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Göttingen Grüne diskutieren in Göttingen über ihr Programm
Die Region Göttingen Grüne diskutieren in Göttingen über ihr Programm
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20:23 22.09.2018
Moderatorin des Programmforums im Jungen Theater: Viola von Cramon (Grüne).
Moderatorin des Programmforums im Jungen Theater: Viola von Cramon (Grüne). Quelle: Hinzmann
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Göttingen

Als im April dieses Jahres in Berlin der Prozess der Programmfindung angeschoben wurde, waren auch Göttinger Grüne beteiligt. Sie trugen die Idee nach Südniedersachsen und regten an, eigene Themenschwerpunkte zu setzen. Das Ergebnis ihrer Überlegungen war am Sonnabend im Jungen Theater zu verfolgen.

Mit welchen Zukunftsfragen sollte sich eine Partei beschäftigten? Für den Göttinger Kreisverband lauten drei der brennendsten Themen: „Wie gehen wir mit neuen Züchtungsmethoden und wissenschaftlichen Innovationen um?“, „Wie kann ein soziales, demokratisches und humanitäres Europa aussehen und funktionieren?“ und „Wie kann eine zunehmende Digitalisierung in der Arbeitswelt aussehen, so dass sie für die Menschen von Vorteil ist? Was muss wie geregelt werden, um mögliche Gefahren abzuwehren?“

„Atom Gardening“ und „Genome Editing“

Prof. Jens Boch vom Institut für Pflanzengenetik in Hannover eröffnete den Tag mit seinem Kurzreferat zu einem für viele im Auditorium kontroversen Thema. Er beleuchtete den Einfluss der Wissenschaft auf die moderne Landwirtschaft. Am Beispiel von Mais, Weizen oder Kartoffel zeigte er auf, dass kaum eine der uns vertrauten Kulturpflanzen natürlichen Ursprungs ist. Sie alle entstanden im Laufe der Menschheitsgeschichte durch Eingriff in das Erbgut. Als Anschauungsmaterial hatte Boch unter anderem eine rote Grapefruit mit Biosiegel im Gepäck – frei verkäuflich und das Ergebnis von sogenanntem „Atom Gardening“ in den 1950er Jahren, wie er verriet.

Deutlich besser zu kontrollieren aber auch deutlich stärker reguliert seien hingegen die grüne Gentechnik und das in vielen Ländern zumindest teilweise freigegebene „Genome Editing“. Hier aber habe der Europäische Gerichtshof zuletzt einen Riegel vorgeschoben. Sehr zum Unmut vieler Wissenschaftler. Doch was den Genetiker ärgert, gehört für einige Anwesende zu den Grundfesten grüner Politik. Und so kam es zu kritischen Rückfragen auch an die Organisatoren: „Wenn das eine Provokation sein sollte, die ist euch gelungen.“

Entwürfe eines neuen Europa

Weniger strittig dann der Umgang mit dem Thema Europa. Louis Klein, Dekan der European School of Governance, und Manuel Gath, Bundesvorsitzender der Jungen Europäischen Föderalisten, entwarfen ihre Bilder von der aktuellen Situation. Dabei arbeitete Klein Parallelen zur Geschichte des 19. Jahrhunderts heraus. Revolution, Preußische Restauration und Entstehung des Deutschen Reichs könnten als Blaupausen für europäische Prozesse gelten. „Die Geschichte reimt sich.“

Gath regte anschließend eine veränderte Struktur der europäischen Staatengemeinschaft an. So könne man durch den Aufbau eines föderalen Zwei-Kammern-Systems dem jetzigen Erstarken des Nationalismus entgegenwirken. Momentan stünden sich im europäischen Rat nicht politische Überzeugungen, sondern Staaten gegenüber. „Das Europa der Zukunft darf deshalb kein Nationalstaat 2.0 sein, sondern Ausgangspunkt einer post-nationalen Debatte“, so seine Überzeugung.

Digitale Arbeitswelt

Die Gefahren der Digitalisierung für den Arbeitsmarkt beleuchtete der Knut Tullius vom Soziologischen Forschungsinstitut Göttingen (Sofi). Der vielgestaltige Technisierungsschub erreiche den Arbeitnehmer auf verschiedensten Ebenen. Das beginne bei der mobilen Kommunikation, gehe über die Automatisierung der Arbeitsabläufe bis hin zu digitalen Workflows. Bei der Zukunftsvision der globalen Vernetzung stünden sich zwei Entwürfe gegenüber: Der Mensch nutzt das System oder das System lenkt den Menschen. Und Tulllius gab der anwesenden Politik eine Aufgabenliste mit auf den Weg. Die „Arbeit 4.0“ sei ein sozialer Prozess, der im Sinne der Interessen der Mitarbeiter begleitet werden müsse.

Das Göttinger Programmforum wurde am Nachmittag mit mehreren Workshops fortgesetzt. Ob Ergebnisse dieses Tages schließlich Eingang in das Grundsatzprogramm der Grünen finden, bleibt abzuwarten. Fest steht: Das soll in zwei Jahren vorliegen.

Von Markus Scharf

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