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Göttingen Gregor Gysi gibt den Ostdeutschland-Erklärer
Die Region Göttingen Gregor Gysi gibt den Ostdeutschland-Erklärer
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20:13 13.06.2019
Gregor Gysi auf der Bühne des Alten Rathauses. Quelle: Scharf
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Göttingen

Am 4. November 1989 steht ein Ostberliner Rechtsanwalt namens Gregor Gysi auf dem Berliner Alexanderplatz und spricht vor 500 000 Menschen über seine Vision von der Zukunft der DDR. Der Auftritt macht ihn zum Politstar, und wenig später lässt sich der damals 41-Jährige zum letzten Vorsitzenden der SED wählen. 30 Jahre später erklärte er am Donnerstag in weit kleinerem Rahmen im Alten Rathaus von Göttingen seine Geschichte und die der beiden deutschen Staaten.

Das Literarische Zentrum und der Göttinger Literaturherbst hatten zum Afterwork mit dem lange Zeit stark polarisierenden Bundestagsabgeordneten der Linken geladen. Die Zahl der Interessierten erschöpfte die Kapazitäten des altehrwürdigen Gemäuers, obwohl die Dauer der Veranstaltung mit einer Stunde als limitiert angekündigt war. Als Fragensteller und Stichwortgeber fungierte Martin Machowecz, Leiter des Leipziger Büros der „Zeit“.

60 Minuten Gysi-Solo

Der Redefluss eines Gregor Gysi machte allerdings einen Partner fasst überflüssig. Die rhetorische Begabung sei ihm in die Wiege gelegt und in seiner Zeit als Anwalt in der DDR ausgebaut worden, erklärte er beiläufig. Nachdem Machowecz ihm eingangs dann die Rolle des Ostdeutschland-Erklärers zugespielt hatte und fragte, was denn nun gerade in den neuen Bundesländern los sei, stand dem Gysi-Solo nichts mehr im Wege.

„Mir wäre lieber, wir wären so vereinigt, dass sich diese Frage nicht stellen würde“, hob er an und kassierte den ersten lang anhaltenden Applaus des Abends. Tatsächlich seien bei der Wiedervereinigung entscheidende Fehler gemacht worden. „Die Bundesregierung konnte nicht aufhören zu siegen.“ Es wäre ein Leichtes gewesen, einige Elemente, die in der DDR funktioniert hätten, wie die Gleichstellung der Geschlechter, das medizinische Ausbildungssystem oder das Fachabitur, zu übernehmen. Das hätte auch symbolisch für die Ostbürger einen emotionalen Unterschied gemacht, so Gysi.

Erfolg der AfD erklärbar

So aber habe man Verlustgefühle geschürt und sie zu Deutschen zweiter Klasse gemacht. Die Erfahrung von Massenarbeitslosigkeit und Orientierungsverlust hätte ihr Übriges getan. Mit Blick auf rechtspopulistische Tendenzen ergänzte er, es sei nicht verwunderlich, dass einige jetzt nach Deutschen dritter Klasse suchen. „Wer will schon Letzter sein.“ Den zu erwartenden Erfolg der AfD bei den anstehenden Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg führte Gysi aber nicht nur auf diese Entwicklungen zurück.

Zum einen sei seine eigene Partei durch die Regierungsverantwortung in den Augen vieler Wähler ins Establishment gewechselt und habe den Nimbus der „Alternative zu denen da oben“ verloren. Zum anderen böte das Spiel mit dem Nationalismus für viele Wähler in Zeiten unübersichtlicher Weltlagen das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. „Das ist natürlich Quatsch. Aber es reicht nicht aus, gegen die Standpunkte der AfD zu wettern. Man muss die Menschen vom Gegenteil überzeugen.“

Persönliche Anekdoten

Beim Blick auf die deutsche Geschichte griff Gysi an diesem sonnigen Nachmittag in Göttingen gern auf persönliche Anekdoten zurück. Er berichtete von formaljuristischen Scharmützeln mit dem DDR-Regime, die ihm den Spitznamen „Pingel“ eingebracht hätten. Mal berichtete er von Telefonaten mit Michail Gorbatschow, mal von Gesprächen mit seinem Vater, dessen Ansichten er sich Jahre später ausgerechnet von Helmut Kohl habe erklären lassen müssen. „Das war schon ein bisschen ärgerlich“, erzählte Gysi schmunzelnd.

Ernst wird Gysi bei der Frage nach der Stimmung im Jahr 1989. „Es war fantastisch und furchtbar.“ Fantastisch, weil viele Menschen jeden Tag mutiger geworden seien. Furchtbar, weil viele Menschen Angst gehabt hätten. Er persönlich sei damals zerrissen gewesen: „Ich hatte keine Angst, aber ich hatte auch keine Hoffnungen.“

„Daran gewöhnst Du dich“

Abseits der großen politischen Analysen gewährte Gysi den Anwesenden einige Einblicke in sein eigenes Wesen. „Wissen Sie, ich bin seit meinem 23. Lebensjahr Rechtsanwalt. Zu mir kamen immer nur unglückliche Menschen. Daran gewöhnst du dich.“ Sein Interesse werde mittlerweile immer dann geweckt, wenn es anderen schlecht gehe, sagte er und scherzte: „Ich muss mich derzeit bei der SPD echt beherrschen.“ Nach einer Stunde und gesprochenem Text für zwei verließ Gysi die Bühne. Polarisiert hat er an diesem Abend nicht, der Applaus war einhellig.

Von Markus Scharf

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