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17:00 27.02.2020
Pause im OHG. Das Forum füllt sich mit Schülern, viele sitzen auf den Treppenstufen, eine Aula oder eine Mensa gibt es nicht. Quelle: Meinhard
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Göttingen

Schüler, Lehrer und Elternvertreter des Otto-Hahn-Gymnasiums (OHG) sind enttäuscht und empört über die Sparpläne der Stadtverwaltung. Ein seit Jahren vorgesehener und von allen Seiten längst abgestimmter Neubau soll aus Kostengründen kleiner ausfallen: statt vier nur drei Etagen, um Geld zu sparen. Damit würden die Raumprobleme der Schule mit ihren 1181 Schülern letztlich nicht gelöst, lautet die Kritik aus dem OHG.

Es waren Schüler, die auf die Idee kamen, alle Ratsmitglieder sowie weitere interessierte Bürger am 27. Februar zu einem Schultag einzuladen, damit sich jeder selbst ein Bild machen kann von den Verhältnissen. Dieser Einladung folgten mehrere Ratsherren und Ratsfrauen der CDU, Ratsherr Francisco Welter-Schultes (Piraten) sowie Erich Wutschke vom Beirat für Menschen mit Behinderungen.

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Im Forum ist diese Tafel aufgestellt. Hier finden sich auch Zeitungsartikel, die sich mit der OHG-Problematik beschäftigen. Quelle: Meinhard

Provisorien in der Berufsschule

Lehrer Markus Clemens und Schülervertreter Tim Wiedenmeier (14) führten zuerst einmal hinüber zur Berufsbildenden Schule (BBS II). Dort ist ein Trakt für die Oberstufenjahrgänge des OHG hergerichtet worden. Zuweilen schreiben hier auch Schüler der unteren Klassen Klausuren. Für den jeweiligen Gebäudewechsel und das Ersteigen der Treppen in der BBS geht oft die gesamte Pause drauf. Die Räume in der Berufsschule sind mehr oder minder Provisorien, verfügen etwa noch über Fachtische, die niemand braucht. Im Treppenaufgang liegen etliche Enden von Versorgungsleitungen offen. Ein Raum besitzt keine Fenster, lediglich Oberlichter.

Zum Sportunterricht und für den sporttheoretischen Unterricht müssen die Schüler über die Godehardstraße zur Sparkassen-Arena wechseln. Die täglich zu bewältigenden Wege sind nicht unerheblich, wird versichert. Das vom stellvertretenden Chefredakteur des Tageblatts, Christoph Oppermann, in einer Glosse formulierte Bild eines „organisierten Herumgehens“ als neue Abkürzung für das OHG beschreibe die Situation sehr gut, heißt es.

Im Treppenhaus der BBS II liegen Versorgungsleitungen offen, wenn auch in großer Höhe. Quelle: Meinhard

Hellhörige und zu kleine Räume

Im Trakt A sind die Räume mit Hilfe von Trockenbauwänden verkleinert worden. Es ist nicht nur eng, es ist auch hellhörig. In einem der gerade einmal 45 Quadratmeter großen Klassenzimmer unterrichtet Anne-Dore Mägde Religion. 24 Schüler sitzen vor ihr, dicht gedrängt, obwohl vier fehlen. So wie es ist, sei es untragbar, kritisiert sie und spricht von „struktureller Gewalt“. Sie lobt die Schüler für ihren solidarischen Umgang miteinander, trotz der inakzeptablen Verhältnisse an ihrer Schule. Mit dem Pausenzeichen beginnt das Gedrängel in den Fluren, Schüler sitzen zum Frühstück auf Treppenstufen. Es gibt keine Mensa, keine Aula.

