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Göttingen Ist das Rassismus? Göttinger Forscher sagt „Ja“
Die Region Göttingen Ist das Rassismus? Göttinger Forscher sagt „Ja“
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15:55 20.08.2018
Ein Werbeplakat des Getränkeherstellers Astra hängt an einer Hauswand in der Nähe der Hamburger Reeperbahn – und regt auf. Ist es Rassismus?. Quelle: dpa
Göttingen

Er steht im Mittelpunkt einer kontroversen Diskussion: Der Göttinger Schauspieler Prashant Jaiswal war Fotomodell für ein Werbeplakat der Biermarke Astra. Im Nixenkostüm fragte er: „Wolle Dose kaufen?“ Nach dem kritischen Echo distanzierte sich der Fußballverein FC St. Pauli, der von Astra gesponsert wird, von der Werbung. Prashant Jaiswal selbst empfindet die Werbung nicht als diskriminierend. Die Frage bleibt, ob das Motiv nun lediglich geschmacklos oder doch lustig ist oder nicht vielleicht einen unterschwelligen Rassismus bedient.

Julian Warner, Kulturanthropologe Quelle: R


Warum ist die Astra-Werbung problematisch?

Gerade in einer Zeit, in der die Polizei landauf landab rassistische Stereotype zur Grundlage ihrer Arbeit macht, Stichwort „Racial Profiling“, ist es umso wichtiger, dass solche Bilder kritisiert werden.

Die Bildkomposition mit der „Person of Color“ in Meerjungfrauen-Kostüm und dem Spruch in gebrochenem Deutsch verbindet verschiedene Stereotypen. In anderen Zeiten wäre so eine Überzeichnung bloß als Ausdruck einer besonders absurden Kiez-Subkultur gelesen worden. Nachdem nun aber immer mehr „People of Color“ den Marsch durch die Institutionen antreten, lernen wir als Gesellschaft in öffentlichen Diskursen, dass dies nur eine Lesart dieses Bildes ist. Und, dass ein großer Teil der Bevölkerung darin wiederum die plumpe Wiederholung rassistischer Klischees sieht, mit denen sie tagtäglich konfrontiert sind.

Das heißt aber nicht, dass wir gänzlich auf Witz oder Stereotype verzichten müssen. Ich finde die Freiwillige Feuerwehr hat vor einiger Zeit auf ihren Plakaten vorgemacht, wie es gehen kann. Keine Angst vor „dem Rußen“ hieß es dort unter anderem – und gezeigt war eine deutschrussische Feuerwehrfrau mit Ruß im Gesicht. Hier wurde das Stereotyp klug ausgehebelt, indem auf die Diversität der Freiwilligen Feuerwehr hingewiesen wurde.


Werden Dinge heute viel schneller als Rassismus bezeichnet?

Ich denke, wir müssen lernen, anders über diese Dinge zu sprechen. Dass etwas heute schneller als rassistisch bezeichnet wird, ist kein Problem, sondern der hilfreiche Hinweis: Hier stimmt etwas nicht. Im Falle der Astra-Werbung hatte die zuständige Werbeagentur weder Kenntnisse gegenwärtiger Rassismus-Diskurse noch der anzusprechenden Kundschaft, sprich linke St. Pauli Fans. Es ist zudem anzunehmen, dass ihre Belegschaft nicht sonderlich divers ist.

Manche Menschen mögen sich nun in ihrer persönlichen oder künstlerischen Freiheit gegängelt fühlen. Denen kann man nur erwidern, dass für viele Menschen Dinge sagbar geworden sind, die jahrzehntelang nicht sagbar waren. Menschen hatten nicht einmal ein Vokabular dafür, Rassismus in Deutschland zu benennen. Jetzt ist es normal, dass sich Menschen zu Wort melden und sagen: So etwas wie die Astra-Werbung verletzt eine bestimmte Gruppe.

Was wir nun lernen müssen, ist, in einen produktiven Diskurs zu treten. Rassismus ist keine Frage der Intention. Rassismus ist eine strukturelle Tatsache. Es geht nicht darum, dass die Werbeagentur oder Astra selbst sich für das Bild entschuldigen und erklären, sie haben es so nicht gemeint. Sondern darum, die Bedingungen, unter denen das Bild hergestellt worden ist, so zu ändern, dass sich so etwas nicht wiederholt.


Angesichts der schnellen Gegenreaktionen auf früher unkritische Äußerungen kann man eine gewisse Verunsicherung beobachten, was heute noch sagbar ist.
 

Ich denke, es ist das Wesen von Privilegien, dass man verunsichert ist, wenn sich andere äußern und die eigenen Überzeugungen in Frage stellen. Wenn man Privilegien hat, ist es zudem sehr schwierig zuzugeben, dass man etwas Rassistisches oder Sexistisches gesagt hat. Dass sich andere mithilfe ihrer Identität äußern, hilft aber, konkrete Diskriminierungen zu benennen und Interessen zu formulieren. Als Angehöriger einer solchen Gruppe muss man aber auch, sei es privat oder am Arbeitsplatz, eine Portion Wohlwollen mitbringen. In den allermeisten Fällen passiert das auch.

Von Sven Grünewald

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