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Göttingen Schluss mit Gauss, Zeit für Neues
Die Region Göttingen Schluss mit Gauss, Zeit für Neues
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00:19 27.11.2017
Jacqueline Amirfallah und Wolfgang Nisch in ihrem Restaurant Gauss am Theater, das am 30. November zum letzten Mal öffnet.
Jacqueline Amirfallah und Wolfgang Nisch in ihrem Restaurant Gauss am Theater, das am 30. November zum letzten Mal öffnet. Quelle: Peter Heller
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Göttingen

Im Sommer berichtete das Tageblatt, dass die beiden Inhaber von einem der ersten Gourmet-Restaurants in Göttingen zum Jahresende schließen. „Bereits im August konnten wir kaum noch Reservierungen entgegen nehmen, es war bis zum Ende alles ausgebucht”, sagt Nisch. „Manche Gäste wollten sogar eine Art Abo kaufen und alle zwei Wochen einen Tisch reservieren”, so der Gastronom. Vor der Tür haben unbekannte Gauss-Fans Blümchen als Dank abgestellt, auch Karten, mit denen sich Gäste für die schönen Jahre bedanken, erreichten die Betreiber: „So ein herzlicher Abschied, das macht schon Freude”, sagt Nisch.

Nach 20 Jahren an der Theaterstraße steht die 57-jährige Fernsehköchin Amirfallah am Donnerstag zum letzten Mal mit ihrem Team am Herd im Kellerrestaurant. „Es ist an der Zeit, mehr Balance ins Leben zu bringen”, sagt sie. Der Pachtvertrag des Restaurants läuft aus, eine langfristige Verlängerung wollte das Ehepaar nicht noch einmal eingehen.

Im Apex in der Burgstraße geht es weiter

„20 Jahre Grottenolm, das ist genug”, so Amirfallah. Den Göttingern bleiben die Beiden erhalten, seit ein paar Jahren betreiben Amirfallah und Nisch auch die Gastronomie im Apex. Ein Teil des Personals, so auch der Koch und Bundessieger Jan Hundertmark, zieht mit um.

Und es gibt schon einige, wenn auch noch nicht ganz konkrete Pläne für den neuen Lebensabschnitt. Im Gauss, so erzählt Nisch, sei das Team am Ende doch recht festgelegt auf das Konzept gewesen, im Apex eröffneten sich viele neue Möglichkeiten. „Dort können wir 1000 neue Sachen ausprobieren, wie auf einer Spielwiese”, so der Gastgeber. Die beiden freuen sich darauf. Vielleicht gibt es besondere Menü-Abende, neue Angebote auf der Karte, Veranstaltungen – an neuen Ideen herrscht kein Mangel.

Nicht nur die Wünsche der Kunden, auch ihr eigener Kochstil und die Küchenphilosophie generell habe sich in den vergangenen 20 Jahren sehr verändert. „Am Anfang, da war es noch wichtig, möglichst seltene und exotische Produkte auf den Teller zu bekommen”, erinnert sich Amirfallah – auch an ihre Zeit vor dem Gauss im Düsseldorfer Sternelokal Schiffchen.

Persische Elemente

Regionale Produkte standen damals im Gegensatz zu heute nicht im Mittelpunkt der gehobenen Küche. „Dieser ganze Globalisierungs-Wirrwarr ist irgendwann beliebig geworden, dann ging der Trend in den Spitzenküchen zurück zur Regionalität”, so die Küchenchefin. Im Gauss habe sie zwar von Anfang an Gemüse von ihrem regionalen Produzenten bezogen aber auch ihr persönlicher Kochstil habe sich im Lauf der Jahre verändert. „Ich arbeite heute stärker mit persischen Elementen”, sagt die Köchin, die aus einer iranischen Familie stammt.

Amirfallah und Nisch sind auch privat viel in Sachen Genuss und guter Küche unterwegs. Sie probieren Neues aus, besuchen die besten und ungewöhnlichsten Kollegen der Republik. Amirfallah ist überzeugt: „Es wird wieder schlichter in den Küchen”, sagt sie. Die Zeit der 27 Komponenten auf einem Teller – die mit Pinzetten angerichtet werden – gehe zu Ende. In einer Berliner Avantgarde-Küche, die Trends auf die Spitze treibt, haben Amirfallah und Nisch kürzlich geliertes Wasser serviert bekommen. In solchen Küchen gehe es auch darum, ein bestimmtes Bewusstsein, eine Philosophie der Sinne zu vermitteln. „Einfach ein Rinderfilet auf den Teller zu legen, das ist dort out”, sagt die Köchin. Heute gibt es eine Innereien-Renaissance, strenge regionale Konzepte, auf ein Minimum reduzierte Küche, Butterbrot im Sterne-Restaurant und nur ein Menü für alle. Manchmal müsse eben einfach etwas zu Ende gehen, damit etwas Neues entstehen kann.

Von Britta Bielefeld