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Göttingen Göttinger Stadtplanung: „Ängstlich, ohne Vision“
Die Region Göttingen Göttinger Stadtplanung: „Ängstlich, ohne Vision“
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20:42 31.08.2011
Von Michael Brakemeier
„Klein-Bukarest“: Stadtplaner Hans Hoorn (2. v. l.) fordert von Politik und Verwaltung mehr „Visionen“ für die Innenstadt.
„Klein-Bukarest“: Stadtplaner Hans Hoorn (2. v. l.) fordert von Politik und Verwaltung mehr „Visionen“ für die Innenstadt. Quelle: Hinzmann
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Göttingen

Sein Urteil nach seinem ersten Besuch in Göttingen, die Stadt sei ein Diamant, der nur noch geschliffen werden müsse, habe er nun revidieren müssen. „Hier muss noch viel mehr getan werden.“

Hoorn war stellvertretender Direktor des Stadtentwicklungsamtes der Stadt Maastricht, Manager der 120 000-Einwohner-Stadt und Vorsitzender der Maastrichter Stadtgestaltungs- und Denkmalschutzkommission. Er war beratend in Städten wie Lyon, Köln oder Luxemburg tätig.

Hauptkritik Hoorns an der Göttinger Situation: Der Busverkehr auf dem Busring, der die Innenstadt zerschneidet. Das wichtigste für eine attraktive Innenstadt, so Hoorns These, ist neben einem „interessanten“ Ladenangebot die Aufenthaltsqualität. Diese gehe aber mit dem Göttinger Busring nicht zusammen. „Ich habe in meinem Leben noch nie so einen merkwürdigen Buslinienplan gesehen wie hier“, sagt Hoorn. Eine einseitig geplante Sache. Statt eines Liniensystems, das die Stadtbusse durch die Innenstadt führt, befürwortet Hoorn, Busse, die lediglich an die Grenzen der Innenstadt fahren. Dies fordert die Bürgerinitiative Jacobiviertel schon seit längerer Zeit. „Warum testet man diese Alternative nicht einmal für ein halbes Jahr“, fragt er. Hoorn war auf Einladung der Bürgerinitiative, des Vereins Stadt und Planung und des SPD-Innenstadtforums in Göttingen.

Auto- und Busverkehr in der Innenstadt, wie er in Göttingen sehr ausgeprägt ist, hält der Planer für eine Bedrohung für die Attraktivität der Innenstadt. Weitere Mängel sieht Hoorn in der fehlenden auch optischen Verbindung zwischen Bahnhof und Innenstadt, in der teils „grausamen“ Architektur. Göttingen habe zu wenig „urbanes Flair“, das man von einer Unistadt erwarte. Zudem würden zu wenige Menschen direkt in der Innenstadt wohnen.

„Wenn man nicht kreativ ist, bekommt man Klein-Bukarest“, sagt Hoorn bei einem Stopp auf dem ehemaligen Stadtbadgelände. Es bietet als brachliegende Fläche ein wenig einladendes Bild, die Architektur auf der Ostseite tue ihr Übriges. Dass so eine zentrale Fläche so lange ungenutzt geblieben ist, hält er für schlecht. „Dafür müssten sich der Oberbürgermeister und der Baudezernent täglich schämen.“ Denn für Hoorn ist Stadtentwicklung und Stadtplanung Chefsache, wie er in Interviews betont. Verwaltungschefs müssten die Stärken, aber auch die Schwächen ihrer Stadt genau kennen. Die Göttinger Stadtplanung bezeichnet Hoorn als ängstlich, ohne Rückgrat, ohne Vision. Aber genau das fordert er für eine in seinen Augen gute Stadtplanung ein. „Mit diesem Laisser-faire kommt man nicht weit“, sagt Hoorn.

Zwar gebe es in Göttingen ein städtebauliches Leitbild 2020, „aber darin werden keinerlei Prioritäten gesetzt“. Die dort formulierten Gedanken müssten auch konsequent umgesetzt werden. Es müsse einen Fahrplan geben, was wann wie umgesetzt wird.

Um zu wissen, wie sich eine Stadt entwickeln solle, müsse man sich fragen, was die Identität der Stadt ist. Der Göttinger Slogan „Stadt, die Wissen schafft“ könnte auch für Berlin gelten. „Er ist austauschbar.“ Weiter plädiert er zu einer Lobbypolitik, bei der Göttingens Stadtspitzen bei ihren Abgeordneten im Europaparlament Werbung für die Stadt und ihre Planungen machen. „Es gibt genügend Förderprogramme der EU. Geld ist da. Viele Fördertöpfe werden gar nicht ausgeschöpft“, berichtet Hoorn. „Warum wird in Göttingen keine Stadtgestaltungskommission gegründet?“, fragt er. „Nicht eine, die wie der Städtebaubeirat von Politikern, Verwaltungsleuten und teils abhängigen Fachleuten besetzt ist. Nein, unabhängige Experten müssen die Politik beraten, sowohl über städtebauliche Aspekte als auch über architektonische Qualität.“