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Göttingen Wo beginnt Gewalt?
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00:19 27.11.2017
Frauen fliehen vor der Gewalt ihres Partners und suchen Schutz. Doch Frauenhäuser müssen sie oft abweisen, weil sie keinen freien Platz mehr haben.
Frauen fliehen vor der Gewalt ihres Partners und suchen Schutz. Doch Frauenhäuser müssen sie oft abweisen, weil sie keinen freien Platz mehr haben. Quelle: epd
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Göttingen

Gewalt gegen Frauen ist subtil. In Kriegen wird sie seit Menschengedenken als Waffe eingesetzt: Demütigung und Angriff auf die sozialen Werte, die Familie des Feindes, sind dabei Ziel. Bei häuslicher Gewalt ist der Täter kein Fremder, sondern eine vertraute Person, oft der eigene Partner. Zudem ist Gewalt gegen Frauen nicht immer mit Vergewaltigung, Schlägen, blauen Flecken und andern sichtbaren Zeichen verbunden. Der Hashtag #meetoo bewegt zurzeit die sozialen Medien mit der Frage, wo sexuelle Belästigung anfängt. Tausende Frauen haben sich inzwischen als Opfer von Belästigung bis zur Vergewaltigung geoutet und dadurch verdeutlicht, dass Gewalt gegen Frauen auch am Arbeitsplatz, bei Freizeitaktivitäten, auf offener Straße, eigentlich überall stattfinden kann.

Frauen werden unterschiedlichen Formen von Gewalt ausgesetzt

Die Mitarbeiterinnen im Frauenhaus Göttingen unterscheiden verschiedene Formen von Gewalt. Schläge und Vergewaltigung werden als physische und sexualisierte Gewalt deklariert. Aber eine Verletzung der Grundrechte von Frauen ist auch gegeben, wenn sie ständig kontrolliert und bedroht, eingeschüchtert, gedemütigt und erniedrigt werden (psychische Gewalt), wenn ihnen verboten wird, arbeiten zu gehen und Geld bestenfalls zugeteilt wird (ökonomische Gewalt), oder wenn ihre Kontakte eingeschränkt und Entscheidungen ohne sie oder für sie getroffen werden (soziale Gewalt).

Wann beginnt Gewalt?

„Viele Frauen, die sich bei uns beraten lassen, sind sich nicht sicher, was schon Gewalt ist. Sie erzählen, dass ihr Mann ihnen das Haushaltsgeld zuteilt, ihre Kontakte kontrolliert oder über eine App auf dem Handy jeden ihrer Schritte überprüft“, sagt Sara Koch, Sozialpädagogin im Frauenhaus Göttingen. Viele Frauen seien auch im westeuropäischen Kulturkreis noch so sozialisiert, dass sie glaubten, sich dem Mann unterordnen zu müssen. Das Aushalten von Gewalt gehöre ebenso dazu wie die Neigung, die Schuld bei sich zu suchen, erklärt Koch. Auch die Webseite des Frauenhauses klärt darüber auf, dass Gewalt in der Partnerschaft noch tabuisiert werde. Daher falle es betroffenen Frauen schwer, über ihre Gewalterfahrung zu sprechen.

Zahlen

Die Statistik des Bundeskriminalamtes gibt an, dass 2015 in Deutschland mehr als 120000 Personen Opfer von Gewalt in der Partnerschaft waren. 82 Prozent davon sind Frauen: 65800 wurden Opfer von einfacher Körperverletzung, von gefährlicher Körperverletzung 11400, von Bedrohung 16200, von Stalking rund 7900 und von Mord und Totschlag 331. Bei Vergewaltigung und sexueller Nötigung sind die Opfer zu fast 100 Prozent weiblich.

Die Frauen, die im Frauenhaus um Hilfe bitten, kämen aus allen Kulturkreisen und aus allen sozialen Schichten, berichtet Koch. Doch nicht alle suchten auch räumliche Zuflucht. „Wir haben im Frauenhaus vermehrt Frauen mit Migrationshintergrund. Das liegt aber vor allem daran, dass diesen Frauen hier in Deutschland die sozialen und finanziellen Ressourcen fehlen“, sagt Koch. Sie könnten bei häuslicher Gewalt nicht einfach ins Hotel oder zu Freunden fliehen, weil ihnen oft das Geld und die Kontakte fehlten.

Prävention soll informieren und Gewalt verhindern

Prävention soll informieren und Gewalt möglichst verhindern. Das Frauenhaus ist gut vernetzt mit anderen Einrichtungen. Aufklärungsarbeit, Vorträge, Workshops und Fortbildungen werden an verschiedenen Stellen und zunehmend auch in Flüchtlingseinrichtungen angeboten. „Besonders Flüchtlingsfrauen müssen in Deutschland erst andere Lebenskonzepte kennenlernen und erfahren, dass hier auch für alleinstehende Frauen ein normales Leben möglich ist“ sagt Koch. Die Beratung im Frauenhaus unterliegt der Schweigepflicht und wird telefonisch oder im persönlichen Gespräch angeboten. Die Mitarbeiterinnen sind auch am Wochenende und an Feiertagen unter der Telefonnummer 0551/ 5211800 zu erreichen.

