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19:35 15.09.2009
Noch unbehelligt von späterer Luftverschmutzung: das Grabmal im 19. Jahrhundert.
Noch unbehelligt von späterer Luftverschmutzung: das Grabmal im 19. Jahrhundert. Quelle: EF
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Es ist der 15. Dezember 1797. Der aus dem Herzogtum Kurland stammende Student Carl von Hahn hört von seinem Zimmer aus einen lautstarken Streit. Auf der Straße ist eine Gruppe Studenten mit Offiziersanwärtern über die Frage aneinandergeraten, wer der anderen Partei Platz auf dem Gehsteig machen sollte – ein Fall von frühneuzeitlichem Testosteronüberschuss in der Auseinandersetzung um das sogenannte Gossenrecht.
Der Neunzehnjährige eilt die Steige hinunter, um den Streit zu schlichten. Es kommt zu einem Handgemenge, der Sohn des Kaiserlich Russischen Staatsrates Adolph von Hahn wird vom Degen eines der Fähnriche am Kopf getroffen. Zwei Tage später erliegt er seinen Verletzungen. – Ein Opfer der eigenen Zivilcourage. Der in Postenden (dem heutigen Pastende in Lettland), dem Stammsitz der Familie, geborene junge Mann wird auf dem „Neuen Friedhof“ an der Weender Landstraße begraben.
Fünf Jahre später, im Sommer 1802, lassen seine Eltern eine große Grabanlage errichten. Der Kasseler Bildhauer und Professor Johann Christian Ruhl erschafft die Skulptur eines Genius, einem Schutzgeist aus altrömischen Vorstellungen, der auf einem Sandsteinsockel ruht.
Dieses Denkmal, laut Restaurator Wanja Wedekind eine der bedeutendsten Außenplastiken des Spätbarock in Göttingen, verwitterte im Laufe der folgenden Jahrhunderte zusehens. Die Luftverschmutzung nagte am einst strahlend weißen Marmor aus den Steinbrüchen im toskanischen Carrara.

Angewandte Wissenschaft

Bis 2008 die Familie von Hahn beschloss, sich der Ruhestätte anzunehmen. Zusammen mit der Stadt Göttingen wurde die Summe von rund 5000 Euro für die Wiederherrichtung aufgebracht. Einfache Arbeiten verrichteten der Familien-Nachfahren selbst, um Kosten zu sparen.
In drei Arbeitsschritten machte sich der Diplomrestaurator Wedekind an die Wiederherstellung. Ziel der Maßnahmen sei die Konservierung des Denkmals gewesen, bei gleichzeitiger Erhaltung seines Alterswertes, erklärte Wedekind. Eine Arbeit, die sich auf Forschungen zur Sanierung bedeutender Grabdenkmale stützte, die das Geologische Zentrum der Universität bereits 2006 und 2007 auf dem historischen Friedhof angestellt hatte.
Diese forscherische Grundlagenarbeit wurde auch im Falle des Genius fortgesetzt. Zunächst mussten Algen und Moose, die sich auf der Skulptur festgesetzt hatten, entfernt werden. Das Institut für Mikrobiologie und Genetik nahm das zum Anlass, die Ausbreitung und das Wachstumsverhalten dieser Organismen zu untersuchen.
Wer das Grab des Studenten Carolus de Hahn auf dem Bartholomäusfriedhof an der Weender Landstraße im restaurierten Zustand in Augenschein nehmen möchte, kann dies am Freitag, 18. September, ab 14 Uhr bei der offiziellen Feier zur Fertigstellung tun.

Von Erik Westermann

15.09.2009
15.09.2009