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Göttingen Göttingen im Zweiten Weltkrieg: Darum wurde vergleichsweise wenig zerstört
Die Region Göttingen Göttingen im Zweiten Weltkrieg: Darum wurde vergleichsweise wenig zerstört
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06:52 08.10.2019
Historisches Luftbild von Göttingen aus dem Jahr 1945: Zu sehen sind viele Bombenkrater. Quelle: Foto: National Archives/Städtisches Museum
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Göttingen

Bis zu 20 Prozent aller von den alliierten Flugzeugen im Zweiten Weltkrieg abgeworfenen Bomben aus Göttingen waren mutmaßlich Blindgänger. Das jedenfalls vermuteten die Experten der Sprengkommandos, die nach dem Ende des Krieges ihre Arbeit aufgenommen haben.

Viel gab es in Göttingen nicht, was die amerikanischen und britischen Bomberkommandos hätte interessieren können: einige Betriebe wie etwa Sartorius an der Weender Landstraße, den Fliegerhorst, die aerodynamische Versuchsanstalt, den Flugplatz in der Weststadt, etwas abseits noch das Munitionslager der Muna bei Lenglern – vor allem aber die Einrichtungen der Reichsbahn. Und genau deshalb fielen denn auch die meisten Bomben entlang der Bahnstrecke, in der Nähe des Bahnhofs, der Gleisanlagen, des Güterbahnhofs und der Lokhalle. Allerdings: Längst nicht jede Bombe traf ihr Ziel. Ein historisches Luftbild vom 8. April 1945 dokumentiert zahlreiche Einschläge in einem etwas größeren Radius rund um die Bahnanlagen.

Chronik: Bombenfunde in Göttingen

Bombenentschärfungen erleben Göttinger wohl nicht so häufig wie Bewohner anderer Städte – doch hier hat sich eine der größten Tragödien zugetragen.

Schwere Angriffe ab November 1944

Noch 1944 blieb es weitgehend ruhig. Einen Angriff mit 200 Sprengbomben gab es am 7. Juli. Diese fielen unter anderem in den Hof der Artilleriekaserne, in die Gärten der Kaserne und an der Weender Landstraße. Schwerer waren die Angriffe vom 23. und 24. November, als das Gasometer, Wohnhäuser an der Unteren Masch und die Paulinerkirche auch von Luftminen getroffen wurden. Damals gab es neun Todesopfer; die Gasversorgung brach zusammen. Etwa 200 Bombeneinschläge wurden gezählt. Auch hier waren alle angepeilten Ziele nicht weit von den Bahnanlagen entfernt.

47 Menschen – darunter 40 russische Zwangsarbeiter – kamen ums Leben, als alliierte Flieger am Neujahrstag 1945 den Verschiebebahnhof angriffen. Diesmal trafen die Bomben präzise ihr Ziel. Auch die Weender Landstraße, die Emilien- und die Arndtstraße wurden getroffen. In Grone zerstörte eine Bombe ein Wohnhaus am Lütjen Steinsweg; hier kamen fünf Menschen ums Leben.

Am 9. Februar 1945 war erneut der Verschiebebahnhof Ziel eines Angriffs; auch das Aluminiumwerk an der Weender Landstraße war an diesem Tag in Mitleidenschaft gezogen worden.

27 Tote allein am 22. Februar 1945

Wiederum der Verschiebebahnhof und die Gleisanlagen waren am 22. Februar 1945 das Ziel der Bomber. Auch diesmal trafen die alliierten Bombenschützen, 27 Menschen ließen ihr Leben. Gleisanlagen wurden zerstört; getroffen wurden bei diesem Angriff auch wieder die Arndtstraße sowie die Einkaufsgenossenschaft am Maschmühlenweg und der Südflügel der Brauerei am Brauweg, die genau in der Anflugschneise auf die in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Bahnstrecke lag.

Am 21. März 1945 gab es einen weiteren Fliegerangriff, bei dem ein Mensch starb. Ein Tag später zerstörte eine Zeitzünderbombe den „Rheinischen Hof“.

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Letzter Angriff im April

Der letzte Angriff kam am Abend des 7. April 1945 – einen Tag, bevor die Amerikaner in die Stadt einmarschierten. Ein Pulk von leichten, zweimotorigen Bombern des Typs Martin B-26 Marauder flog die Stadt aus Richtung Süden an. Jedes dieser Flugzeuge konnte zwei Tonnen Bomben tragen.

