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Göttingen Hier spricht die Polizei – aber nicht die echte
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Göttinger Polizei warnt vor falschen Polizisten

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16:00 28.09.2021
So sieht ein echter Polizeiausweis aus – alt und neu.
So sieht ein echter Polizeiausweis aus – alt und neu. Quelle: Polizei
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Göttingen

„Guten Tag Frau Kling. Hier spricht die Kripo Göttingen, Kommissar Weber. In Ihrer Nähe wurde letzte Nacht eingebrochen.“ Wer einen solchen Anruf bekommt, befindet sich fast automatisch in einem emotionalen Ausnahmezustand. Verbrecher in meiner Nachbarschaft? Die Polizei ruft mich an? Kaum jemand kommt in einer solchen Situation auf die Idee, dass der wahre Verbrecher gerade am anderen Ende des Telefons sitzen könnte.

Die Geschichte geht normalerweise so weiter: Die falschen Beamten schildern, dass einige Täter festgenommen werden konnten, andere aber leider entkommen sind. Bei einem der Festgenommenen hat man eine Liste mit Namen und Adressen gefunden, auf der sich eben auch der oder die Angerufene befindet. Man müsse also davon ausgehen, dass auch hier bald ein Einbruch bevorsteht. Es folgt der eigentliche Trick, mit dem die Betrüger versuchen, an das Geld ihrer Opfer zu kommen. Sie bieten an, die Wertsachen in der Asservatenkammer der Polizei zu deponieren bis die Gefahr vorbei sei.

Kein Geld an Beamte

Gelingt der Betrug, schickt der angebliche Kommissar einen Kollegen, dem die Angerufenen dann in der Regel völlig arglos ihr Hab und Gut anvertrauen. Schließlich handelt es sich doch um einen Polizisten. Und der genießt bei der Zielgruppe der Betrüger – vorwiegend ältere Menschen – ein hohes Ansehen. Der Geldabholer ist in der Hierarchie der Banden oft das kleinste Licht, wurde möglicherweise vor Ort angeworben, um einen Abholung zu erledigen.

„Ein realer Polizeibeamter würde ein solches Angebot niemals machen“, sagt Marko Otte vom Präventionsteam der Göttinger Polizeiinspektion. Für ihn ist die Masche mit dem falschen Polizisten die Königsklasse: „Hier wird die Staatsmacht missbraucht.“ Dadurch würden eben nicht nur die Betrugsopfer, sondern auch die Polizei massiv geschädigt. „Da taucht jemand an der Tür auf, zeigt irgendeinen Ausweis vor und bringt die Menschen um ihr Erspartes.“ Ein maximaler Schaden für das Vertrauensverhältnis zur Polizei, so Otte.

Vertrauen erschüttern

Mittlerweile seien auch Varianten im Vorgehen der Betrüger bekannt geworden. So warnen die Anrufer beispielsweise vor falschen Notaren oder betrügerischen Bank-Mitarbeitern. Letzteres geht so: Der angerufene Bankkunde wird aufgefordert, die Polizei bei der Suche nach Falschgeld zu unterstützen, das von Mitarbeitern der Kreditinstitute in Umlauf gebracht werde. Gerne unterstreichen die Anrufer ihre Forderung noch mit dem Hinweis, es sei Pflicht eines jeden Staatsbürgers die Polizei zu unterstützen, man mache sich sonst strafbar.

Das rät die Polizei

Wer einen verdächtigen Anruf bekommt, kann sich zur Wehr setzen. Die Polizei Göttingen gibt Tipps, die helfen sollen, Betrug zu verhindern.

Sprechen Sie mit Ihren Angehörigen und der Polizei

Niemals Geld abheben oder überweisen, um angebliche Ermittlungen zu unterstützen

Machen Sie keine Angaben zu Besitztümern oder zum Kontostand

Lassen Sie sich nicht unter Druck setzen

Lassen Sie sich Dienstausweise zeigen und vergewissern Sie sich über den Notruf 110

Beenden Sie verdächtige Gespräche und rufen Sie nie die angezeigte Nummer zurück

Wer auf einen Betrüger hereingefallen ist, sollte sich nicht isolieren. Wenden Sie sich an Angehörige und die Polizei. Außerdem können in Göttingen der Weiße Ring e.V. und die Stiftung Opferhilfe e.V. kontaktiert werden.

Man soll Geld in der entsprechenden Filiale abholen und es den Experten der Polizei zur Untersuchung übergeben. Dem Betroffenen würden dadurch keinerlei Kosten entstehen. In der Realität sehen die Betrugsopfer ihr Geld natürlich nie wieder. Auch bei dieser Masche werde das Vertrauen in eine Institution erschüttert, erklärt Otte. Nicht einmal auf dem Konto ist das Geld noch sicher, so die Botschaft. Zwei Details bei diesem Vorgehen seien besonders perfide: Zum einen wird um Geheimhaltung gebeten, weil es sich um polizeiliche Ermittlungen handele. Zum anderen verwenden die Betrüger sogenanntes Call-ID-Spoofing, das es ihnen ermöglicht, jede beliebige Nummer im Display erscheinen zu lassen – also auch die der Polizei.

Marko Otte Quelle: Polizei

Hohe Dunkelziffer

Wie beim Enkeltrick oder den Schockanrufen kommt es auch hier nur in einem Teil der Fälle zur Anzeige – die Dunkelziffer ist groß. Die Opfer würden sich schämen, hätten unter Umständen Angst vor Entmündigung oder Abwendung der Familie, wenn das Erbe weg sei, beschreibt Otte. Dabei könne man den Opfern bei der professionellen Vorgehensweise der Täter keine Vorwürfe machen. „Ich bin der festen Überzeugung, dass nahezu jeder auf die Täter hereinfallen könnte.“

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Otte ist es ein persönliches Anliegen, die Menschen in Göttingen vor den Machenschaften der oftmals international agierenden Betrugsbanden zu warnen. Der Erfolg von Präventionsarbeit sei nicht messbar. Aber er habe es sich zur Aufgabe gemacht, den ständig neuen Betrugswellen etwas entgegenzustellen. „Die älteren Leute haben ihr Leben lang hart gearbeitet und gespart. Dann sollten sie ihr Geld doch bitte auch behalten können.“

Von Markus Scharf