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Göttingen „Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. Leider“
Die Region Göttingen „Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. Leider“
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00:24 24.03.2018
Andy lebt als junger Vater von Hartz IV: „Ich würde ihm gerne etwas bieten, mal ein Eis kaufen, wegfahren.“
Andy lebt als junger Vater von Hartz IV: „Ich würde ihm gerne etwas bieten, mal ein Eis kaufen, wegfahren.“ Quelle: Symbolbild: dpa
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Göttingen

„Der soll mal selber versuchen, damit auszukommen“, sagt Detlef. Der 52-Jährige lebt auf dem Holtenser Berg in einer 50 Quadratmeter großen Zweier-WG. Die 500 Euro Miete werden für beide Bewohner vom Amt übernommen. „Wir müssen nachweisen, dass sich jeder selbst verpflegt.“ Um zu belegen, dass es sich nicht um eine Bedarfsgemeinschaft handelt, habe er sogar eine Skizze von den Schlafplätzen anfertigen müssen.

Damals 7000 Mark, heute 400 Euro

Früher hat Detlef im Tiefbau gearbeitet und in Spitzenzeiten bis zu 7000 Mark im Monat verdient. Heute sind seine Knie kaputt, regelmäßige Arbeit ist kaum möglich, eine längst fällige Operation schiebt er vor sich her. Er engagiert sich ehrenamtlich im Verein Förderer und bessert mit der Aufwandsentschädigung sein monatliches Einkommen auf. Große Sprünge sind aber auch dann nicht möglich. Aber so könne er sich wenigstens ab und zu mal was leisten.

Was ihn am Leben mit Hartz-IV am meisten stört? Dass er am normalen gesellschaftlichen Leben nicht teilhaben könne. „Es ist unangenehm, wenn Freunde abends weggehen und Du sagen musst, dass Du nicht mitkommst, weil das Geld nicht reicht.“ Auch werde er immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert, er liege dem Staat auf der Tasche und solle doch einfach arbeiten gehen. „Ich sage dann jedem, wir können gerne tauschen.“

Job und Wohnung verloren

Jacky hat im Januar nach einem Streit mit ihrer Chefin und Vermieterin auf einen Schlag den Job und die Wohnung verloren. Bis dahin hatte die 32 Jahre alte Mutter eines behinderten Sohnes 16 Jahre lang gearbeitet, mal in der Gastronomie, mal bei einer Reinigungsfirma. „Ich hatte nach Abzug aller Kosten 1300 Euro zum Leben“, erzählt sie. Plötzlich mit weniger als einem Drittel auskommen zu müssen, war ein „ganz schöner Schlag“ für sie. Zudem saß sie auf der Straße. „Versuch doch mal in Göttingen als Hartz-IV-Empfängerin eine Wohnung zu finden.“ Nach längerer Suche fand sie in Elliehausen eine kleine Bleibe – mit Wohnzimmer und kombinierter Schlafküche.

Die junge Frau listet auf, was sie von den 416 Euro monatlich bezahlen muss: Neben der Mietkaution, die sie in Raten abbezahlt, schlagen die Kosten für Strom, Buskarte und Handy zu Buche. Der Rest muss für sie und ihren Freund reichen, den sie derzeit bei sich wohnen lässt. Um das Kind kümmern sich die Großeltern. Jacky erinnert sich an frühere Zeiten. „In der Schule bin ich immer in Markenklamotten rumgerannt.“ Wenn heute Freundinnen sie zum Shoppen einladen, bleibt sie lieber zuhause. Noch habe sie genug Klamotten im Schrank.