Aus Richtung Geismar schossen die Flieger auf die Bahnanlagen zu. Vernichtet wurde die Alte Anatomie, schwer beschädigt der Bahnhof, der Lok-Ringschuppen und der Güterbahnhof. Erstaunlicherweise kam bei diesem Angriff kein Mensch ums Leben. Acht Pferde im städtischen Betriebsamt überlebten ihn allerdings nicht.

Dies sollte der letzte Fliegerangriff auf Göttingen bleiben. Am nächsten Tag waren bereits US-amerikanische Truppen in der Stadt. Von den nicht explodierte Bomben wollten die Göttinger erst einmal nicht so viel wissen – die Bewohner hatten andere Sorgen wie beispielsweise die Versorgung mit Lebensmitteln.

Verschwunden allerdings war die explosive Hinterlassenschaft des Krieges damit natürlich nicht. Im weichen, morastigen Gelände des heutigen Schützenplatzes hatten sich einige Bomben tief eingegraben. Kurz vor Weihnachten 1992 erschreckten ein lauter Knall und ein leichtes „Beben“ die Bewohner des Egelsberges: In der Mitte des Schützenplatzes entdeckte eine Spaziergängerin einen fünf Meter weiten und zwei Meter tiefen Krater – eine Fliegerbombe mit Zeitzünder war detoniert.

Die gleiche Ursache hatte eine Explosion am 30. September 1998: In der Pfalz-Grona-Breite explodierte unter einem Linienbus eine weitere Bombe.

Bei der im Jahr 2010 auf dem Göttinger Schützenplatz gefundenen Bombe handelte es sich um eine amerikanische 1000-Pfund-Fliegerbombe (453 Kilogramm), gefüllt mit etwa 250 Kilogramm TNT-Sprengstoff. Solche Bomben wurden im Zweiten Weltkrieg massenhaft über Deutschland abgeworfen, ebenso wie eine kleinere 500-Pfund-Variante. Sie alle sollten durch ihre Spreng- und Splitterwirkung Gebäude zerstören und Menschen töten.

Diese Bomben hatten entweder Aufschlag- oder Säurezünder. Bei den Aufschlagzündern konnte die Verzögerung eingestellt werden, was für eine größere Eindringtiefe sorgen sollte. Die Säurezünder brachten eine Bombe manchmal erst mehrere Tage nach dem Abwurf zur Explosion. Nach dem Abwurf drehte sich ein Propeller an der Spitze in den Zünder ein und machte die Bombe auf diese Weise scharf. 2011 musste eine Bombe auf dem heutigen Areal der Firma Klartext an der Güterbahnhofstraße entschärft werden. Hierbei handelte es sich um eine Fünf-Zentner-Bombe.

Im Gegensatz zu normalen Sprengbomben enthielten Luftminen mehr Sprengstoff und besaßen eine dünnere Hülle. Sie wurden gegen ungepanzerte Flächenziele verwendet und waren auf eine starke Detonationswelle ausgerichtet, die das jeweilige Umfeld verwüsten sollte.

Zerstörungsgrad in Göttingen: 2,1 Prozent

Dem statistischen Jahrbuch deutscher Gemeinden des Deutschen Städtetages von 1952 ist zu entnehmen, dass in Göttingen während der Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg insgesamt 300 Wohnungen zerstört worden seien. Dies entspreche einem Zerstörungsgrad von 2,1 Prozent. Abgefahren wurden demnach insgesamt 150.000 Kubikmeter Trümmerschutt. Martin Heinzelmann schreibt in seinem 2003 erschienenen Buch „Göttingen im Luftkrieg“, dass in Göttingen insgesamt 107 Menschen durch Luftangriffe ums Leben gekommen seien; 59 Wohnhäuser wurden ihm zufolge völlig zerstört.

Von hein/mr

Bei Kanalbauarbeiten am Schützenanger ist ein verdächtiges Objekt geortet worden. Der Kampfmittelbeseitigungsdienst geht davon aus, dass es sich um eine 500 Kilogramm-Bombe handelt. Alle Informationen zur Entschärfung am Sonnabend, 12. Oktober.

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