot, weiß und rosé

Der Glockenverein von St. Albani war 2013 ins Leben gerufen worden. Seine Aufgabe: Geld sammeln für die neuen Glocken. Dazu ließen sich Nehls und seine Mitstreiter immer wieder etwas Neues einfallen. „Wir haben den Gedanken an die neuen Glocken immer lebendig gehalten in der Gemeinde. Jeden Sonntag gab es einen Glockentisch und ich habe immer jemanden dazu überreden können, einen Kuchen zu backen“, berichtet Nehls gegenüber dem Tageblatt. Sogar Wein aus der Lage St. Alban, unweit von Mainz, ist allen Glocken-Unterstützern angeboten worden: Glockenwein in rot, weiß und rosé. Das ganze Programm. Die Einnahmen gingen in die Glockenkasse.

Der Erfolg spricht für sich: Ohne Zuschüsse durch Landesregierung oder Landeskirche konnte die St.-Albani-Gemeinde, unterstützt von wohlwollenden Freunden, die stolze Summe von 400 000 Euro stemmen. Jetzt, räumt Nehls ein bisschen wehmütig ein, könnte sich der Glockenverein wieder auflösen. Die Arbeit ist getan. Andererseits muss die Orgel dringend überholt werden...

Ein Anwohner sagte gegenüber dem Tageblatt, dass er schon gespannt ist auf Klang und Lautstärke des neuen Geläutes. Ein wenig muss er sich noch gedulden. Das erste Probeläuten soll am 20. Juni sein. Am 23. Juni steht die offizielle Glockenweihe an.

Geschichte des Glockengusses

Gegossen wurden die vier neuen Glocken mit einem Gesamtgewicht von acht Tonnen in der Gießerei „Petit & amp;amp; Gebr. Edelbrock“ in Gescher im Münsterland. Der ersten Freude folgte der Schock: Die beiden größeren Glocken mit den Schlagtönen B’ und C’ wiesen erhebliche Fehler auf. Sie mussten wieder eingeschmolzen und erneuert werden. Nur die kleinere G’- und die ES’-Glocke waren in Ordnung und konnten im Turm eingehängt werden.

Von Ulrich Meinhard

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