Vernetzung

Weitere Kontakte gibt es auf der Webseite frauenhaus-goettingen.de. Es werden Beratungsstellen in der Region Südniedersachsen mit Adressen, E-Mail-Adressen und Telefonnummern aufgelistet, angefangen beim Frauen-Notruf, über therapeutische und pädagogische Beratungsstellen bis zu Hilfe für Opfer von Straftaten sowie Hilfe für Menschen, die ihr gewalttätiges Handeln ändern wollen. Angeboten wird Beratung auch für Frauen, die nicht Deutsch sprechen. Dolmetscher für viele Sprachen stehen zur Verfügung sowie ein Relay-Dienst für Hörgeschädigte mit Beratung in Gebärdensprache oder per Schriftsprachdolmetscher. Eine spezielle Kinder- und Jugendberatung bei sexueller und häuslicher Gewalt gibt es bei phoenix-goettingen.de, Telefon 0551/ 4994556. Nothilfe für Frauen gibt es bundesweit unter der Nummer 0800 0116016 oder in Göttingen unter 0551/ 44684 beim Frauennotruf. In dringenden Fällen gilt immer der Notruf der Polizei 110.

Aktionen zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen in Göttingen

Sonnabend, 25. November, 10 bis 16 Uhr und Sonntag, 26. November, 11 bis 15 Uhr

„Erkenne deine Stärke“, Selbstverteidigung für Frauen, Ashtanga Yogaschule, Groner-Tor-Straße 12, einfache Mittel und Übungen zur Selbstverteidigung, Anmeldungen bei Kore, Telefon 0551/ 57453.

Sonnabend, 25. November, 9 bis 15 Uhr

WenDo – Selbstverteidigung für Frauen, Gymnastikraum der Anne-Frank-Turnhalle, Hinter den Höfen 14, Rosdorf, einfache Strategien und Techniken zum Selbstschutz, Veranstaltung der Gleichstellungsbüros der Gemeinden Friedland, Gleichen und Rosdorf.

Montag, 27. November, 12 Uhr

Das Frauenhaus zeigt Bilderausstellung zum Thema „Lebe ohne Gewalt – frei und selbstbestimmt“. Zur Vernissage wird Petra Broistedt, Sozial- und Kulturdezernentin der Stadt Göttingen erwartet. Ehemalige und jetzige Bewohnerinnen des Frauenhauses haben unter Anleitung der Künstlerin Lilly Stehling aussagekräftige Acylbilder gemalt.

Dienstag, 28. November, 20.15 Uhr

„Die Wortlose“, Theaterstück für eine Schauspielerin mit Susanne Kloss, Apex, Burgstraße 46. Der Eintritt wird dem Frauenhaus Göttingen gespendet. Zum Inhalt: Das Martyrium ihrer Ehe beendet eine Frau als Mörderin.

Kriminologe Pfeiffer: Gewalt gegen Frauen geht zurück

Der niedersächsische Kriminologe Christian Pfeiffer sieht einen Rückgang von Gewalt gegen Frauen während der vergangenen Jahrzehnte. „Sexuelle Gewalt geht zurück, innerhalb und außerhalb der Ehe, aber wir haben auch insgesamt einen dramatischen Rückgang von Gewalt in Deutschland“, sagte der 73-jährige ehemalige Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen.

Als „wichtigen Meilenstein“ bezeichnete der Jurist und frühere niedersächsische Justizminister das 2002 in Kraft getretene Gewaltschutzgesetz, das es ermöglicht, gewalttätige Männer aus der Wohnung zu verweisen. 96 Prozent der Gewalttäter seien Männer, sagte Pfeiffer auf einer Veranstaltung der internationalen Frauenorganisation „Zonta“ und des Landgerichts Essen.

Als Hauptgrund für den Rückgang sieht Pfeiffer einen „drastischen Wandel“ in der früher üblichen gewalttätigen Erziehung, die neue Gewalt verursacht habe. Heute gebe es „immer weniger Hiebe, immer mehr Liebe“. Auch bei jugendlichen Migranten sei über die Jahre ein deutlicher Rückgang der Macho-Kultur und Gewaltbereitschaft zu beobachten, im Gegensatz zu den neu zugezogenen Flüchtlingen.

Die Essener Oberstaatsanwältin Sabine Vollmer dagegen sprach von einem deutlichen Anstieg der Verfahren wegen häuslicher Gewalt in ihrem Bereich von 3.500 Fällen 2013 auf rund 5.000 Fälle 2016. Kriminalhauptkommissarin Bettina König vom Polizeipräsidium Essen wandte sich gegen das verbreitete Klischee, Gewalt sei milieuabhängig: „Häusliche Gewalt zieht sich durch alle Berufsgruppen, Altersgruppen und sozialen Milieus“, so ihre Erfahrung. Prävention und Schutzmaßnahmen seien „eine Aufgabe für alle in der Gesellschaft“ und dürften nicht allein der Polizei überlassen bleiben.

Von Claudia Nachtwey