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Göttingen Aktionswoche: Kein Alkohol am Arbeitsplatz
Die Region Göttingen Aktionswoche: Kein Alkohol am Arbeitsplatz
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09:00 24.05.2019
Alkohol am Arbeitsplatz ist ein weitverbreitetes Problem. Quelle: dpa
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Göttingen

Die Zahlen sind erschreckend: Fachleute schätzen, dass zehn Prozent aller Beschäftigten aus gesundheitlicher Sicht zu viel Alkohol trinken. Das Konsumverhalten geht dabei vom risikoreichen Verbrauch bis hin zur Abhängigkeit. Dies schlägt sich auch auf die Fehlzeiten nieder. So fehlen Arbeitnehmer mit einem Suchtproblem bis zu 16-mal häufiger als die Gesamtbelegschaft.

Männer trinken mehr als Frauen

1,77 Millionen Menschen in Deutschland gelten als alkoholabhängig, weitere 1,6 Millionen konsumieren ihn missbräuchlich. Pro Jahr trinken die Deutschen ab 15 Jahren durchschnittlich 10,6 Liter reinen Alkohol. Männer trinken deutlich mehr als Frauen.

Aufgrund dieser Zahlen sind suchtpräventive Maßnahmen in Betrieben aus der Sicht der Belegschaft und der Arbeitgeberperspektive enorm wichtig. „Je früher eine gezielte Intervention durch Führungskräfte erfolgt, umso größer die Chance zur Veränderung“, sagt Verena Freynik von der Fachstelle für Sucht und Suchtprävention im Diakonieverband Göttingen.

Die Entscheidung, sich Hilfe zu suchen, fällt nicht leicht. Schamgefühle spielen dabei eine wesentliche Rolle. Ganz unterschiedlich ist die Herangehensweise von Betroffenen wie Aline Rheinfurth, Fachkraft für Sucht und Suchtprävention, aus Erfahrung weiß. „Die meisten rufen an“, berichtet sie. Zweimal wöchentlich gibt es eine öffentliche Sprechstunde, die jeder nutzen kann. „Wie dann weiter verfahren wird, entscheidet jeder selber“, erläutert Rheinfurth.

RabS bietet kostenloses Forum

Der regionale Arbeitskreis für betriebliche Suchthilfe – RabS bietet seit 2003 ein kostenloses Forum für die Fachstelle mit Betrieben, Behörden und sonstigen Organisationen aus dem Göttinger Stadtgebiet und Umkreis. Gleichzeitig wirbt er um die Mitarbeit von regionalen Betrieben, die ihre Handlungsmöglichkeiten und -fähigkeit in der betrieblichen Suchtprävention erweitern möchten. Regelmäßig nehmen unter anderem die Stadt Göttingen, die Georg-August-Universität Göttingen, Refratechnik Cement, Carl-Zeiss CMP, AOK – die Gesundheitskasse für Niedersachsen, das Finanzamt Göttingen, sowie der Freundeskreis für Suchtkrankenhilfe teil.

„Die Aktionswoche ist eine gute Gelegenheit, um die betriebliche Suchtprävention aus der Nische herauszuholen, denn wir möchten ein breites Publikum erreichen. Das Thema Süchte ist immer aktuell. Umso mehr man darüber redet, umso gesellschaftsfähiger wird es“, sagt Ilona Carl, Suchtbeauftragte der Universitätsmedizin und Georg-August-Universität. Eine Podiumsdiskussion mit Ex-Fußballprofi Uli Borowka, ein Suchtsymposium zum Thema Suchtmittel und die Arbeitswelt und ein Aktionstag mit alkoholfreien Getränken, Rauschbrillen und Info-Ecke hatten die Verantwortlichen im Angebot.

Infoveranstaltung in Duderstadt

Die Caritas in Duderstadt hat im Rahmen der Initiative mit der Kreishandwerkerschaft kooperiert und eine Infoveranstaltung für Meister, Vorgesetzte und Betriebsinhaber zum konstruktiven Umgang mit Alkoholauffälligkeiten von Mitarbeitern am Arbeitsplatz angeboten. „Jeder kann sich vertraulich an uns wenden“, erklärt Sozialarbeiter Ulrich Schmalstieg. Möglich ist auch eine Online-Beratung, dort besteht die Möglichkeit, einen sicheren, verschlüsselten und anonymen Dialog zu beginnen.

