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Göttingen Gemobbt, drangsaliert, vergewaltigt: Martyrium eines Göttingers in Haft
Die Region Göttingen Gemobbt, drangsaliert, vergewaltigt: Martyrium eines Göttingers in Haft
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13:47 27.03.2014
Von Jürgen Gückel
Derzeit nur telefonisch im Kontakt: Oliver E. mit dem Handy-Foto seines inhaftierten Sohnes. Quelle: Gückel
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Göttingen/Braunschweig

 „Ich weiß, er kann nerven, wenn er was will“, sagt der Vater über den 17-Jährigen. Aber die JVA-Mitarbeiterin habe ihn, wenn er sie auf die Not des Sohnes angesprochen habe, beruhigt mit den Worten: „Ist nicht so wild. Ist halt so im Vollzug.“ 

Sven E. (Name geändert) sitzt aber gar nicht im Vollzug. Er ist Untersuchungshäftling. Jener jugendliche Untersuchungshäftling, dessen monatelanges Martyrium Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz (Grüne) „erschüttert“ hat, wie sie vergangene Woche in einer eilig einberufenen Pressekonferenz sagte.

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Der 17-Jährige soll von sechs Mitgefangenen über zwei Monate lang gequält, gedemütigt und vergewaltigt worden sein. Erst sollen sie ihm das Bett mit Kot beschmiert haben, dann hätten sie ihn mit einem Beutel voller Fäkalien verprügelt.

Sie bedrängten ihn sexuell, vergewaltigten ihn schließlich mit einem Besenstiel und zwangen ihn zu Oralverkehr. So der Tatverdacht, den ein Mitgefangener bestätigt habe. Der habe sich erst getraut, dazu auszusagen, als klar war, dass er entlassen wird, erzählte Sven seinem Vater. Noch heute ist der Jugendliche im Genitalbereich verletzt.

Er wollte "kein Einunddreißiger“ sein

Sein Martyrium hat der junge Göttinger erst vergangene Woche einer Anstaltspsychologin offenbart und es inzwischen seinem Vater gebeichtet. In den Telefonaten mit ihm, sagt der alleinerziehende Vater von fünf Kindern, sei der Sohn nie so direkt gewesen – aus Scham.

Und wenn er ihn im Knast besucht habe, ihm vis-à-vis gesessen habe in der Reihe mit anderen Häftlingen und deren Besuchern, zum Lautsprechen verpflichtet und stets unter der Kontrolle eines Wachmanns, da habe sich der Sohn nicht öffnen können. Auch aus Angst, dass Mitgefangene hören und weitertragen, dass er über die Gewalt, die ihm angetan wird, spricht.

Er habe „kein Einunddreißiger“ sein wollen, sagt der Vater. Paragraf 31 des Betäubungsmittelgesetzes (Straffreiheit bei Offenbarung einer Straftat) gilt hinter Gittern als Ehrenkodex, dass man Mitgefangene nicht verrät. „Paragraph 31 steht ganz einfach für einen äußerst widerlichen, schmierigen Verräter“, heißt es in einem Internetblog.

Nicht eingegriffen

Dabei hatte der Jugendliche genug Hinweise gegeben, dass er drangsaliert wird. Der Vater versuchte auch aus der Ferne zu helfen. Mehrmals habe er die Justizmitarbeiterin darauf hingewiesen. Doch die sei, obwohl anfangs freundlich, „immer wortkarger geworden“.

Inzwischen habe der Sohn ihm berichtet, dass die Frau gar beobachtet habe, wenn ihn die anderen – alle Südosteuropäer aus dem Raum Bremen und Hannover – drangsalierten. Sie habe aber nicht eingegriffen.

Hinweise gab es sogar schriftlich in einem ärztlichen Gutachten, weitergereicht am 4. Juli an die Göttinger Jugendrichterin: Andere Jugendliche würden „ihn ablehnen und drangsalieren“, heißt es darin.

Am 27. Juni war Sven in der Universitäts-Psychiatrie untersucht worden, weil zu begutachten ist, ob er bei der ihm vorgeworfenen räuberischen Erpressung, deretwegen er in Untersuchungshaft sitzt, schuldfähig war.

Immer wieder Straftaten

Eine „emotional impulsive Persönlichkeitsstörung“ wird bei ihm diagnostiziert, wohl ausgelöst, weil er als Zwölfjähriger mitlitt, als die Eltern sich trennten, die Mutter mit der Familie brach und ihre fünf Kinder verließ.

Seitdem gab es immer wieder Straftaten, auch Drogenmissbrauch und Selbstverletzungen, Heimaufenthalt, eine halbjährige Jugendhaft und zuletzt eben einen Überfall auf einen Gleichaltrigen.

Am 15. Mai sorgte Sven im Tageblatt für Schlagzeilen. Er war bei der Vorführung vor dem Haftrichter spektakulär in Handschellen getürmt. Die Polizei observierte danach Vater, Oma und Freunde. Zwei Tage später war er gefasst.

Seitdem sitzt er in Braunschweig, dem alten Innenstadtgefängnis mit nur 21 Haftplätzen, wo jugendliche Untersuchungshäftlinge festgehalten werden und wo die Taten geschehen sein sollen.

Bisher fehlt jede Erklärung

Nach deren Entdeckung wurde er in Braunschweig verlegt – zu den Erwachsenen. Dort gehe es ihm besser, hoffte der Vater am Mittwoch – und erfährt am Donnerstag, dass sich sein Sohn erneut selbst verletzt hat. Warum er noch nicht zur Behandlung in einer psychiatrischen Anstalt ist, wie es das Gutachten der Universitätsmedizin empfiehlt?

Weil die Zusage des Kostenträgers fehlt. Und es fehlt bisher jede Erklärung der Justiz an den Vater, was mit seinem Sohn passiert ist. Rechtsanwalt Dietrich Homann hat inzwischen Akteneinsicht verlangt.

Ihm ist auf Anfrage mitgeteilt worden, dass gegen mehrere Jugendliche ermittelt werde. Auch gegen die Wachmeisterin, so glaubt Oliver E. zu wissen, werde ermittelt.

► Kommentar: Fürsorge versagt

Man stelle sich das vor als Vater: Der minderjährige Sohn im Gefängnis, in Untersuchungshaft. Der Junge zwar verdächtig, formal aber bis zum Beweis des Gegenteils unschuldig.

Dann berichtet der 17-Jährige zaghaft von Mobbing, Drangsal und Ausgrenzung durch andere Häftlinge. Keine Chance, die Schilderungen in der Öffentlichkeit eines Gefängnisbesuches zu hinterfragen.

Flüstern verboten! Telefonisch reagiert die Justiz mit Beschwichtigungen, später mit Genervtsein.

Dann liest man in der Zeitung, hört man im Radio vom Martyrium eines 17-Jährigen in der Untersuchungshaft, und man ahnt: das ist mein Kind! Bis heute hat es die Justiz nicht für nötig gehalten, das Versagen der eigenen Fürsorgepflicht dem zu beichten, der das Sorgerecht für den 17-Jährigen aus strafrechtlichen Gründen hat abgeben müssen.

Die Justizministerin hat schnell, offen und mit gebotener Zurückhaltung zur Identität von Opfer und Tätern die Öffentlichkeit informiert. Den Vater des Opfers zu informieren, dazu hat es nicht gereicht.

Jürgen Gückel
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