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Göttingen Prozess um Tötungsdelikt in Göttingen: Acht Jahre Haft wegen Mordes gefordert
Die Region Göttingen Prozess um Tötungsdelikt in Göttingen: Acht Jahre Haft wegen Mordes gefordert
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20:10 08.07.2019
Die Plädoyers sind gehalten. Am Donnerstag soll das Urteil verkündet werden. Quelle: Christina Hinzmann
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Göttingen

Im Prozess um ein Tötungsdelikt in der Unteren Karspüle sind am Montag am Landgericht Göttingen die Plädoyers gehalten worden. Die Tat hatte sich in der Nacht vom 30. November auf den 1. Dezember 2018 ereignet. Staatsanwältin Karin von Sivers-Habermann forderte für den 20-jährigen Tatverdächtigen eine achtjährige Haftstrafe nach Jugendstrafrecht wegen Mordes.

Der Angeklagte hat die Tat gestanden, jedoch eine Tötungsabsicht abgestritten. Er hätte das spätere Opfer mit einem Messerstich lediglich kampfunfähig machen wollen. Das sah die Staatsanwältin anders. Wer mit voller Wucht zweimal mit einem Klappmesser in Höhe des Herzens ziele, nehme die anzunehmenden tödlichen Folgen wissentlich in Kauf, argumentierte sie. „Die Tötungsabsicht ist unzweifelhaft.“ Es habe keine Notwehrsituation vorgelegen, was Zeugen des Tathergangs im Verlaufe des Prozesses bestätigt hätten.

„Egozentrische Eigenwahrnehmung“

Dem Angeklagten bescheinigte die Staatsanwältin eine egozentrische Eigenwahrnehmung, eine narzisstische Störung und in der Nacht der Tat ein hohes Aggressionspotenzial. Seine Wut sei ausgelöst worden durch eine einfache verbale Zurechtweisung des späteren Opfers, er möge ein Gespräch nicht stören. Eine verhängnisvolle Rolle habe der Konsum von Kokain gespielt. Einen Therapiebedarf aufgrund einer Rauschgiftabhängigkeit sehe sie aber nicht.

Härter ins Gericht ging die Nebenklage mit dem jungen Mann. „Wir haben es mit Mord aus niederen Beweggründen zu tun“, sagte Rechtsanwalt Steffen Hörning, der die vier Geschwister und den Vater des Getöteten vertritt. „Weder haben Sie in Notwehr gehandelt, noch waren Sie schuldunfähig“, betonte Hörning in Richtung des Angeklagten. Diese Tat sei durch nichts zu rechtfertigen und stehe, was die Beweggründe angehe, „auf tiefster Stufe“. „Was Ihnen nicht passte, war, dass da jemand Widerworte hatte. Sie wollten provozieren, stänkern, um Stress zu machen. Das hatte nichts mit Alkohol, nichts mit Gras, nichts mit Koks zu tun. Das sind Sie.“

„Für sie ist es lebenslang“

Es sei eine Tat mit Ansage gewesen, verwies Hörning auf Zeugen, die vom Angeklagten zum Tatzeitpunkt Sätze gehört haben wollten wie „Ich bin so wütend.“ „Ich mach dich fertig.“ „Ich stech dich ab.“ Hörning forderte eine Strafe von elf Jahren Freiheitsentzug nach Jugendstrafrecht. Auf die im Gerichtssaal sitzenden Angehörigen hinweisend sagte er: „Für sie ist es lebenslang.“ Und: „Ich habe Sorge, dass die Mutter an ihrem Leid zerbricht.“

Rechtsanwalt Uwe Hoffmann aus Seesen, der die Mutter des Opfers vertritt, widmete sich ausdrücklich dem kurzen Leben des Getöteten. Er habe als Altenpfleger gearbeitet und sei bei seinen Kollegen sehr beliebt gewesen. „Er half anderen.“ Hoffmann sprach von einem „sinnlosen Tod, der meiner Mandantin den Boden unter den Füßen weggezogen hat“. Dem Angeklagten hielt er „allerniedrigste Beweggründe“ vor. Krasser könne das Verhältnis zwischen Tat und Anlass nicht sein, so Hoffmann.

Aufgeschaukelte Situation

Rechtsanwältin Sandra Themann, die gemeinsam mit Rechtsanwalt Tawfeek Matani die Interessen des Angeklagten vertritt, machte in ihrem Plädoyer eine Bewusstseinsveränderung des mutmaßlichen Täters aufgrund seines Drogenkonsums geltend. Es habe sich um eine aufschaukelnde Situation gehandelt. Der Angeklagte sei davon ausgegangen, den Geschädigten allein durch einen Messerstich in den Oberschenkel verletzt zu haben. Er sei überzeugt gewesen, dass die vorherigen Stöße in Richtung Brust nicht durch die Winterjacke des Opfers gedrungen seien.

Matani beschrieb den Angeklagten zum Zeitpunkt des Geschehens aufgrund des Konsums von Drogen und Alkohol als „einen anderen Menschen“. „Er war in einer Situation, die er nicht beherrschen konnte.“ Er habe in einem Zustand affektiver Erregung gehandelt. Es müsse für ihn eine angemessene Strafe gefunden werden, die förderlich sei für seine Erziehung. Die Freiheitsstrafe dürfte fünf Jahre nicht übersteigen. Die Verteidigung plädierte auf fahrlässige Tötung in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung.

Das letzte Wort hatte der Angeklagte. Er bereue zutiefst, was geschehen ist, beteuerte er. Das Urteil soll am Donnerstag verkündet werden.

Links zum Tod in der Karspüle

Anfang Dezember 2018 ist ein 28-jähriger Mann an der Unteren Karspüle in Göttingen erstochen worden. Inzwischen läuft der Prozess gegen den Angeklagten. Hier können sie die bisherige Berichterstattung im Göttinger Tageblatt nachlesen.

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