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Göttingen Für mehr Urbanität sorgen
Die Region Göttingen Für mehr Urbanität sorgen
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21:26 23.03.2017
Von Michael Caspar
Der steigende Bedarf an günstigem Wohnraum lässt sich nur durch eine dichtere und höhere Bebauung lösen, sagt Architekt Lars Krückeberg.
Der steigende Bedarf an günstigem Wohnraum lässt sich nur durch eine dichtere und höhere Bebauung lösen, sagt Architekt Lars Krückeberg. Quelle: Christoph Mischke
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Göttingen

Der Gesetzgeber, so der gebürtige Hannoveraner, erschwere das günstige Bauen in Deutschland durch immer neue Auflagen, etwa durch die Wärmeeinsparverordnung. Der staatlich verordnete „Dämmwahn“ halte die Wärme im Haus und senke so den Energieverbrauch. Gleichzeitig würde aber für die Herstellung von Dämmmitteln zusätzlich Erdöl verbraucht. Zudem sei die Luft in gut abgedichteten Gebäuden häufig schlechter als draußen. Das mache Menschen auf Dauer krank, erklärte der Architekt unter kräftigem Applaus der Zuhörer, die größtenteils aus der Baubranche kamen.

„Um trotz der Auflagen bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, kann man die Wohnungen kleiner machen“, erklärte der Unternehmer, der in seinen Büros in Los Angeles, Berlin und Peking 100 Mitarbeiter beschäftigt. Dazu seien „intelligente Raumzuschnitte“ nötig. Sein Team hätte das auf dem Prenzlauer Berg in Berlin mit dem Umbau eines früheren Krankenhauses vorgemacht. Ein gemeinschaftlich genutzter Clubraum biete Bewohnern „Auslauf“. Sie könnten für Gäste bei Bedarf Appartements hinzumieten.

„Steigende Immobilienpreise machen die Innenstädte für eine Wohnnutzung zunehmend zu teuer“, erklärte Krückeberg. Dass sich Wohnen und Arbeiten in zentralen Lagen auch verbinden lasse, wolle sein Büro am Berliner Holzmarkt zeigen. Ihr Konzept, das sie mit einem anderen Architektenteam erarbeitet hätten, sehe unter anderem gemeinsam genutzte Küchen und Waschmaschinenräume vor. Banken stünden solchen innovativen Projekten aber distanziert gegenüber. Das erschwere dem Bauherren, in diesem Fall einer Genossenschaft, die Finanzierung.

Mit steigenden Immobilienpreisen in den Innenstädten wüchsen die Vorstädte, führte der Architekt aus. Sein Team arbeite an Konzepten, um in Quartieren, die durch Wohnnutzung geprägt seien, für Urbanität zu sorgen. Bis zur Verwirklichung solcher Pläne ließen sich auf Freiflächen aus Schiffscontainern Hallen bauen. Sie könnten dann für einige Jahre etwa als Kunsthalle oder Brauerei genutzt werden.

Krückeberg warb für eine Architektur, die bei Gebäuden im nachhinein einen Neuzuschnitt der Wohn- und Gewerflächen ermöglicht. So ließen sich etwa Flüchtlingsheime später als Seniorenwohnungen nutzen.

Gewaltiger Wohnungsmangel

Rund 6000 Wohnungen werden in Göttingen bis zum Jahr 2020 fehlen. So steht es in der Bedarfsprognose des Gewos-Instituts. Um den Bedarf zu decken, benötige die Stadt bis zu 122 Hektar Fläche. Die Voraussetzungen dafür soll der neue Flächennutzungsplan schaffen, an dem Rat und Verwaltung seit einiger Zeit arbeiten. Um schnell den Bau von mindestens 550 neuen Wohnungen auf den Weg zu bringen, leitete die Stadtverwaltung im vergangenen Jahr planungsrechtliche Verfahren für vier neue Baugebiete ein: nördlich des Holtenser Bergs (elf Hektar, 195 Geschosswohnungen), am Greitweg-Nord in Grone (2,4 Hektar, 150 Geschosswohnungen), an der Wakenbreite in Hetjershausen (1,5 Hektar, 15 Wohnungen) und an der Zimmermannstraße (0,7 Hektar, 50 Geschosswohnungen).

Eine Herausforderung sei der Bau günstiger Wohnungen, räumte Göttingens Stadtbaurat Thomas Dienberg bei der Veranstaltung des Göttinger Städtebaubeirats ein. Zudem seien die Ansprüche der Bürger „vielfältig“. Die Vorstellungen von Politik und Verwaltung, von privaten Wohnungsbaugesellschaften und Genossenschaften, aber auch von Bauherren und Nachbarn seien nicht immer deckungsgleich. Moderator Martin Thumm, Professor für Baugeschichte in Hildesheim, machte darauf aufmerksam, dass Bauämter während der Genehmigungsverfahren zunehmend Gutachten einholten.