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Göttingen Göttinger Uni-Professor war als SS-Offizier in NS-Raubzüge verstrickt
Die Region Göttingen Göttinger Uni-Professor war als SS-Offizier in NS-Raubzüge verstrickt
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17:57 25.09.2019
Der Name Helmut J. Bauer ist bislang mit herausragender MS-Forschung verbunden worden. Quelle: UMG/dpa (RND-Collage)
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Göttingen

Als Bauer im Alter von 93 Jahren starb, würdigte ihn die Medizinische Fakultät der Universität Göttingen in einem Nachruf als „großen Arzt, Forscher und Lehrer“. Jetzt aber hat das Hochglanzbild des international renommierten und vielfach ausgezeichneten Neurologen Risse bekommen. Und die Universitätsmedizin Göttingen (UMG) beschäftigt sich mit der Frage, wie sie damit umgehen will, dass der langjährige Direktor der Abteilung Neurologie an verbrecherischen Aktivitäten des NS-Regimes mitgewirkt hat.

Anlass ist eine Veröffentlichung des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Uniklinik RWTH Aachen im Fachblatt „Neurology“ („Renowed MS specialist and National Socialist: The two lives of neurologist Helmut J. Bauer“ (1914-2008)“). Die Autoren Mathias Schmidt, Jens Westermeier und Dominik Groß wollten nach eigenen Angaben mit ihren Recherchen eine Forschungslücke schließen. Bislang sei kaum etwas darüber bekannt gewesen, welche Rolle der Nestor der deutschen MS-Forschung während der Zeit der NS-Herrschaft gespielt hatte, sagt der Medizinhistoriker und Erstautor der Studie, Mathias Schmidt.

Biografischen Angaben unvollständig und geschönt

In einem von der Universität Göttingen publizierten Lebenslauf finden sich zu Bauers früheren Aktivitäten folgende Angaben: Medizinstudium an der Universität Berlin, Staatsexamen, Promotion zum Dr. med. 1938/1939, 1938-1940 Medizinische Weiterbildung, Berliner Kliniken. 1940-1947 Sanitätssoldat und Offizier, Kriegsgefangenschaft.

Schmidt stieß bei seinen Recherchen in diversen Archiven darauf, dass diese biografischen Angaben nicht nur unvollständig, sondern auch geschönt sind. So sei Bauer kein gewöhnlicher Wehrmachtssoldat, sondern SS-Offizier gewesen, der seine Blutgruppe unter dem linken Arm tätowiert hatte. Als Bauer in die SS eintrat, habe er dies aus eigenem Antrieb getan. Zu der Zeit sei eine SS-Mitgliedschaft auf freiwilliger Basis erfolgt.

Bauer war Mitglied des Sonderkommandos Künsberg

Aus den erstmals ausgewerteten Dokumenten geht hervor, dass Bauer Mitglied des Sonderkommandos Künsberggewesen war. Dieses war eine der zahlreichen NS-Organisationen, die während des Zweiten Weltkrieges Archivalien, Kunstgegenstände und andere Kulturgüter aus den von der Wehrmacht besetzten Gebieten raubten. Diverse Dokumente belegten, dass Bauer an Einsätzen in Frankreich, Griechenland, Italien und der Sowjetunion teilgenommen habe und aktiv in Kunstraubaktionen und Plünderungen involviert gewesen sei, sagt Schmidt. Es sei nicht vorstellbar, dass Bauer nichts von der Ermordung, Ghettoisierung und Deportation der Juden mitbekommen habe.

Bauer gehörte seit September 1940 auch der Auslandsabteilung der Reichsärztekammer an, die als Zentralstelle für alle gesundheitlichen Fragen der umzusiedelnden „Volksdeutschen“ fungierte. Später war er am Institut für Mikrobiologie im Schloss Sachsenburg sowie an der Forschungsstelle für „Auslandsmedizin und Siedlungsbiologie“ tätig, die in die Umsetzung des „Rassenhygiene“-Programms der Nationalsozialisten eingebunden war. Außerdem war er an Propagandaaktionen beteiligt.

