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Göttingen Göttinger Freimaurerloge besteht 200 Jahre
Die Region Göttingen Göttinger Freimaurerloge besteht 200 Jahre
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20:08 17.05.2010
Im Treppenhaus des Göttinger Logenhauses, das 1882/82 errichtet worden ist: Leiter Professor Tilmann Nagel.
Im Treppenhaus des Göttinger Logenhauses, das 1882/82 errichtet worden ist: Leiter Professor Tilmann Nagel. Quelle: Vetter
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Napoleons Bruder Jerome („König Lustik“) regierte das Reich. Er war, ebenso wie drei weitere Brüder Napoleons, Freimaurer. Der französische Kaiser förderte die Loge, um ein Gegengewicht zur katholischen Kirche zu schaffen, berichtet der Historiker Jasper Ridley in seinem Buch „The Freemasons“. Die Kirche hatte während der Französischen Revolution bereits erheblich an Einfluss eingebüßt. Im Zuge der Säkularisation verlor sie um 1800 auch in deutschen Staaten ihren großen Landbesitz.

In Kassel wurde gleich nach der Etablierung des französischen Vasallenstaats 1807 eine „Große Mutterloge des Königreiches Westphalen“ gegründet. An ihrer Spitze stand der damalige Justiz- und Innenminister. An ihn wandten sich der Göttinger Privatdozent für Theologie, Johann Philipp Trefurt, und der Privatdozent für Bürgerliches Prozessrecht, Georg Heinrich Oesterley, mit der Bitte, auch in ihrer Stadt eine Loge gründen zu dürfen.
„Es hatte schon zuvor Freimaurerlogen in Göttingen gegeben“, sagt Arndt Wolf, Autor einer Chronik über die Göttinger Freimaurerei. Die beiden Logen „Augusta zu den drei Flammen“ und „Zum goldenen Zirkel“ waren 1793, vier Jahre nach der Französischen Revolution, verboten worden. Überall in Europa standen die Freimaurer damals unter Verdacht, an der Französischen Revolution mitgewirkt zu haben. Historiker Ridley hält dagegen: Neben revolutionären Freimaurern habe es auch solche gegeben, die das Ancient Regime verteidigten und dafür hingerichtet worden seien.

„Das Logenverbot betraf im Kurfürstentum Hannover nur die Universitätsstadt Göttingen. Die Welfen befürchteten eine negative Beeinflussung der Studenten“, sagt der gegenwärtige Leiter der Göttinger Loge, Tilmann Nagel, der von 1981 bis 2007 als Professor für Arabistik und Islamwissenschaft an der Universität Göttingen lehrte und forschte. Erst 20 Jahre kam es zur Neugründung, die die Namen der Vorgängerlogen zusammenzog. Sie zählte nach einem Jahr 46 Mitglieder.

1813 kaufte die Loge vom Grafen von Hardenberg für 2500 Reichstaler den Hardenberger Hof am Ritterplan (heute Museum), den sie 1832 wieder verkaufte. Als das Konigreich Westphalen 1813 unterging, fiel Göttingen wieder an das Königreich Hannover zurück. Die Göttinger schlossen sich 1828 der neugegründeten Großloge von Hannover an, deren Großmeister König Ernst August wurde. Als 1851 König Georg V. das Amt übernahm, setzte er eine christliche Ausrichtung durch. Anders als in französischer Zeit durften Juden nicht mehr Mitglied sein. Das erregte bei einigen Göttinger Freimaurern Unmut, berichtet Wolf. Die Vorgabe wurde aber umgesetzt.

1868, zwei Jahre nach der Annektion des Königreichs durch Preußen, zählte die Göttinger Loge 88 Mitglieder. „Damals fand sich das gehobene vermögende Bürgertum in der Loge zusammen“, berichtet Nagel. Das preußische Königshaus förderte seit Friedrich dem Großen, der noch als Kronprinz Logenbruder geworden war, die Maurerei. Viele Offiziere gehörten dem Maurerbund an. Der Bürgerstolz der Göttinger Freimaurer fand in dem Logenhaus Ausdruck, das sie 1882/83 unter Leitung von Louis Laporte, Kaufmann und Präsident der Handelskammer, in der Oberen Karspüle 47 erbauten.

Ende des 19. Jahrhunderts engagierte sich der Göttinger Freimaurer Moritz Heyne, ein Professor, gegen den zunehmend virulenten Antisemitismus. Nach dem Ersten Weltkrieg gerieten die Logen ins Kreuzfeuer rechtsextremer Gruppen. Die Rechten warfen den Freimaurern vor, mit ihren „kosmopolitischen Ideen“ während des Kriegs die Wehrkraft des deutschen Volks zersetzt und so die Niederlage verursacht zu haben. Die Loge stehe im Dienste des „Weltjudentums“, behaupteten sie.

Der Mengershäuser Pfarrer Dr. August Pfannkuche, der von 1927 bis 1929 die Göttinger Loge leitete, protestierte. 1927 erschien seine Broschüre „Freimaurer und völkische Frage“. Darin betont er die nationale Gesinnung der deutschen Freimaurer. Er macht auf den großen Einfluss der Loge in Preußen aufmerksam. Viele Vertreter des deutschen Idealismus (Lessing, Herder, Fichte, Goethe) seien Freimaurer gewesen.

Die Betonung der vaterländischen Gesinnung half den Freimaurern nicht. Die Nazis setzten nach 1933 die Logenbrüder unter Druck. Insbesondere Rechtsanwälte, Notare und Ärzte traten aus. In Göttingen sank die Zahl so von 71 Mitgliedern in 1933 auf 39 Personen 1935. Das Dritte Reich zwang die Logen 1935 zur Selbstauflösung. Die Göttinger verloren damals ihr Gebäude, das sie nach dem Krieg nur mit Mühe zurückbekamen.

Die deutsche Freimaurerei hat sich bis heute nicht von dem Schlag erholt, die ihr die Nazis versetzten. Gab es 1933 rund 100 000 Freimaurer in Deutschland so sind es heute keine 15 000 Logenbrüder mehr. In Göttingen zählte der Maurerbund nach dem Krieg zunächst 110 Mitglieder. Darunter befanden sich Freimaurer von Logen aus dem Umland, die ihre Arbeit noch nicht wieder aufgenommen hatten. Im Laufe der Jahrzehnte ist die Zahl der Mitglieder kontinuierlich gesunken. „Heute haben wir 38 Mitglieder“, sagt Nagel. In letzter Zeit fänden verstärkt junge Männer in guten Positionen zu ihnen. Sie suchten nach ethischer Orientierung.

Freimaurerei

Die erste Großloge, ein Zusammenschluss von mehreren Freimaurerlogen, entstand 1727 in London. Die Freimaurer begreifen sich als einen Bruderbund, dessen Mitglieder sich um Selbsterziehung bemühen. Dies geschieht durch die Beschäftigung mit der freimaurerischen Symbolik, die den alten Dombauhütten entlehnt ist (etwa rauer Stein, Hammer, Zirkel), sowie durch die Teilnahme an Ritualen im sogenannten Tempel. Weltweit soll es sechs Millionen Freimaurer geben.

Von Michael Caspar

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