Wutschke sagt nach dem Rundgang: „Ich habe einiges erwartet. Aber es ist schlimmer.“ Die Enge, wenn 26 Schüler in einem 45 Quadratmeter großen Klassenzimmer sitzen, sei einer angemessenen Lernatmosphäre und modernen pädagogischen Konzepten völlig abträglich. „Da gibt es keine Bewegungsfreiheit“, bemängelt er. Es sei kein Wunder, dass das OHG Inklusion ablehne. „Die wäre räumlich gar nicht umsetzbar.“ Nicht von den Finanzen, sondern von den Schülern her sollte die Sache betrachtet werden. Schülervertreter Piet Bartsch (14) meint: „Ich finde schockierend, dass das alles für uns normal geworden ist.“

Arbeitsgruppen von Schülern im Pausenbereich, weil es in den Klassenräumen zu eng ist. Quelle: Meinhard

„Bei uns brennt es jetzt wirklich“

In einer Gesprächsrunde tauschen sich die Gäste mit Schulleiterin Rita Engels, weiteren Lehrern sowie Schülervertretern aus. Elternvertreterin Monika van Vught ist der Ansicht, dass jetzt geglättet werden müsse, was jahrelang verschlafen wurde. Das sei nach ihrer Einschätzung trotz der stetigen Baukostensteigerungen möglich – bei einem Kapitalmarkt von unter 1 Prozent Zinsen. Die Schulleiterin lässt keinen Zweifel: „Bei uns brennt es jetzt wirklich“, sagt sie. CDU-Fraktionschef Olaf Feuerstein gibt seiner Hoffnung Ausdruck, dass sich die Göttinger Schulleiter nicht gegeneinander ausspielen lassen, wenn die Stadtverwaltung am 11. März Vertreter aller Schulen zu einer Anhörung einlädt. Auch Tim Wiedenmeier hat eine Hoffnung: „Ich möchte die Fertigstellung des Anbaus als Schüler noch erleben“, sagt er und meint die ursprüngliche, die ungekappte Variante.

Mit einem Sternmarsch zum Neuen Rathaus wollen mehrere Göttinger Schulen am 3. März auf ihre jeweiligen Situationen aufmerksam machen und eigenen Forderungen Nachdruck verleihen.

BBS-Räume nur bedingt geeignet

Statt der ursprünglich geplanten und aus der bestehenden Raumnot heraus für unbedingt notwendig erachteten vier Etagen, soll der OHG-Neubau auf drei Geschosse beschränkt bleiben. Das schlägt die Verwaltung vor, um so Kosten zu sparen. Schüler der oberen Klassen sollen in noch größerem Umfang als bisher in der benachbarten Berufsschule (BBS II) unterrichtet werden. Die Räume selbst sind allerdings für Berufsschüler und deren Unterrichtung hergerichtet und nur bedingt für Gymnasialschüler geeignet. Träger der BBS ist der Landkreis Göttingen, die Räume müssten also gemietet werden. Verfechter eines viergeschossigen OHG-Neubaus argumentieren, dass die Anmietung auf längere Sicht teurer werde als die Umsetzung des viergeschossigen Schulgebäudes. Das soll an den Trakt D des OHG angegliedert werden (Straßenseite). Auch das Hainberg-Gymnasium und die Geschwister-Scholl-Gesamtschule stehen vor Sanierungsaufwendungen in zweistelliger Millionenhöhe.

Halbe Sache bleibt halbe Sache

Man kommt sich näher am OHG. Zu wenige und teils sehr kleine Räume stehen im Kontrast zu den Schülerzahlen. Wenn es all’ zu eng wird, werden Arbeitsgruppen in den Pausenbereich ausgelagert. Weite Wege in Nachbargebäude, Gedrängel in den Fluren. Alltag am OHG. Das geht und Not macht erfinderisch. Nur – Schule im 21. Jahrhundert stellt sich der staunende Laie irgendwie ganz anders vor. Natürlich ist es leicht, mehr Geld zu fordern. Natürlich haben alle anderen Schulen auch Anspruch auf Verbesserung der Verhältnisse. Deshalb bleibt eine halbe Sache aber doch eine halbe Sache. Die politisch Verantwortlichen müssen wissen, ob sie die wollen. Eine zukunftsfeste Lösung ist höchst wünschenswert. Die Schüler sind sie jedenfalls wert.

Von Ulrich Meinhard

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