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Göttingen Idee der Piraten-Ratsfraktion: Plastikfrei feiern in Göttingen
Die Region Göttingen Idee der Piraten-Ratsfraktion: Plastikfrei feiern in Göttingen
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15:23 19.06.2019
Der Griff zur dünnen Plastiktüte ist in den Obst- und Gemüseabteilungen deutscher Supermärkte nach wie vor weit verbreitet. Im vergangenen Jahr sind allein in Deutschland etwas mehr als drei Milliarden der kleinen Beutel verbraucht worden. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der FDP-Bundestagsfraktion hervor. Quelle: epd
Göttingen

Die Göttinger Ratsgruppe Piraten und Partei will die Märkte in der Stadt und auch die Veranstaltungen und Feste von stadteigenen Unternehmen von jeglichem Plastik befreien. Es solle stattdessen auf Mehrweggeschirr gesetzt werden, Plastiktüten, sogenannte „Hemdchenbeutel“, die vor allem für Lebensmittel verwendet werden, sollen komplett von den Märkten verschwinden. So ist es in einem Antrag aufgeführt, der am 21. Juni im Rat der Stadt eingebracht werden soll.

Kein Plastikgeschirr auf Genussmeile

Andere Städte, wie etwa Rostock, würden bereits mit gutem Beispiel vorangehen. Allerdings habe auch Göttingen bereits Maßnahmen getroffen, heißt es in einer Mitteilung der Ratsgruppe. Hingewiesen wird auf die Göttinger Genussmeile, die vollständig auf Plastikgeschirr verzichte. „Wir würden uns freuen, wenn es eine verbindliche Zusage aller Markthändler für ein Plastiktütenverzicht geben würde“, erklärt Dana Rotter (Piraten).

Was sagt die City-Managerin?

„Das ist ein Vorstoß, der unterstützenswert ist“, sagt Friederike Breyer. Sie ist Managerin bei Pro City und sie fügt hinzu: „In dieser Hinsicht sollte sich Göttingen nicht lumpen lassen und nachziehen. In anderen Städten gibt es ähnliche Initiativen.“ Vor vier Jahren hatte die gemeinnützige GmbH Pro City (ein gleichnamiger Förderverein ergänzt die Gesellschaft) bereits eine Initiative gegen Plastiktüten gestartet. Damals sind 20000 Baumwolltaschen verteilt worden, um die Kunden in Göttinger Geschäften auf die Thematik aufmerksam zu machen, erläutert Breyer. Bei der Veranstaltung „Nacht der Kultur“ am vergangenen Wochenende hatten sich die Caterer nach Rücksprache mit Pro City verpflichtet, nur Pfandbecher zu verwenden.

„Auch das Gänselieselfest im September wollen wir versuchen, plastikfrei zu bekommen“, sagt die Managerin. Wer sich Speisen kauft, bekomme sie auf wiederverwendbarem Geschirr serviert. Ein Spülmobil soll bereit stehen, um das Geschirr vor Ort zu säubern. Das gesamte Thema, nämlich nachhaltig zu wirtschaften, umweltbewusst zu handeln, sei mittlerweile mitten in der Gesellschaft angekommen, findet Breyer.

Was sagt der Hotelchef?

Plastikgeschirr bestellen wir schon seit Jahren nicht mehr nach“, sagt Olaf Feuerstein. Er ist der Geschäftsführer des Sporthotels „Freizeit In“, hier wird auch ein Catering-Service angeboten. Strohhalme aus Plastik seien auch nicht mehr im Gebrauch, ebenso Plastikbesteck. Dafür gebe es längst eine Alternative, sagt Feuerstein, nämlich Besteck oder Geschirr aus Palmenblättern. Bei Getränken würden nur Mehrwegbecher oder Glas verwendet. Duschhauben aus Plastik seien im Hotel ausgemustert. „Wir vermeiden Plastik, wo wir sie vermeiden können“, versichert der Hotelier. Und ja, es gebe auf dem Markt schon eine Menge Alternativen. Die Industrie sei schon deutlich weiter, als viele denken.

Was sagen die Imbiss-Betreiber?

Ciftci Sefochettin versteht die Initiative, würde sich speziell für Brot aber eine Ausnahme wünschen. Quelle: Meinhard

Ciftci Sefochettin betreibt den Imbiss „Poseidon“. Er findet es schwierig, wenn er keine Plastiktüten mehr verwenden dürfte. „Für Brot sind sie gut, weil Brot in ihnen weich bleibt“, führt er an. Bei allen anderen Speisen seien Papiertüten eine mögliche Alternative. Freilich könne man Kunden durchaus bitten, eigene Beutel mitzubringen, um Plastik zu vermeiden, schätzt er ein.

Skeptisch auf ein Plastikverbot reagiert Cesur Keles vom „Familienladen“. „Ganz ohne geht es auch nicht“, sagt er. Er weist aber auch darauf hin, dass in seinem Geschäft Gemüse und Obst in Papiertüten verstaut werden können. „Und schauen Sie mal“, fügt er an, „was in Afrika und anderswo los ist. Gerade dort will jede Menge Müll produziert. Hier eher weniger.“

Cesur Keles ist der Meinung, dass die Politik Plastik verbieten sollte, wenn sie tatsächlich so gefährlich ist. Quelle: Meinhard

Papiertüten entsorgen kostet auch Geld, hält Yilmaz Arslan dagegen. „Wenn Plastiktüten so gefährlich sind, müssen sie abgeschafft werden“, sieht der Betreiber vom Efes Imbiss die Politik in der Pflicht. „Wenn ich 20 Cent für eine Plastiktüte nehmen würde, würde es heißen, ich mache damit ein Geschäft“, meint er. Er findet es vielmehr schlimm, wenn verarmte alte Menschen in Papierkörben nach leeren Dosen suchen, um mit dem Pfand dann über die Runden zu kommen. „Politiker, auch Grüne, machen grüne Politik. Und dann steigen sie in ein schönes Auto“, sieht Arslan auch Scheinheiligkeit. „Wenn wir den Müll trennen und am Ende kommt doch alles wieder zusammen, wie beim Altglas – dann ist das Betrug“, argumentiert er.

Was sagt der politische Mitstreiter?

„Im Prinzip ist das Bemühen um Vermeidung von Plastik eine gute Sache“, muss Hans-Georg Scherer von der CDU-Ratsfraktion nicht lange nachdenken. Dass nun allerdings die Markthändler gezwungen werden sollen, völlig auf Palstiktütchen zu verzichten, hält der stellvertretende Vorsitzende des Umweltausschusses im Rat der Stadt für eine überzogene Forderung. „Die bemühen sich ja schon nach Kräften“, schätzt Scherer ein, der nach eigenem Bekunden ein treuer Wochenmarkt-Besucher ist. Mit provisorischen Alternativen wie Zeitungspapier könnten Kunden auch verschreckt werden, glaubt er. „Keine Frage, wir leben in einer Art Plastikwahnsinn. Dennoch würde ich gerade bei den Händlern auf Freiwilligkeit setzen.“ Wer wirklich die Plastikflut eindämmen wolle, müsse etwa bei Shampoo, Waschlotion und Kosmetikaprodukten auf Alternativen zur Plastik drängen. Denn davon stehen die Regale voll.

Von Ulrich Meinhard

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