Bauer beantragt 1940 die deutsche Staatsbürgerschaft

Dass Bauer der NS-Ideologie nicht nur anhing, sondern auch bewusst und aktiv deren politische Umsetzung unterstützte, zeigt ein besonders bemerkenswertes Detail seines Lebenslaufs. Bauer war eigentlich amerikanischer Staatsbürger, seine Familie war 1922 in die USA emigriert. 1932 ging er nach Deutschland zurück und studierte Medizin in Berlin. Bauer hätte jederzeit in die USA zurückkehren können, wo seine Familie lebte.

Stattdessen beantragte er im Juni 1940 – also zu einer Zeit, als bereits zahlreiche politisch und rassisch Verfolgte aus Deutschland geflohen waren –die deutsche Staatsbürgerschaft und gab dafür seine amerikanische Staatsbürgerschaft auf. Dass man ihn in Nazi-Deutschland einbürgerte und sogar mit geheimen Forschungsaufgaben betraute, ist nach Schmidts Ansicht ein eindeutiges Indiz dafür, dass man ihn für politisch zuverlässig hielt.

Medizinische Fakultät will weitere Quellen prüfen

Die neue Studie war auch Thema bei der jüngsten Sitzung des Fakultätsrates der Universitätsmedizin Göttingen. Nach Angaben von UMG-Sprecher Stefan Weller will das Gremium zunächst noch einige weitere vorliegende Quellen überprüfen, bevor es eine Stellungnahme zu dem Fall abgibt.

Helmut J. Bauer war eine der renommiertesten Forscherpersönlichkeiten der Göttinger Universitätsmedizin. 1963 wurde er auf den neu geschaffenen Lehrstuhl für Neurologie an der Georg-August-Universität berufen, wo er als Direktor der Neurologischen Klinik die MS-Forschung in Göttingen und Deutschland aufbaute. Er war zehn Jahre lang Koordinator des DFG-Forschungsprogramms „Multiple Sklerose und verwandte Krankheiten“.

Aufbau der MS Informations- und Beratungsstelle an der UMG

Nach seiner Emeritierung baute er die MS Informations- und Beratungsstelle der Universität Göttingen auf. Gleichzeitig setzte er seine wissenschaftliche Arbeit fort. Gemeinsam mit dem Göttinger Neuropädiater Professor Folker Hanefeld fand er Ende der 1980-er Jahre heraus, dass MS auch schon bei Kindern auftritt. Dies war zuvor keinem Mediziner aufgefallen.

Bis dahin waren Symptome wie Seh-, Koordinations- und Sensibilitätsstörungen oder Lähmungserscheinungen bei Patienten im Kindes- und Jugendalter stets auf andere Erkrankungen zurückgeführt worden. Anlässlich des 90. Geburtstags von Helmut Bauer wurde im März 2004 in Göttingen das bundesweit erste interdisziplinäre Institut für Multiple-Sklerose-Forschungeröffnet.

Namensgeber für Forschungspreise

Die Medizinische Fakultät der Universität Göttingen hat auch einen Forschungspreis nach Bauer benannt. Mit dem Helmut-Bauer-Nachwuchspreis für Multiple-Sklerose-Forschung wurden ab 2003 Forschungsarbeiten junger Nachwuchswissenschaftler zu Ursachen und neuen Behandlungsstrategien bei MS gewürdigt. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie verleiht seit 2000 den „.H.J. Bauer-Rehabilitationspreis“ für hervorragende Leistungen in der Betreuung von Menschen mit chronischen Krankheiten des Nervensystems.

Helmut Bauer erhielt zahlreiche Ämter und Auszeichnungen. Er war Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, Vorsitzender des Ärztlichen Beirats der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft, Ehrenmitglied und Ehrenpräsident der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, Ehrenmitglied der britischen und französischen Gesellschaften für Neurologie und korrespondierendes Mitglied der Amerikanischen Neurologischen Gesellschaft.

Von Heidi Niemann

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