Bevormundung durch die Behörden

Mindestens ebenso unangenehm wie die Geldknappheit sei für sie aber die Bevormundung durch die Behörden. „Ich bin mit zwölf Jahren zuhause ausgezogen, weil ich mir nichts mehr sagen lassen wollte“, sagt Jacky. Seither sei sie immer selbstständig gewesen. Heute müsse sie sich sogar bei ihrer Fallmanagerin abmelden, wenn sie für ein paar Tage zu Freunden fahren wolle. „Das ist für mich echt kaum erträglich.“ Sie hofft, so schnell wie möglich wieder in ihre Normalität zurückzufinden: Job, neue Wohnung, Führerschein und Auto. Und dann vielleicht auch mal wieder ein bisschen Luxus.

„Ich würde mit meinem Kleinen einen Urlaub machen“, erträumt sich Andy für ein Leben nach Hartz-IV. Der 24-Jährige ist seit sechs Jahren auf die staatlichen Unterstützung angewiesen, wohnt derzeit in einem 25-Quadratmeter großen Ein-Zimmer-Appartement in Weende. Seinen Sohn sieht er nur einmal in der Woche. Ab und zu sagt er die Treffen ab, weil er sich schämt. „Ich würde ihm gerne etwas bieten, ein Eis kaufen, wegfahren.“

Keine Ausbildung, kein Job

Manchmal sitzt er abends zuhause und heult, gesteht der junge Vater. „Das zieht dich ganz schön runter, wenn das Geld für nichts reicht.“ Er würde gerne arbeiten, sagt er, einen geeigneten Job aber hat er bisher nicht in Aussicht. Er habe schon immer Schwierigkeiten gehabt, sich zu konzentrieren. Deshalb war seine Karriere mit dem Hauptschulabschluss vorläufig beendet. Mehrere Maßnahmen habe er abgebrochen, eine Ausbildung nicht geschafft.

Uwes berufliche Laufbahn ist deutlich länger. Über 30 Jahre hat er auf dem Bau gearbeitet. Als gelernter Maurer sei er zuletzt auf einen Brutto-Stundenlohn von über 20 Euro gekommen. Heute stehen ihm nach Abzug aller festen Ausgaben knapp 7 Euro am Tag zur Verfügung. „Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. Leider“, sagt der 59-Jährige bitter. Seine Chancen am Arbeitsmarkt liegen selbst bei optimistischer Schätzung kaum über Null.

Zu stolz für Soziale Einrichtungen

Trotzdem vermeidet Uwe den Gang zu Sozialeinrichtungen. Der Stolz hält ihn ab. „Du bist schon arm, dann willst du dich nicht auch noch arm fühlen.“ Da gehe er lieber nachts containern – sich Lebensmittel im Müll anderer Leute suchen. Das sei zwar nicht ganz legal, aber dafür fühle er sich nicht als Bittsteller. Das ist seine persönliche Form von Luxus.

Dieses L-Wort hat Jasmin beim Jobcenter kürzlich auch gehört – es bezog sich auf ihren Hund. Warum sie sich den mit 416 Euro Grundsicherung noch leiste, wurde sie gefragt. Weil der kleine Mischling der 34-Jährigen durch den Alltag hilft, lautet die naheliegende Antwort. Dafür teilt sie gerne ihr knappes Budget für Lebensmittel mit ihm. Wenn es dann mal nicht mehr reiche, gehe sie zur Göttinger Tafel. „Das ist zwar mittlerweile ein bisschen stressig, aber es hilft gegen den Hunger“, sagt die junge Frau.

15400 Leistungsbezieher in Stadt und Landkreis

Jasmin, Uwe, Detlef, Jacky und Andy möchten nicht mit vollem Namen in diesem Artikel genannt werden. Man werde als Hartz-IV-Empfänger einfach zu schnell in eine Schublade gesteckt, sagen sie. Und aus der komme man nur schwer wieder heraus. Wie sie leben aktuell in Stadt und Landkreis Göttingen etwa 15 400 sogenannte erwerbsfähige Leistungsbezieher von einer monatlichen Grundsicherung. Hartz IV hilft ihnen zu überleben, aber nicht aus der Armut.

Von Markus Scharf

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