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Göttingen Göttinger Ärztin hilft bei Rettung von Flüchtlingen
Die Region Göttingen Göttinger Ärztin hilft bei Rettung von Flüchtlingen
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00:20 25.06.2018
Die Göttinger Ärztin Paula Döllscher in dem Behandlungszimmer der Seawatch 3. Quelle: Fotos: Neugebauer
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Göttingen

Wie ein kleines Krankenhaus auf einem Schiff, so beschreibt Paula Döllscher ihre Arbeitssituation auf der Seawatch 3. Mit der Seenotrettungsorganisation Seawatch und deren Schiff war die Göttinger Ärztin auf dem Mittelmeer nahe der libyschen Küste unterwegs, um Flüchtlinge vor dem Ertrinken zu retten. Die medizinischen Möglichkeiten in ihrem dortigen Behandlungsraum seien sehr begrenzt gewesen, „aber man kann sehr sinnvoll und direkt Medizin machen“, sagt Döllscher.

Zum dritten auf Mission auf dem Mittelmeer

Das ist wohl einer der Gründe, warum die 33-Jährige, die normalerweise in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Tiefenbrunn arbeitet, bereits zum dritten Mal so eine Mission auf dem Mittelmeer begleitet. „Vergangenes Jahr im April war ich zum ersten Mal mit Seawatch unterwegs“, sagt sie. Da sei sie gerade arbeitslos gewesen, eine Freundin habe sie auf die Möglichkeit aufmerksam gemacht. Nur einen Monat später startete ihre zweite Mission, diesmal mit der NGO „Jugend rettet“. Im April diesen Jahres sei sie dann wieder mit Seawatch auf das Mittelmeer hinausgefahren – in ihrem Urlaub, schließlich arbeitet sie nun in Göttingen. Eine Mission dauere etwa zwei einhalb Wochen.

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Die Göttinger Ärztin Paula Döllscher hat auf der Sea-Watch 3 bei der Rettung von Flüchtlingen an der libyschen Küste geholfen.

„Auf dem Schiff hatten wir Schichten, bei denen wir mit einem Fernglas den Horizont nach Schlauchbooten abgescannt haben“, erzählt die Ärztin mit den braunen, lockigen Haaren. Sei ein Schlauchboot oder manchmal auch Holzboot auf dem Radar aufgetaucht, hätten sie sich dem mit zwei Schnellbooten genähert. „Das große Mutterschiff ist immer auf Distanz geblieben“, erklärt Döllscher. Um zu verhindern, dass Flüchtlinge, obwohl sie nicht schwimmen können, von ihrem Boot springen, um zum Schiff zu kommen.

Behandlung der Flüchtlinge in einem Raum mit zwei Liegen

„Auf einem Schnellboot war immer medizinisches Personal dabei“, erzählt die 33-Jährige weiter. Neben ihr sei auf der Seawatch 3 noch ein Arzt dabei gewesen, außerdem eine Pflege- und eine Rettungskraft. „Meine Aufgabe war es dann, zu gucken, ob irgendwer akut in Gefahr ist“, sagt sie. Das sei aber selten der Fall gewesen, die meisten seien zwar dehydriert oder hätten Verletzungen von den Schlauchbooten, schwebten aber nicht in Lebensgefahr. Die wurden dann später, nachdem sie mit den Schnellbooten auf das große Schiff gebracht wurden, in Döllschers „kleinem Krankenhaus“, einem Raum mit zwei Liegen, behandelt.

„Viele haben ihre Kinder hochgehalten, um schneller gerettet zu werden“, so Döllscher. Und das seien bei der Rettung in diesem Jahr, bei der sie dabei war, gar nicht so wenige gewesen: „Es waren ungefähr 60 Frauen und 20 Kinder“, sagt sie. Einmal sei sogar ein erst zwei Wochen altes Baby an Bord eines Schlauchbootes gewesen. „Wie krass muss die Situation sein, um sich mit einem zwei Wochen alten Säugling auf so ein Boot zu setzen?“, fragt sie sich entsetzt.

Ärztin Döllscher: „Ich habe mich immer sicher gefühlt“

Eine Gefahr für sich selbst habe sie aber nie verspürt, so Döllscher. Und das, obwohl die libysche Küstenwache im Vergleich zum vergangenen Jahr aggressiver geworden sei. „Die sind manchmal mit ihren Booten nah an uns rangefahren und haben Alarm gemacht“, erzählt die Göttinger Ärztin. Sie hätten zwar nie auf Leute direkt geschossen, aber Warnschüsse abgegeben. „Ich habe mich aber eigentlich trotzdem immer sicher gefühlt, weil es gut organisiert war und die Crew wusste, was sie zu tun hat“, sagt sie.

So würde sie auch wieder auf Rettungsmission auf dem Mittelmeer gehen: „Nächstes Jahr vielleicht“, sagt die Frau mit dem herzlichen Lächeln. Für dieses Jahr ist der Urlaub für Rettungen erstmal aufgebraucht.

Von Hannah Scheiwe