Göttinger Leinekanal: Anwohner beschweren sich über Lärm und Müll
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Göttingen Göttinger Leinekanal: Anwohner beschweren sich über Lärm und Müll
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Göttinger Leinekanal: Anwohner beschweren sich über Lärm und Müll

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20:00 14.07.2020
Anwohner Jörg Sternberg ist sauer: Ständig werden Hauswände und die Mauer des Leinekanals beschmiert.
Anwohner Jörg Sternberg ist sauer: Ständig werden Hauswände und die Mauer des Leinekanals beschmiert. Quelle: Tobias Christ
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Göttingen

Die Anwohner rund um den Leinekanal in der Göttinger Innenstadt sind wütend: Nächtliche Partys zwischen Goetheallee und Groner Tor bringen sie regelmäßig um ihren Schlaf, und auch die Schmierereien an den Haus- und Kanalwänden sowie die Verschmutzung der Straßen und Gärten sind ihnen ein Dorn im Auge. „Wir haben ein großes Problem mit der Lautstärke“, sagt Jörg Sternberg.

Beim Vor-Ort-Termin am Montagvormittag ist alles ruhig, die Göttinger Entsorgungsbetriebe haben den Müll abgefahren, lediglich einige frische Graffitis zeugen von den Exzessen der vergangenen Nächte. In der Regel seien es Jugendliche, die sich mitten im Wohngebiet danebenbenehmen würden, sagt Sternberg. Der 58-Jährige wohnt seit 20 Jahren dort, die nächtliche Feier-Lautstärke habe aber erst in den vergangenen sechs bis sieben Jahren sukzessive zugenommen. Nun sei die Grenze des Erträglichen überschritten, betont er.

Böller setzt Balkon in Brand

Während des Gesprächs am von Enten besetzten Leinekanal schalten sich weitere Nachbarn ein. „Bei mir haben sie einen Böller auf den Balkon geworfen“, berichtet einer. Das Feuer konnte er zwar schnell löschen, dennoch sei das „ein Unding“. Als Jugendliche vor etwa zwei Wochen nachts auf der Mauer am Leinekanal gegrillt hätten, „mit offenem Feuer“, habe es ihm gereicht, erzählt Sternberg. „Da bin ich im Schlafanzug runter, ich hatte die Faxen dicke.“ Er habe laut gerufen, auch das Gespräch mit den Feiernden habe er bereits mehrmals gesucht. Doch Einsicht zeigten nur ganz wenige: „Ich wurde beschimpft, und mir wurden auch schon Schläge angedroht“, sagt er.

Alkohol sei ein Problem, auch Drogen würden dort konsumiert, berichtet Sternberg. Auf dem Spielplatz im Hinterhof habe er schon benutzte Spritzen gefunden, mittlerweile werde das Tor dort aber abgeschlossen. „Die Stimmung ist oft aggressiv und aufgeheizt“, nach dem Feiern würden sich die Müllberge dort stapeln. Und auch menschliche Ausscheidungen seien dort zu finden. „Der Leinekanal ist zur Partymeile geworden“, meint er. Der Ernährungsberater schränkt aber auch ein: „Mit Corona hat das nichts zu tun, das ist mit den Jahren immer schlimmer geworden.“

Anwohner sammeln Unterschriften

Eine Lösung ist vorerst nicht in Sicht. Zwar würden die Anwohner regelmäßig die Polizei und das Ordnungsamt einschalten, doch „nachts, wenn die Beschwerden auftreten, arbeitet der Stadtordnungsdienst nicht“, erläutert Stadtsprecher Dominik Kimyon. Platzverweise würden die Ursachen nur kurzfristig lösen, teilt er mit. Erschwerend komme hinzu, dass bei Beschwerden über Lärmbelästigungen die Lautstärke durch aktuelle Messungen bewiesen werden müsse.

Keine Seltenheit: Müllberge am Leinekanal. Quelle: Christina Hinzmann

Doch damit wollen die Anwohner sich nicht abspeisen lassen: „Wir erstellen jetzt eine Unterschriftenliste und dokumentieren alle Verstöße“, sagt Sternberg. Denn die Feier-Exzesse der Jugendlichen würden nicht nur den Schlaf rauben, sondern auch Geld kosten. Die Kosten für die Entfernung der Schmierereien würden auf die Bewohner der Häuser umgelegt. Auf frischer Tat wurde noch keiner der Sprayer ertappt: „Die schmieren nur mitten in der Nacht.“ Abends seien die Wände sauber, morgens besprüht. „Wenn es wenigstens schöne Motive wären“, seufzt Sternberg, „dann könnte man ja damit leben“. Einige Mieter hätten bereits vor den Zuständen kapituliert, sie seien ausgezogen, berichtet er.

„Hier wohnen Familien und Menschen, die arbeiten. Wenn die ganze Nacht Bambule ist, ist das respektlos“, sagt der Nachbar. Auch Sternberg ärgert sich über die fehlende Rücksichtnahme: „Warum die überhaupt nicht mehr gegeben ist, verstehe ich nicht.“

Was tut die Stadt gegen den Müll?

„Grundsätzlich ist zu sagen, dass für die Situation vor Ort diejenigen verantwortlich sind, die den Lärm und die Verschmutzung verursachen“, sagt Stadtsprecher Dominik Kimyon. Einfachste Regeln, die für ein gedeihliches Miteinander notwendig seien, würden teilweise völlig ignoriert. „Das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, das nicht durch mangelnde Kontrollen von Polizei oder Stadtordnungsdienst entsteht.“

Wie die Sprecherin der Göttinger Entsorgungsbetriebe (GEB), Maja Heindorf, mitteilt, habe sich „die Nutzung des öffentlichen Raumes in der Tat verschoben, sodass nunmehr auch der Bereich am Leinekanal höher frequentiert als früher ist“. Die GEB haben darauf bereits reagiert und an der Bank einen zweiten Abfallkorb aufgestellt. Wenn aber nun die sperrigen To-go-Verpackungen oben auf dem Behälter abgelegt würden, machten sich andere Nutzer selten die Mühe, ihre kleinvolumigen Abfälle in den Behälter zu füllen. „Diese Verschmutzungen liegen nicht im Einwirkungsbereich der GEB. Da ist jeder einzelne in die Pflicht genommen, sich für die Sauberkeit zu engagieren, auch in Feierlaune.“

Gemäß der geltenden Verordnung über Art, Umfang und Häufigkeit der Straßenreinigung in der Stadt Göttingen erfolge die Reinigung in dem Bereich zweimal wöchentlich, montags und donnerstags. „Ab sofort werden wir auch sonntags im Rahmen der siebenmaligen Reinigung der Fußgängerzone diesen Abschnitt reinigen“, so Heindorf.

Von Tobias Christ