Alkohol im öffentlichen Raum

Nach Aussage von Dominik Kimyon, Sprecher der Stadtverwaltung Göttingen, gibt es keine öffentliche Handhabe, Alkohol im öffentlichen Raum zu verbieten. „Solange sich die Menschen dabei benehmen, gibt es keine gesetzliche Vorschrift“, sagte er.

Das Gesundheitsamt für Stadt und Landkreis Göttingen habe regelmäßige Notfallkontakte zu alkoholkranken Menschen, insbesondere dann, wenn sie an einer Kombination zwischen Alkoholkrankheit und einer zusätzlichen psychiatrischen Erkrankung, zum Beispiel einer Depression leiden, oder im Rahmen der Alkoholkrankheit Fremd- oder Eigenaggressionen auftreten.

In diesen Fällen werden die alkoholkranken Menschen beraten, an entsprechende Institutionen zur weiteren Beratung beziehungsweise Therapie weitergeleitet, zum Beispiel an die Beratungsstelle Schillerstraße, Göttingen oder es werden die häufig zusätzlichen psychiatrischen Anteile der Erkrankung beurteilt. In Einzelfällen müsse bei fremdaggressiven Handlungen, sowohl im Privatbereich als auch in der Öffentlichkeit, beurteilt werden, ob eine Einweisung der Betroffenen nach dem niedersächsischen Gesetz über Hilfen und Schutzmaßnahmen für psychisch Kranke (NPsychKG) erfolgen solle, teilte der Verwaltungssprecher mit.

Eis statt Alkohol

Stephan Hepe Quelle: vw

Wenn Jürgen Fischer und Stephan Hepe über ihre Sucht sprechen, dann scheinen sie in sich zu ruhen. Komplett sortiert und fokussiert erzählen die beiden Männer von einer Zeit, die sie sich auf keinen Fall zurückwünschen. Aber sie haben ihren inneren Frieden geschlossen, akzeptieren die Sucht als Teil ihres Lebens.

Relativ früh kamen Fischer und Hepe mit Alkohol in Berührung. „Nach der Konfirmation hat es angefangen“, erzählt Hepe. Erst in Maßen, dann schließlich maßlos. „Ich habe Alkohol eingesetzt, um Ruhe haben zu können, um zu vergessen, um runterzukommen“, erinnert sich der heute 55-Jährige. Schon immer hatte er einen verantwortungsvollen Job. Während der Arbeit hat er nie getrunken, aber nach Feierabend „habe ich dann richtig Gas gegeben.“ Bis ungefähr 21 Uhr dauerten diese Exzesse, „dann war Ende“.

Trinkpausen eingelegt

Es kamen die Wochenenden. „Da habe ich schon ab Mittag getrunken“, erzählt Hepe. Wein hat er getrunken. „Ich hatte sogar einen extra Kühlschrank, damit der Wein immer gekühlt war.“ Irgendwann reichte die Wirkung nicht mehr aus, Wodka kam dazu. „Mir war relativ früh klar, dass ich alkoholabhängig war“, sagt Hepe. Immer wieder legte er sogenannte Trinkpausen ein, um sich zu beweisen, dass er seine Sucht unter Kontrolle hat. Anschließend trank er mehr als vorher.

Vor vier Jahren zog er dann die Reißleine. „Ich habe eigenständig einen kalten Entzug gemacht“, erklärt er. Er war sich des gesundheitlichen Risikos bewusst, „toi, toi, toi ist alles gut gegangen.“ Noch während des Entzuges suchte er den Freundeskreis für Suchtkrankenhilfe in Göttingen auf. „Dort hat man immer die Möglichkeit, über seine Probleme zu sprechen“, erklärt Hepe. Noch heute geht er dorthin, arbeitet mittlerweile ehrenamtlich als Suchthelfer. „Ich habe eine achtmonatige Ausbildung gemacht, habe jetzt die Möglichkeit, Gruppen anzuleiten. Wichtig für Betroffene zu wissen ist, dass alle Gespräche der gesetzlichen Schweigepflicht unterliegen. Hier wird nichts weitergegeben“, bekräftigt er.

