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Göttingen Göttinger Handwerker suchen im fernen Chile ihr Glück
Die Region Göttingen Göttinger Handwerker suchen im fernen Chile ihr Glück
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22:30 20.09.2009
Deutsche Einwanderer prägten die südchilenische Hafenstadt Puerto Montt: Die 180 000-Einwohner-Metropole ehrte die Neuchilenen mit einem Denkmal.
Deutsche Einwanderer prägten die südchilenische Hafenstadt Puerto Montt: Die 180 000-Einwohner-Metropole ehrte die Neuchilenen mit einem Denkmal.
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„Erst drücken die Kunden den Preis und dann zahlen sie noch nicht einmal pünktlich“, klagt im März 1857 ein Göttinger Schuhmacher in einem Zeitungsartikel. Eine Gruppe von „fleißigen, geschickten und braven Männern“, so der Handwerker, ziehe nun die Konsequenz und wandere aus. Mechthild Weß hat über diese Gruppe ihre Dissertation verfasst.
Die Wissenschaftlerin stieß während eines dreimonatigen Aufenthalts in Südchile auf das Thema. „Ich stolperte ständig über Hinweise auf deutsche Kultur“, berichtet sie. Weß entdeckte deutsche Kindergärten und Schulen, deutsche Vereine und Bauwerke in deutschem Stil. Sie lernte Deutschstämmige kennen, die noch in der vierten Generation die Muttersprache der Vorfahren flüssig beherrschen.
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Um Deutsche ins Land zu holen, hatte die chilenische Regierung im Juli 1848 Bernhard Eunom Philippi zu ihrem Bevollmächtigten für die deutsche Einwanderung ernannt. Der reiste noch im selben Jahr in die alte Welt, um Kolonisten anzuwerben. Eigentlich sollte er nach Katholiken Ausschau halten, doch denen untersagten die Bischöfe von Kassel und Fulda, Münster und Paderborn die Ausreise. Daraufhin bemühte sich Philippi um protestantische Neubürger für das katholische Chile. „Wahrscheinlich kam er auch nach Göttingen“, vermutet Weß.
Bei einer Auswertung von Zeitungen jener Jahre stieß die Wissenschaftlerin nur auf spärliche Meldungen über das südamerikanische Land. Und diese waren für potenzielle Auswanderer eher abschreckend. Die Goldvorkommen der Stadt Concepción seien weniger ergiebig als gedacht, heißt es etwa. Auch über die Ermordung des chilenischen Intendanten (Verwalters) in Valparaíso wird berichtet.
Optimistischer klingen Anzeigen, die Auswanderungsagenten ab 1852 schalteten. Dort machen sie den Menschen die Fahrt nach Chile mit dem Hinweis schmackhaft, dass die chilenische Regierung ein Fünftel der Kosten übernehme. Außerdem stelle der Staat zinsfreie Kredite für Land, Lebensmittel und Arbeitsgerät zur Verfügung. „Wieviele Menschen tatsächlich auswanderten, war nicht einfach herauszufinden“, erzählt die Volkskundlerin. Das Königreich Hannover, zu dem Göttingen damals gehörte, führte keine Listen. Als ergiebige Quelle erwiesen sich die Abschiedsanzeigen, die Auswanderer zum Schutz von Gläubigern vier Wochen vor Abreise veröffentlichen mussten. Weß wertete außerdem Archivalien, Schiffslisten und Verzeichnisse aus.
502 Göttinger wandern aus
Für den Zeitraum zwischen 1842 und 1858 identifizierte sie 502 Göttinger Auswanderer namentlich. Von diesen gingen 120 Personen allein im Jahr 1857 nach Übersee. Das entsprach 1,25 Prozent der Einwohner. Die meisten Auswanderer zog es in die USA, die zweitgrößte Gruppe nach Chile. Unter ihnen gab es viele Handwerker, fand die Kulturanthropologin heraus. Diese waren in Branchen tätig, in denen es damals ein Überangebot an Fachkräften gab, wie bei Schuhmachern, Schneidern und Tischlern. Andere arbeiteten in Bereichen, die mit Problemen zu kämpfen hatten, wie Färber, Drechsler oder Sattler.
Mechthild Weß: „Von Göttingen nach Valdivia. Die Chileauswanderung Göttinger Handwerker im 19. Jahrhundert.“ Münster: Waxmann.