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Göttingen Göttinger Mediziner sagen im NSU-Mordprozess zum Fall Yozgat aus
Die Region Göttingen Göttinger Mediziner sagen im NSU-Mordprozess zum Fall Yozgat aus
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18:04 03.10.2013
Von Jürgen Gückel
Vor dem Oberlandesgericht München: Rechtsmediziner Wolfgang Brück (v. l.), Klaus-Steffen Saternus, Harald Kijewski.
Vor dem Oberlandesgericht München: Rechtsmediziner Wolfgang Brück (v. l.), Klaus-Steffen Saternus, Harald Kijewski. Quelle: Gückel
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München/Göttingen

Am Mittwoch war der 71 Jahre alte Forensiker einer von drei Gutachtern aus Göttingen, die im Münchener Oberlandesgerichts-Prozess gegen die mutmaßliche zehnfache Mörderin Beate Zschäpe und ihre Mitangeklagten aussagten. Die Richter in Deutschlands derzeit spektakulärsten Mordprozess wollten wissen, wie der 21 Jahre alte Inhaber eines Internetcafés in Kassel genau ums Leben kam.

Durch zwei Schüsse aus nächster Nähe in den Kopf, wobei gleich der erste Schuss tödlich war. Das sagte Klaus-Steffen Saternus aus, Professor der Rechtsmedizin und einst Leiter des Uni-Instituts am Göttinger Windausweg. Seit 20 Jahren ist der heute 74-jährige Saternus auch im Institut für Rechtsmedizin in Kassel tätig.

Nach dem Mord am 7. April 2006 hat Saternus die Obduktion des Mordopfers vorgenommen. Zwei Steckschüsse im Kopf des Toten fand der Medizinprofessor vor. Der erste an der rechten Schläfe, etwas oberhalb des Ohres 16,2 Zentimeter tief eingedrungen. Das zweite Projektil 14,2 Zentimeter tief.

Sofort tot

Ein Schuss in den Hinterkopf, leicht aufsteigend, dem Opfer mutmaßlich mit einer Schalldämpferwaffe versetzt, als es schon vornüber auf den kleinen Computertisch gesackt war. Wie zum Trost für die Angehörigen – die Mutter des Opfers hatte tags zuvor einen flammenden Appell an die Angeklagten gerichtet, sich zu bekennen – sagte Saternus: Schon der erste Schuss habe so viel Energie freigesetzt, dass der Schädel auf der Gegenseite geborsten sei.

Das Opfer habe ein sofortiges Koma erlitten und den zweiten Schuss nicht mehr wahrnehmen können – also nicht gelitten.

Das bestätigte Wolfgang Brück, promovierter Neuropathologe der Universitätsmedizin Göttingen. Er habe keinerlei Reaktion des Hirngewebes auf das durch den Schuss ausgelöste Koma feststellen können. Das Opfer war demnach sofort tot.
Aber wie genau starb es? Im Sitzen, im Stehen? Wie war seine Körperhaltung?

Kijewskis einziger Anhaltspunkt

Für eine Einstufung als heimtückischen Mord ist die Frage wichtig, ob Yozgat seinen Mörder hat kommen sehen oder gar reagiert hat. Oder ob es die regelrechte Hinrichtung eines Arglosen war.

Dazu hatte Kijewski in seinem Gutachten etwas beizutragen. Zwei Monate nach dem Mord traf er sich mit Polizisten am noch versiegelten Tatort. Ein Beamter setzte sich an Stelle des Opfers vor den Tisch, wo die Tat geschah. Kijewskis einziger Anhaltspunkt: Blutspritzer auf der Tischplatte.

Der Rechtsmediziner und Experte für Ballistik hatte sich zuvor eigenes Blut abgezapft, es behandelt, damit es nicht gerinnt. Es musste in identischer Menge tropfen wie frisch auf eine Tischplatte aus demselben Material. 30 Mikroliter seines Blutes ließ der Forensiker mal aus 30, mal aus 43 Zentimetern (je nach Sitzhaltung) auf das Holz tropfen.

Allen Grund zum Selbstschutz zu schießen

Dann dieselbe Menge aus 97 Zentimetern, so, als hätte das Opfer gestanden. Das Ergebnis: Nur aus der geringen Tropfhöhe, so erläuterte der Mediziner anhand von Fotos den Richtern, waren vergleichbare Tropfspuren zu erzielen. Yozgat muss also vor seinem Computer gesessen haben, muss aus nächster Nähe einen beinahe aufgesetzten Schuss seitlich in den Kopf erhalten haben.

Schürfwunden, die Saternus bei der Obduktion im Gesicht und am Knie fand, passen zu diesem Zusammensacken vom Stuhl auf den Tisch und zum Boden.

Das war nicht der erste Fall, dessen Aufklärung für Kijewski zur blutigen Angelegenheit wurde. Ende der 90er-Jahre hatte der Göttinger mit derselben Methode nachgewiesen, dass ein Polizeibeamter nicht überreagiert hatte, als er einem Angreifer ins Bein schoss.

Der durch die Polizeikugel Verletzte hatte ein blutiges, tropfendes Messer in der Hand gehabt, als er auf den Polizisten zukam, behauptete aber, es nur harmlos zu Boden gehalten zu haben. Die Tropfversuche mit dem Blut des Rechtsmediziners bewiesen später: Die Waffe war bis auf Kopfhöhe erhoben, der Polizist hatte allen Grund zum Selbstschutz zu schießen.

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