Hepe hat sich geoutet

Das Leben von Stephan Hepe hat sich komplett gewandelt, er hat sich geoutet, scheut sich nicht in einem Restaurant zu fragen, ob die Soße mit Alkohol verfeinert ist. Nach positiven Geschäftsabschlüssen belohnt er sich jetzt nicht mit Alkohol, sondern geht Eis essen, spazieren, treibt Sport. Eine große Stütze ist ihm seine Familie. „Meine Frau hat mal gesagt, man muss im Leben mehrfach falsch abbiegen, um dann den richtigen Weg zu finden. Der Gebäudereiniger-Meister ist überzeugt, ihn gefunden zu haben.

„Ich hätte tot sein müssen“

Jürgen Fischer Quelle: vw

Von seinem schweren Unfall auf dem Weg zu seiner Freundin nach Belgien weiß Jürgen Fischer nichts mehr. Direkt nach dem Dienst fuhr er los, keineswegs nüchtern. Im Ruhrgebiet musste es dann an einer Tankstelle noch eine Flasche Jägermeister sein. „Ich bin von der Straße abgekommen und habe mich überschlagen.“ Eine kleine Druckstelle hatte er, sonst nichts. Das komplett zerstörte Auto schockte ihn sehr. „Ich hätte tot sein müssen“. Zurück in Deutschland begab er sich in ein Northeimer Krankenhaus, machte dort einen Entzug.

Bier eine Währung

Auch bei Jürgen Fischer spielte die eigene Konfirmation eine Schlüsselrolle. „Wir hatten damals einen Todesfall in der Familie, und ich durfte nicht mit den anderen trinken gehen“, erinnert sich Fischer, der inzwischen seit 2012 Vorsitzender des Freundeskreises für Suchtkranke in Göttingen ist. Er holte alles nach, fühlte sich locker, wenn er etwas getrunken hatte. „Ich fühlte mich stark und mutig, anerkannt.“ Und selbst zu tanzen, traute sich der 51-Jährige – in nüchternem Zustand gar nicht dran zu denken. Er begann eine Lehre als Elektriker. „Auf den Baustellen war Bier damals eine Währung“, erinnert sich Fischer.

Er trank in der Öffentlichkeit, verlor seinen Führerschein, aber nicht seinen Job. Elf Monate durfte er nicht fahren, trank dafür umso mehr. Er verfuhr nach dem Motto „Irgendwo auf der Welt wird schon 17 Uhr sein“, seiner Sucht ging er jetzt heimlich nach. Und verlor seine Fahrerlaubnis zum zweiten Mal, behielt aber seinen Job. „Das Arbeitsumfeld hat es geregelt.“

Selber regeln musste er allerdings das Problem mit seinem Führerschein, den er unbedingt wiederhaben wollte. „Die MPU habe ich nicht bestanden.“ Die Pflichtauflagen bei der Suchtberatung erfüllte er, aber nur widerwillig. „Damals hatte ich noch kein Problembewusstsein, ich hatte nur ein Ziel, wollte den Führerschein wiederhaben.“

Heimlich Alkohol beschafft

Schließlich bestand Fischer den Test, trank danach weiter. Fünf bis sechs Flaschen Ouzo in der Woche, zusätzlich zwei bis drei Kisten Bier. Er funktionierte in seiner eigenen Wahrnehmung, ging regelmäßig zur Arbeit, legte Trinkpausen ein, die immer kürzer wurden. Und beschaffte sich heimlich Alkohol, fuhr nach Uslar oder Hardegsen, entsorgte Lehrgut im Altglascontainer. Nach dem Entzug, den er in der Klinik nach seinem Unfall hinter sich brachte, wurde er noch einmal rückfällig. „Der Wille war da, es zu schaffen, aber der Zwang war stärker.“

Er wies sich selber in die Klinik ein. „Ich habe mich dann auf eigenen Wunsch auf Antabus einstellen lassen“, berichtet er. Ein Medikament, dass in Verbindung mit Alkohol zu schweren Kreislaufstörungen führen kann. Diese Erfahrung machte der gelernte Elektriker auch, allerdings unfreiwillig, als ein Glas verwechselt wurde. Inzwischen ist er mit sich im Reinen, findet Erfüllung in der ehrenamtlichen Arbeit, ist beispielsweise auch als Berater für psychische Gesundheit am Arbeitsplatz tätig. „Wenn ich nicht suchtkrank wäre, hätte ich vieles nicht erlebt.“

Von Vicki Schwarze

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