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Göttingen Willmann: „Artensterben hat unfassbare Dimensionen angenommen“
Die Region Göttingen Willmann: „Artensterben hat unfassbare Dimensionen angenommen“
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08:00 12.06.2019
Der Große Feuerfalter ist in Deutschland stark gefährdet. Quelle: Rainer Willmann
Göttingen

Aussterben werden die Insekten zwar nicht, das Insektensterben ist aber in vollem Gang und kann zu dramatischen Auswirkungen auf Mensch und Natur führen. Das meint der Göttinger Insektenforscher Prof. Rainer Willmann, der weitere Anstrengungen für den Naturschutz und eine ökologische Wende in der Landwirtschaft anmahnt. Mit dem Rückgang der Insektenvielfalt befasst sich sich auch die vom Bundesamt für Naturschutz herausgegebene aktuelle Schwerpunktausgabe der Fachzeitschrift „Natur und Landschaft“.

Insektenforscher Rainer Willmann Quelle: r

„Den negativen Entwicklungen muss endlich mit konkretem Handeln begegnet werden – auch wenn die Datenlage weiter verbessert werden kann“, sagt BfN-Präsidentin Prof. Beate Jessel. Als Hauptursache für das Artensterben sieht Willmann, der bis 2017 Präsident der Deutschen Gesellschaft für allgemeine und angewandte Entomologie gewesen ist, die Industrialisierung der Landwirtschaft mit homogenen Wirtschaftsflächen, Monokulturen, Überdüngung und zu häufiger Mahd von Wiesen. Ackerbegleitkräuter würden fehlen, Hecken und Randstreifen seien oft zu schmal und dem Einsatz von Pestiziden ausgesetzt.

„Verheerende Wirkung von Pestiziden“

„Deren Wirkung ist selbstverständlich verheerend“ widerspricht Willmann Aussagen des Göttinger Agrarwissenschaftlers Prof. Andreas von Tiedemann: „Das Aussterben von Insektenarten hat weltweit unfassbare Dimensionen angenommen.“ Herbizide seien keine Pflanzenschutzmittel, sondern würden Pflanzen abtöten und nur wenige Arten übrig lassen, Insektizide keineswegs nur die Schädlinge in einer Kultur umbringen. Wie auch der Göttinger Agrarökologe Prof. Teja Tscharnke verweist Willmann auf die Wahrscheinlichkeit subletaler bis tödlicher Effekte. Verhaltensstörungen durch lange im Boden bleibende wasserlösliche Neonicotinoide seien nachgewiesen, die Anfälligkeit gegenüber Krankheitserregern werde erhöht.

Kleine Schritte gegen das Insektensterben

Letztes Gesumm statt großes Krabbeln? Das muss nicht sein. Das Blühstreifenprojekt des Göttinger Landvolks begrüßt der Entomologe Rainer Willmann als Schritt in die richtige Richtung. Jeder Bürger – auch in der Stadt – könne mit einfachen Mitteln einen kleinen Beitrag gegen das Insektensterben leisten. Allzu aufgeräumte Gärten gehören nicht dazu. Auch Unkräuter hätten ihre Schönheit und Berechtigung, meint Willmann. Falls sie überhand nehmen, sollten sie allenfalls ausgerupft oder abgeflammt werden, im Garten keinerlei Gift zum Einsatz kommen. Weitere Tipps: Wildblumenwiesen mit vielseitigem Pollen- und Nektarangebot für Insekten zulassen statt kurzgeschorenen Golfrasen pflegen (“Je bunter, desto besser“). Den Balkon mit Pflanzen flankieren. Auf Gartenblumen mit gefüllten respektive geschlossenen Blüten verzichten, Schmetterlingsbüsche wie Sommerflieder, Hundsrose, Holunder und Weißdorn sowie Frühblüher setzen, Salbei ausblühen lassen. Nicht alles wegkehren, sondern Blätter auch mal liegenlassen, Insekten und anderen Tieren Versteckmöglichkeiten bieten. Insektenhotels aufhängen und Totholz nicht beseitigen. Und wenn in einem Winkel Brennesseln stehen, bieten auch sie vielen Insekten Nahrung. ku

Wie beim anthropogenen Klimawandel gebe es leider Leugner des Insektensterbens, sagt Willmann, der vor 20 Jahren die Gründung des Göttinger Zentrums für Biodiversitätsforscchung und Ökologie initiiert hat und seine Argumente mit zahlreichen Studien unterfüttert. Da es sich beim Vertrieb von Pestiziden um ein Riesengeschäft handele, würden die Chemiekonzerne selbst bei bedenklichen Mitteln Verbote verzögern oder verhindern: „Ein Hauptproblem besteht darin, dass die Landwirte alleingelassen werden.“

„Stummer Frühling“

Als „wenig beachteten Faktor“ nennt Willmann „eine monotone Diät bei Insekten“, als weiteren „neu erkannten Grund für den Artenrückgang“ zu hohe Stickstoffkonzentrationen in den Nahrungspflanzen: „Sie führen zu einer stark erhöhten Sterberate von Schmetterlingsraupen. Somit trägt die Düngung unmittelbar zum flächendeckenden Rückgang vieler Schmetterlingsarten bei.“ Flächenversiegelung und Waldverluste – und mit weitaus geringerer Rolle Lichtverschmutzung und Windkraftwerke – nennt Willmann als weitere Faktoren. Zugleich hebt er die Unverzichtbarkeit von Insekten in den Ökosystemen und die Bedeutung ihrer Bestäubungsleistung hervor. Auch die negativen Folgen des Insektensterbens für die Vogelwelt hat Willmann im Blick: „In unseren Wäldern verfüttern die Vögel an sich und ihre Brut alljährlich rund 400 000 Tonnen Insekten.“ Der von der Umweltaktivistin Rachel Carson vor 50 Jahren prognostizierte „Stumme Frühling“ sei im Vergleich zur Zeit um 1900 längst Realität.

Der Hauhechel-Bläuling ist auf intensiv bewirtschafteten Agrarflächen weitgehend verschwunden. Quelle: Prof. Rainer Willmann

Wechselwirkungen wenig bekannt

Im 2015 erschienenen BfN-Artenschutzreport steht von den rund 71 500 Tier- und Pflanzenarten in Deutschland – darunter mehr als 33 000 Insektenarten – ein Drittel auf der Roten Liste, fünf Prozent gelten als ausgestorben, merkt Willmann an. Fast 92 Prozent der Ameisenarten seien rückläufig, von 560 Arten Wildbienen 41 in ihrem Bestand gefährdet. In Bienenkolonien seien bis zu 161 Pestizide nachgewiesen worden, Wechselwirkungen wenig bekannt und würden bei Zulassungsverfahren auch nicht untersucht.

„Das seit langem verfolgte Ziel, den Verlust der biologischen Vielfalt in Deutschland aufzuhalten, ist bislang verfehlt worden“, resümiert Willmann in Übereinstimmung mit dem Bundesartenschutzreport: „Geändert hat sich daran bisher nichts – trotz aller Schutzbemühungen.“

Von Kuno Mahnkopf

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