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Göttingen Göttinger Jugendamt holt 22 Kinder aus ihren Familien
Die Region Göttingen Göttinger Jugendamt holt 22 Kinder aus ihren Familien
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20:25 21.08.2013
Von Andreas Fuhrmann
Müssen immer wieder ausrücken, um Kindern in Notsituationen zu helfen: Mitarbeiter des Jugendamtes im Neuen Rathaus. Quelle: Hinzmann
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Göttingen

Mussten damals noch 36 Minderjährige aus ihren Familien geholt werden, waren es im vergangenen Jahr noch 17 – sechs Jungen und elf Mädchen. In diesem Jahr dann die Kehrtwende: Bis jetzt mussten bereits 22 Minderjährige in Obhut genommen werden. Das liege daran, dass sich Maßnahmen im Falle größerer Familien in der Statistik sofort extrem aus auswirkten, sagt Stadtsprecher Detlef Johannson. „In diesem Jahr war dies in zwei Fällen so.“

Eine Inobhutnahme ist eine kurzfristige Maßnahme des Jugendamtes zum Schutz von Kindern und Jugendlichen, die sich in einer akuten Notsituation befinden. Gründe sind laut Jugenddezernent Siegfried Lieske unter anderem die Überforderung der Eltern, die zu mangelnder Versorgung und Betreuung oder gar zu Misshandlungen geführt haben, eskalierende Streitigkeiten zwischen den jungen Menschen und den Eltern, unbegleitete minderjährige Flüchtlinge oder Ausreißer aus Heimen.

Zusammenarbeit mit den betroffenen Familien

Doch wie erfährt das Jugendamt von solchen Fällen? Zum Beispiel durch „Erkenntnisse unserer Jugendverwaltung, die aus der Zusammenarbeit mit den betroffenen Familien resultieren“, erklärt Lieske. Hinzu kämen Mitteilungen aus Kitas und Schulen, polizeiliche Meldungen, Meldungen der Eltern und in Einzelfällen sogar „Eigenmeldungen der Kinder“.

Konkrete Beispiele aus Göttingen, in denen eine Gefährdung für Minderjährige vorlag,  nennt Lieske auch. In einem Fall waren die Eltern stark alkoholisiert und deshalb nicht mehr in der Lage, ihr Kind zu versorgen. Nach einem Hinweis aus der Nachbarschaft bei der Polizei wurde das Kind vom Jugendamt in Obhut genommen.

Jede Inobhutnahme sei eine zu viel

Die Kinder und Jugendlichen werden in der Regel zuerst bei Rufbereitschaftspflegestellen, bei der familiären Bereitschaftsbetreuung der Jugendhilfe Südniedersachsen oder in der Diagnostikgruppe des psychagogischen Kinderheims Rittmarshausen untergebracht. „Bei weiterführenden Hilfen über Tag und Nacht stehen Pflegestellen und Jugendhilfeeinrichtungen zur Verfügung“, erklärt Liekse. Die Auswahl richte sich nach Alter und individuellem Bedarf. Nach Möglichkeit solle aber das Prinzip der Ortsnähe gewahrt bleiben.

Jede Inobhutnahme sei eine zu viel, sagt die Göttinger Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin und Pressesprecherin des niedersächsischen Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), Tanja Brunnert. „Denn Inobhutnahmen sind Notmaßnahmen, die Kinder zusätzlich zu dem in den Familien erlittenen Leid traumatisieren.“ Der BVKJ fordert daher ein Frühwarnsystem und ein verbessertes Hilfssystem für gefährdete Kinder und Jugendliche. Ziel der frühen Hilfen müsse sein, gefährdete Kinder und Jugendliche und ihre Familien so früh wie möglich zu erfassen und ihnen zu helfen, bevor es zu Gefährdungen kommt.

In anderen Städten sei man bereits weiter

Um das Hilfesystem zu verbessern, haben Stadt und Landkreis Göttingen im vergangenen Jahr mit dem Aufbau eines verbindlichen Netzwerkes für „frühe Hilfen und Kinderschutz“ begonnen. Beteiligt sind mehr als 50 Akteure aus öffentlicher und freier Jugend- und Sozialhilfe, von Beratungsstellen, Bildungseinrichtungen, dem Gesundheitswesen und von regionalen Familienbildungsstätten. 

In anderen Städten sei man aber bereits weiter, sagt Brunnert. „Dort treffen sich die an der Arbeit mit den betroffenen Kindern beteiligten Institutionen regelmäßig zum Erfahrungsaustausch, aber auch zur konkreten Fallbesprechung. Hilfen können so sehr viel effizienter koordiniert werden.“ Vorteil sei auch, dass sich die Beteiligten untereinander besser kennenlernen. Dadurch entstünden kurze Wege. „Hier können wir sicherlich noch viel lernen und haben in Stadt, aber auch Landkreis Nachholbedarf“, sagt Brunnert.