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Göttingen Die Toten vom Wilhelmsplatz
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00:17 25.12.2016
Von Michael Brakemeier
Die Skelette seien willkommenes Untersuchungsmaterial für die Studierenden, sagt Birgit Großkopf
Die Skelette seien willkommenes Untersuchungsmaterial für die Studierenden, sagt Birgit Großkopf Quelle: Hinzmann
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Göttingen

Ein kurzer prüfender Blick genügt Birgit Großkopf, dann weiß die promovierte Anthropologin von der Uni Göttingen: Der Schädel in ihrer Hand gehörte einem etwas über 30 Jahre alten Mann. Stark ausgeprägte Kinn- und Kieferpartien sowie Überaugenwülste und die dickwandige obere Augenwand verraten ihr das Geschlecht. Die Schädelnähte, die begonnen haben, sich zu schließen, geben Hinweise auf das Alter.

Der Schädel gehört zu den bislang letzten Fundstücken, die die Archäologen bei Grabungen auf dem Gelände der Alten Mensa am Wilhelmsplatz gefunden haben. Die letzte Lieferung erreichte die Anthropologie in sechs Kartons in der vergangenen Woche. Gewaschene Schädel- und Kieferstücke, Wirbel und Oberschenkel, unzählige Knochenstücke liegen in großen Plastiktüten darin.

Für die Universität sind die Grabungen an der Alten Mensa inzwischen abgeschlossen, sagt Uni-Sprecher Romas Bielke. Weit mehr als 100 Fundstellen von Skeletten in verschiedenen Grabungsschichten haben die Archäologen seit dem Herbst 2015 ausgegraben. Bei den wenigsten Funden handelt es sich um vollständige Skelette, nur elf gelten als gut erhalten.

Nach den ersten Funden lag die Vermutung der Archäologen nahe, dass es sich bei den Toten um Mönche des mittelalterlichen Franziskanerkloster handelt, das an der Stelle bis 1522 bestand. Doch Großkopfs Untersuchungen weiterer Funde zeigten, dass ein großer Teil der menschlichen Überreste von Frauen stammt. "Wenn es ein Mönchsfriedhof war, warum wurden dann Frauen dort bestattet", fragt Großkopf. Dass die Frauenskelette von Nonnen eines Franziskanerinnenkloster, das sich ab 1508 sich in der Nähe der Fundstelle befand, stammen, ist die eine Theorie. Dass es sich um einen öffentlichen Friedhof gehandelt haben könnte, eine andere. "Dafür fehlen aber Skelette von Kindern", sagt Großkopf. Wurden sie an anderer Stelle bestattet? Das Problem: "Für die Grabungen stand nur ein kleiner Ausschnitt eines eigentlich großen Areals zur Verfügung", sagt Großkopf.

Mehr Licht in die Geheimnisse der Toten vom Wilhemsplatz soll nun eine zweite Bachelorarbeit zu den Grabungsfunden bringen, die von Großkopf betreut wird. Dabei sollen die in der vergangenen Woche angelieferten Skelette von einer Studentin untersucht werden. Die Skelette seien willkommenes Untersuchungsmaterial für die Studierenden, sagt Großkopf.

Nach ihren Angaben sei das Anthropologische Institut in Göttingen eines der wenigen bundesweit die noch "osteologisch", also direkt mit den Knochen, arbeiteten und Studierende dahingehend ausbildeten. Andere Institute würden Alters- und Geschlechtsbestimmung nur noch per DNA-Tests vornehmen. Im Vergleich mit dem kurzen prüfenden Blick eines erfahrenen Anthropologin ein teures und langwieriges Verfahren.

Klöster, Kirche, Mensa

Nach Angaben von Stadtarchäologin Betty Arndt ist am heutigen Wilhelmsplatz 1268 mit dem Bau eines Franziskanerklosters begonnen worden. In der Reformation seien die Mönche 1533 vertrieben, die Kirche danach bis zu ihrem Abriss 1820 stets zweckentfremdet worden. Ab 1508 gab es auch ein Kloster für Franziskanerinnen. Erst ab 1820 errichtete Christian Friedrich Andreas Rohns auf dem Gelände das Gebäude, das bis vor wenigen Jahren als Uni-Mensa genutzt worden ist. Über die Nachnutzung des Areals nach dem Ende des Klosters ist bislang nur wenig bekannt. Auch hier soll die aktuelle Ausgrabung neue Erkenntnisse bringen: Mauerreste aus der Zeit nach dem Kloster haben die Archäologen ebenfalls gefunden.