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Göttingen Gemeinsam alt werden, nur auf andere Art
Die Region Göttingen Gemeinsam alt werden, nur auf andere Art
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19:11 28.09.2011
Seit 60 Jahren verheiratet: Irene und Herbert Kilian. Quelle: EF
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Reinhausen

„Damals war der andere nur wie ein schöner Traum.“ Herbert Kilian denkt an den Anfang der 50er Jahre zurück, als er seine Irene nur selten in Bremen besuchen konnte. „Der Zug war einfach zu teuer“, erzählt der 83-Jährige. Eineinhalb Jahre nach seinem Heiratsantrag zog Irene dann nach Reinhausen in seine Wohnung in der alten Kaserne. Viel besaß das junge Ehepaar damals nicht, war aber glücklich. Glücklich sich wieder gefunden zu haben und sich nun auch ganz nah sein zu können.

Mitte der 50er bauten die Kilians dann ihr eigenes Haus. Dort wohnt Herbert Kilian noch heute – bis vor eineinhalb Jahren zusammen mit seiner Frau. Nun besucht er sie im Göttinger Matthias-Claudius-Stift. „2008 haben die Ärzte bei ihr Demenz diagnostiziert“, erzählt er. Zwei Jahre lang hat er seine Frau zuhause gepflegt. „Dann hat sie nachts keinen Schlaf mehr bekommen.“ Herbert Kilian sagt, es sei die schwierigste Entscheidung seines Lebens gewesen, seine Frau im Heim leben zu lassen. Sie habe sich aber als gut herausgestellt. „Jedes Mal, wenn ich sie besuche, strahlt sie“, sagt der Reinhäuser, der wie seine Frau im Ort wohl bekannt ist. Er war aktiv in Sport und Politik. Irene gehörte zehn Jahre zum Vorstand des Heimatvereins.

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Besonders fehlen Herbert Kilian die Kochkünste seiner Irene. „Ich versuche, es ihr nach zu machen, doch so richtig klappt das nicht.“ Er erinnert sich an Tage, an denen seine Frau gleich vier Torten für anstehende Feste gebacken hat und an ihre Handarbeitskunst. Wenn der Reinhäuser seine 83-jährige Frau besucht, dann spielt er im Gemeinschaftsraum des Heimes Keyboard und liest aus seinem Buch vor, das kürzlich verlegt worden ist. Darin schreibt er über seine Jugendzeit, das Kriegsende, die Flucht vor den Russen und das Kennenlernen seiner großen Liebe.

Die verlegte Version seiner Memoiren hat Herbert Kilian mittlerweile um viele Seiten erweitert. Der letzte Satz seines Buches lautet: „Mein großes Ziel ist es, gemeinsam mit Irene sehr alt zu werden.“ Den Weg zum Ziel bestreiten sie wie geplant gemeinsam, nur auf eine andere Art und Weise.

Von Kristin Kunze