Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Göttingen Probleme mit Verstopfung
Die Region Göttingen Probleme mit Verstopfung
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:17 27.03.2017
Von Britta Eichner-Ramm
Herausgefischte Fundstücke aus dem Klärwerk der Stadt Osterode: Vom Spielzeuglaster über das Handy und den Zahnersatz bis zum Heizkörperventil. Quelle: Loewe
Anzeige
Südniedersachsen

Sie sind reißfest und lösen sich nicht auf. Die Rede ist von Hygieneartikeln wie die sogenannten Feuchttücher, die offenbar immer beliebter werden. Würden diese in die Kanalisation gespült, störten sie den städtischen Abwasserbetrieb in doppelter Hinsicht, betont Simone Schneider, Geschäftsführerin des städtischen Abwasserbetriebs in Osterode am Harz. „Erstens sammeln sie sich mitunter im Kanalnetz an und machen die Rohre dicht, zweitens verstopfen sie dort, wo Hebeanlagen zum Einsatz kommen, die Pumpen.“

Das sei nicht nur teuer, weil die Technik beschädigt werde, es könne auch zum Ausfall einer Hebeanlage führen. Dann staue sich das Abwasser im Kanal und trete schlimmstenfalls in tief liegenden Einleitungsstellen der angeschlossenen Häuser wieder aus. Genau das sei erst vor Kurzem der Fall gewesen, ergänzt Osterodes Verwaltungssprecher Karl-Heinz Löwe. Wegen einer Verstopfung im Kanalnetz sei „Abwasser in einem anliegenden Gebäude ausgetreten“. Die Beseitigung von Verstopfungen in Kanälen oder die Reparatur von ausgefallenen Pumpen koste Geld, „das über die Abwassergebühren wieder hereingeholt werden muss“, so Löwe.

Anzeige
Feuchttücher-Klumpen können Pumpen verstopfen. Quelle: r

Im Göttinger Klärwerk bereiteten die Feuchttücher bisher keine ernsthaften Probleme, wie Laborleiter Thomas Reichardt sagt. Grund dafür seien zum einen die großen Pumpwerke der Göttinger Entsorgungsbetriebe. Es spiele jedoch auch eine wichtige Rolle, dass das Abwasser fast komplett durch ein natürliches Gefälle in die Göttinger Kläranlage gelange, wodurch man generell nur auf relativ wenige Pumpen angewiesen sei, in denen sich etwas verfangen könnte, meint Reichardt.

Anders sieht die Lage im Flecken Bovenden aus. „Wir hatten speziell im letzten Jahr immer wieder Verstopfungen in einer Pumpe“, sagt Klaus Melnikow, Bauamtsleiter in Bovenden. Die Ursache dafür seien vor allem Feuchttücher und Damenhygieneprodukte gewesen. Erst durch eine neue und größere Pumpe, die ohnehin angeschafft werden sollte, habe das Problem gelöst werden können.

Auch in Hann. Münden ist man bei der Stadtentwässerung nicht gut auf Feuchttücher zu sprechen, berichtet der Leiter der Stadtentwässerung Joachim Spiegler. In den Pumpwerken sorgten die Mikrofasertücher seit etwa drei Jahren regelmäßig für Verstopfungen. Die Leute würden die Tücher vermutlich aus Bequemlichkeit nicht im Müll, sondern in der Toilette entsorgen, mutmaßt Spiegler.

Christoph Kraaibeek vom Wasserverband Leine-Süd sagt hingegen, dass man seit etwa zwei Jahren einigermaßen Ruhe vor dem Problem habe. Der Wasserverband habe reagiert und ersetze allmählich die für Verstopfungen besonders anfälligen Schneidradpumpen durch andere Modelle. Seitdem würden die Feuchttücher einfach durch die Laufräder hindurchgehen. Aber nicht nur neue Technik sei wichtig, meint Kraaibeek, sondern vor allem Aufklärung. Man müsse die Bürger besser informieren.

„Es sind überall die gleichen Probleme“, sagt Norbert Bode vom Abwasserverband Seeburger See. „Je kleiner das Pumpwerk, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass die Pumpen durch Hygieneartikel verstopfen“, sagt Bode und verweist darauf, dass eine große Pumpe wie im Klärwerk Rollshausen eher verschont bleibe. Der Anteil an Feuchttüchern sei aus Bodes Einschätzung in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Bode würde sich von Herstellern deutlichere Hinweise auf den Verpackungen wünschen, dass Hygieneartikel nicht über die Toilette entsorgt werden sollten.

"Unglaublich, was man da alles findet"

„Es gibt kaum etwas, was nicht in der Toilette hinuntergespült wird“, sagt Simone Schneider vom städtischen Abwasserbetrieb in Osterode. Osterodes Verwaltungssprecher Karl-Heinz Löwe zählt einige der Kuriositäten auf: „Handys, Werkzeuge, Spielzeug, ein Heizkörperventil, Gebisse, auch Holzreste sind schon mal über den Kanal entsorgt worden.“ Gebisse und tote Fische finde man häufig in den Filtern, berichtet Thomas Reichardt von den Göttinger Entsorgungsbetrieben.

Oft würden auch Leute anrufen und nach verlorenen Eheringen oder anderen Schmuckgegenständen fragen, doch da könne man in der Regel nicht weiterhelfen. „Es ist unglaublich, was man da alles findet“, meint auch Christoph Kraaibeek vom Wasserverband Leine-Süd: „Schraubenzieher, Pflastersteine, Holzstücke, Hammerstiele und einiges mehr.“ Bei der Stadtentwässerung Hann. Münden sei schon nach verschwundenen Katzen gefragt worden, so deren Leiter Joachim Spiegler. be/mze