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Göttingen Göttinger anatomische Sammlung im Zwielicht
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00:18 26.03.2019
Anhand der gesammelten Präparate sind diese Modelle gefertigt worden, die in einem Raum im Zentrum Anatomie zu sehen sind und Studenten als Lehrobjekt dienen. Quelle: r
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Göttingen

Eineinhalb Jahre lang hat der Wissenschaftshistoriker Michael Markert die in Göttingen untergebrachte „Humanembryologische Sammlung Blechschmidt“ durchleuchtet. Markert wollte herausfinden, woher die Präparate stammen, anhand denen später Modelle des beginnenden menschlichen Lebens modelliert worden sind. Schließlich arbeitete der Anatom Erich Blechschmidt von 1942 an im Anatomischen Institut Göttingen. Da lag der Verdacht nahe, dass die Embryonen und Föten (ab vierter Schwangerschaftswoche ist von einem Fötus die Rede) von Frauen stammen, die Opfer der nationalsozialistischen Willkürherrschaft geworden sind. Ausschließen könne er diesen Verdacht nicht, allerdings habe er keine Beweise dafür gefunden. Das sagte Markert am 22. März während eines Symposiums im Zentrum Anatomie im Göttinger Kreuzbergring.

Keine Angaben zur Herkunft

Markert hat im Rahmen eines Forschungsprojektes in den Archiven recherchiert, Daten abgeglichen, in alten Briefen gelesen. Blechschmidt, so der Wissenschaftler, habe keine Angaben zur Herkunft der von ihm gesammelten Präparate gemacht. Den medizinischen Kollegen, die ihm die Embryonen zuschickten, habe er geschrieben, dass sie sich keine Mühe machen sollten mit dieser für sie ja zusätzlichen Arbeit. Beschrieben hat Blechschmidt lediglich das spezifische Alter, also zum Beispiel: Ende vierte Woche, 2,5 Millimeter.

19 Fälle unter Verdacht

Markert sprach von 504 dokumentierten Einlieferungen im Zeitraum 1943 bis 1969. Feststellen lasse sich die Zulieferung von insgesamt 290 Embryonen und Föten für sogenannte Schnittserien (Darstellung auf mikroskopischen Objektträgern). Bei 19 bestehe zumindest der Verdacht, dass diese ungeborenen Kinder von Zwangsarbeiterinnen stammen könnten, die zur Abtreibung gezwungen worden sind.

Deutschlandweit laufe gegenwärtig eine Neubewertung von Sammlungen menschlicher Überreste, sagte Markert. Die ethischen Konsequenzen seiner Nachforschungen würden aber nicht in seiner Hand liegen. Sein Vorschlag ist, für die Wissenschaft relevante Bestandteile der Sammlung aufzubewahren und jene noch aufbewahrten menschlichen Überreste zu bestatten, von denen ausgegangen werden kann, dass sie auf verbrecherische Weise den Weg in die Sammlung gefunden haben.

Experimente an schwangeren Frauen

Professorin Sabine Hildebrandt sprach zum Thema "Anatomie im Nationalsozialismus". Quelle: Hinzmann

Einen Einblick in die menschenverachtenden Zustände in nationalsozialistischer Zeit gab Professorin Sabine Hildebrandt von der Harvard Medical School. Sie sagte, dass in allen deutschen anatomischen Instituten die Obduktion von verstorbenen Personen ausgeführt worden sei, die eindeutig Opfer der Nationalsozialisten waren, so etwa Menschen jüdischer Herkunft, in Konzentrationslagern oder von der Gestapo Ermordete und Euthanasie-Opfer. In der Zeit 33 bis 45 seien mehr als 30000 Menschen nach Gerichtsurteilen hingerichtet worden, darunter auch schwangere Frauen. Das ’Material’ von Hingerichteten habe bei den Anatomen als besonders hochwertig gegolten, weil es frisch war. Zuweilen wurden getöteten Menschen nur Minuten nach ihrer Hinrichtung Organe entnommen. Zudem seien Experimente an schwangeren Frauen und deren Föten vorgenommen worden, auch an sterbenden Föten. Hildebrandt sprach von einer Forschung an der Schwelle zwischen Leben und Tod.

„Arbeit an zukünftig Toten“

Der Anatom Max Clara habe mit noch lebenden Menschen gearbeitet, die zum Tode verurteilt waren, indem er ihnen Substanzen verabreichte und nach der Hinrichtung untersuchte, wie die sich im Körper verteilt hatten. Der Arzt August Hirt experimentierte an Gefangenen mit Kampfgasen. Mediziner machten sich mitschuldig an dieser ethischen Entgleisung, so Hildebrandt. „Es erfolgte ein Paradigmenwechsel von der Arbeit an Toten hin zur Arbeit an zukünftig Toten“, sagte die Professorin.

Studenten sollen nachfragen

Professor Jörg Wilting vom Zentrum Anatomie Göttingen sagte: „Das Schlimmste ist die Sprachlosigkeit. Ich sage meinen Studenten immer wieder: fragt, fragt, fragt. Fragt nach.“ Der aus München angereiste Medizinprofessor Hermann Hepp argumentierte: „Die Söhne jener Mediziner-Generation, zu der Blechschmidt gehörte, haben nicht nachgefragt. Angefangen zu fragen haben erst die Enkel. Es bleibt auch für die Urenkel die Aufgabe des Fragens.“ Zur Ehrenrettung Blechschmidts fügte Hepp an: „Seine Botschaft ist es gewesen, dass der Mensch nicht zum Menschen wird durch die embryonale Entwicklung – er ist von Anfang an Mensch.“

Der 1992 verstorbene Erich Blechschmidt war von 1942 bis 1974 Direktor des Anatomischen Institutes Göttingen. Weltweit bekannt sind 60 großformatige Modelle, die die Entstehung menschlichen Lebens in den ersten acht Wochen zeigen.

Von Ulrich Meinhard

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