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Göttingen Großer Andrang beim Geschirrverkauf in der Stadthalle Göttingen
Die Region Göttingen Großer Andrang beim Geschirrverkauf in der Stadthalle Göttingen
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08:30 04.03.2019
Ausverkauf in der Stadthalle Göttingen: Beim Verkauf des Stadthallen-Inventars war der Andrang am Sonnabend groß. Quelle: Heller
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Göttingen

 Es ist ein regelrechter Ansturm, dem sich die rund 30 Mitarbeiter der Stadtverwaltung am Sonnabendmorgen ausgesetzt sehen: Die Warteschlange ist bei Beginn um 10 Uhr fast 200 Meter lang und reicht bis in den Cheltenhampark. Der Einlass erfolgt in Gruppen von 30 bis 40 Personen.

Im Foyer ist vor dem alten Ticketverkauf eine große Verkaufstheke aufgestellt. Auch wenn nur jeweils 40 Käufer auf einmal Einlass finden, ist das Gedränge doch groß.

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Kaffee für die Wartenden

Nina Winter von der Öffentlichkeitsarbeit der Stadt Göttingen informiert draußen die Wartenden per Megafon darüber, was noch da ist. Links neben dem Eingang steht ein mobiler Kaffeestand, an dem kostenlos Kaffee ausgeschenkt wird. Hier steht auch Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD) und macht eine Pause.

Senflöffel und Serviertöpfe sind Zeugen einer Zeit, als in der Stadthalle noch ein eigenes Restaurant betrieben wurde. Diese und viele andere Artikel aus dem 60-er-Jahre-Bestand hat die Stadtverwaltung am Sonnabend für einen guten Zweck verkauft. Der Andrang war riesig.

Mittlerweile, rund eine Dreiviertelstunde nach Beginn, ist die Schlange immer noch 100 Meter lang. Was ging als erstes weg? Der Oberbürgermeister muss kurz überlegen: Riesige Tabletts mit einem Durchmesser von 1,20 Metern seien sehr begehrt gewesen, außerdem Senflöffel, Espressotassen, Frühstücksgedecke und Aschenbecher.

„Make love not war“

Köhler hat wie die anderen städtischen Vertreter ein weißes T-Shirt an, auf dem neben dem Namen der Aufdruck „Stadthallen-Crew“ und der 60er-Jahre-Slogan „Make love not war“ zu lesen ist. Die 60er-Jahre sind an diesem Morgen wieder ziemlich präsent, und auch der Oberbürgermeister kramt in Erinnerungen.

Das Geschirr habe unter anderem in einer Restauration auf der Südseite der Stadthalle Verwendung gefunden, berichtet er. Später sei die Einrichtung„wegen nicht zu viel Erfolg“ aufgelöst worden. „Was wir jetzt gemacht haben, ist den Keller zu räumen.“

Aufzüge sind mittlerweile defekt

Köhler lobt die Geduld der Wartenden. „Wenn wir alle auf einmal reinlassen würden, hätten wir sofort Chaos“, sagt er. Verkauft werden darf nur im Foyer, aus Sicherheitsgründen ist der erste Stock abgesperrt. Die Brandmeldeanlage ist runtergefahren worden, die Aufzüge sind mittlerweile defekt. „Die Stadthalle war so fair, bis zum Schluss durchzuhalten“, sagt Köhler.

Wenngleich noch nicht endgültig über das Schicksal der Stadthalle entschieden worden ist, liegt doch ein wenig Nostalgie und Sentimentalität in der Luft – viele Käufer nehmen nicht so sehr Abschied vom Haus, sondern eher von den alten Zeiten. So berichtet die Göttingerin Katrin Adams von schönen Erinnerungen an die Abschlussparty der Tanzschule und den Abi-Ball. Vor ihr steht ein Korb mit Geschirr.

Ein Teil der Ausstattung der Göttinger Stadthalle wird an die Göttinger Bürger verkauft. Tassen, Tabletts und vieles mehr, als Erinnerung an den kultigen „Kachelofen“.

„Man darf es ja nicht so laut sagen, aber sie war schon hübsch hässlich“, sagt Adams – und erntet sofortigen Widerspruch von der vor ihr stehenden Bärbel Haude. „Wir werden sie noch vermissen“, sagt Haude. Einfach mal am Sonnabend die paar Meter zur Stadthalle laufen, sich noch ein Ticket sichern und ein Konzert sehen – das sei schon schön gewesen. Das Stadthallen-Gedeck mit Tasse, Untertasse und Teller wird an der Verkaufstheke unter anderem von Florian Heinz von der Öffentlichkeitsarbeit der Stadt für drei Euro veräußert. Heinz bezeichnet die Stimmung als fantastisch – die Göttinger spenden zusätzlich für den Pflegekinderdienst der Stadt, am Ende des Tages kommen so noch mal mehr als 500 Euro zusammen.

Käufer sind aufs G scharf

Nicht nur die Crew mit OB, Dezernenten und weiteren städtischen Angestellten hat mit ihren weißen T-Shirts einen Einheitslook, auch das Gros des Stadthallen-Geschirrs ist einheitlich mit einem geschwungenen „G“ versehen – und darauf sind die Käufer scharf. So wie Patricia Opitz, die sich gleich auch noch für Verwandte eindeckt. „Es geht mir um die Erinnerung, eigentlich brauche ich nicht noch mehr Geschirr“, sagt sie.

Eine ganz andere Motivation hat dagegen die Theologiestudentin Katharina Schomburg. Ihre WG löst sich auf, sie wechselt zum Hauptstudium nach Münster, und sie braucht Geschirr. Teller, Gabel und Löffel aus zweiter Hand hätte sie auch woanders bekommen können, aber es ist „eine ganz gute Erinnerung“, sagt sie.

Am Ende bleiben lediglich Untertassen, sogenannte Milchportionskännchen und Glasaschenbecher ohne „G“ übrig. Geschirr mit dem eingearbeiteten Anfangsbuchstaben der Stadt Göttingen ist restlos ausverkauft – dafür haben viele Göttinger nun ein Stück Erinnerung im Regal.

„Solange der Vorrat reicht“

Im Angebot war am Sonnabend das mit Göttinger Wappen verzierte 60er-Jahre-Geschirr aus dem Bestand der Göttinger Stadthalle.

Schon lange bevor, die Türen der Stadthalle geöffnet wurden, bildete sich eine lange Schlange, die sich vom Eingang bis zur Herzberger Landstraße und von dort bis zum Cheltenham Park schlängelte. Vorsorglich hatte die Stadtverwaltung darauf aufmerksam gemacht, dass das Inventar nur in „haushaltsüblichen Mengen“ ausgeben wird. Und nur „solange der Vorrat reicht“.

Begehrt waren nicht nur das dunkelblaue Geschirr und große Tabletts, auch nach Zitronenscheibenpressen wurde gefahndet. Erst hieß es, es seien noch viele da, gegen Ende waren sie so gefragt, dass sie fast so heiß wie Dealerware gehandelt wurden.

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Von Eduard Warda

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