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Göttingen Karspüle: Angehörige des getöteten 28-Jährigen sagen vor Gericht aus
Die Region Göttingen Karspüle: Angehörige des getöteten 28-Jährigen sagen vor Gericht aus
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00:30 29.06.2019
Der Angeklagte beim Prozessauftakt. Quelle: Hinzmann
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Göttingen

Beide hatten sich am Tattag noch nachmittags getroffen. Sein Bruder hatte ihn einige Tage zuvor gefragt, ob er ihm 100 oder 150 Euro leihen könnte, berichtete der Zeuge. Er habe ihm dann das Geld gegeben und ihn gefragt, ob er mit zum Weihnachtsmarkt kommen wollte. Sein Bruder habe abgelehnt, weil er nicht viel Zeit habe. „Das war das letzte Mal, dass ich mit ihm gesprochen habe.“

Für den 38-Jährigen war der jüngere Bruder „der liebste Mensch, den ich kannte.“ Er habe „immer ein gutes Herz“ gehabt und sei als Krankenpfleger sehr einfühlsam mit den Patienten umgegangen. Es sei schwer zu begreifen und es zerreiße ihm das Herz, dass sein Bruder nicht mehr am Leben sei. Auch seine vier Kinder würden ihren Onkel sehr vermissen. Dieser habe sich stets Zeit für sie genommen. Zu Beginn der Verhandlung hatte auch die Mutter des Getöteten von Tränen geschüttelt geschildert, wie sehr sie unter dem Verlust des Sohnes leide.

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„Definitiv kein Drogendealer“

Der 38-jährige Bruder sprach bei seiner Vernehmung auch das Thema Drogen an. „Mein Bruder war definitiv kein Drogendealer“, sagte er. Dieser habe gelegentlich Haschisch konsumiert, sei aber jeden Morgen zur Arbeit gegangen.

Zuvor hatte der Vorsitzende Richter Auszüge aus dem Bericht der Spurensicherung der Polizei verlesen. Demnach lag in dem Rucksack des Getöteten neben anderen Gegenständen auch ein Brillenetui, in dem sich sechs Verpackungseinheiten Haschisch mit einem Gesamtgewicht von 52,6 Gramm befanden. Den Ermittlungen der Polizei zufolge hatte der 28-Jährige einen Tag vor der tödlichen Gewalttat von seinem Konto 900 Euro abgehoben. Es habe sich aber nicht feststellen lassen, wo das Geld geblieben sei.

„Irgendwie durcheinander“

Der 28-Jährige hatte sich kurz zuvor auch noch nach einer anderen Wohnung in Göttingen umgesehen. Bei dem Besichtigungstermin sei er gemeinsam mit einem 70-jährigen Mann erschienen, berichtete die Vermieterin. Beide Männer hätten sich dann darauf verständigt, dass der 28-Jährige die Wohnung nehmen und sein Begleiter in dessen bisherige Wohnung ziehen solle. Sie habe sich dann intensiv mit dem 28-Jährigen unterhalten, um sich einen Eindruck von dem potenziellen Mieter zu verschaffen. Die Prüfung fiel positiv aus. Nachdem sie ihm diese Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen hatte, habe sie sich gewundert, dass zunächst keine Reaktion kam. Als der 28-Jährige sich später meldete, sei er ihr „irgendwie durcheinander“ erschienen. Später habe er nochmals angerufen und erzählt, dass seine aktuelle Vermieterin mit dem Wohnungstausch nicht einverstanden sei. Sie habe ihm dann noch Tipps gegeben, wie er sie vielleicht umstimmen könnte. Zum Schluss des Telefonats habe der 28-Jährige gesagt, dass er in die Stadt gehen und sich zwei Dosen Bier am Kiosk kaufen wolle.

Wenige Stunden später war er tot. Die Staatsanwaltschaft wirft dem inzwischen 20-jährigen Angeklagten vor, nach einer verbalen Auseinandersetzung gegen Mitternacht dem 28-Jährigen mit einem Klappmesser zweimal in die Brust sowie einmal mit voller Wucht in den rechten Oberschenkel gestochen zu haben.

Von Heidi Niemann