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Göttingen Halunke oder Lebensretter? Göttinger Arzt weist Vorwürfe zurück
Die Region Göttingen Halunke oder Lebensretter? Göttinger Arzt weist Vorwürfe zurück
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17:11 19.08.2013
Die Verteidiger des angeklaten Mediziners im Landgericht Göttingen. Quelle: CR
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Göttingen

"Es ging nicht um Teufel komm raus, alles muss transplantiert werden", ruft er am Montag in den Saal. "Das ist alles Mythos, alles Legende." Es sei ihm auch nie ums Geld gegangen. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig wirft dem Angeklagten versuchten Totschlag in elf Fällen vor, weil er seine Patienten auf dem Papier kränker gemacht habe, als sie tatsächlich waren. Dadurch habe er seine eigenen Patienten auf der Warteliste der zentralen Vergabestelle Eurotransplant nach oben gehievt und billigend in Kauf genommen, dass andere Schwerkranke kein Organ bekamen und möglicherweise starben.

Die vom 46-Jährigen operierten Patienten leben noch. Der Arzt ist ferner in drei Fällen wegen Körperverletzung mit Todesfolge angeklagt, weil er Patienten Lebern übertragen haben soll, obwohl dieses medizinisch nicht angezeigt war. Seit Januar sitzt der frühere leitende Oberarzt der Uniklinik Göttingen wegen Fluchtgefahr im Gefängnis, mehrere Haftbeschwerden seiner Verteidiger waren erfolglos. Der in Israel geborene 46-Jährige mit dem graumelierten Haar tritt in dunkelblauem Jackett und Krawatte auf.

"Das ist ethisch-moralisch sehr bedenklich"

Vor Beginn der Verhandlung winkt der Vater von vier Kindern zuversichtlich lächelnd Angehörigen auf den Besucherplätzen zu. Bedauerlich und bitter sei es, dass man ihn als Halunken darstelle, beklagt der Angeklagte. Dabei habe er vor seinem Antritt in Göttingen 2008 sogar den Klinikvorstand davon überzeugen wollen, auf Bonuszahlungen für Transplantationen zu verzichten. "Das ist ethisch-moralisch sehr bedenklich", sagt der Arzt. Zuvor hatte Verteidiger Steffen Stern seinen Mandanten in einem pathetischen Vortrag als Opfer dargestellt. Alle Vorwürfe seien absurd. Auf den bundesweit ersten Strafprozess seiner Art blickt ganz Deutschland. Das liegt daran, dass der Transplantationsskandal im vergangenen Sommer das Vertrauen in die Organspende erschütterte und Politik und Ärzteschaft zu Reformen veranlasste.

Im Zuge verschärfter Kontrollen wurden Tricksereien an Kliniken in Regensburg, München und Leipzig öffentlich. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, aber es gab noch keine weiteren Anklagen. "Ich gehe davon aus, dass dieser Prozess entscheidende Weichen stellen wird", sagt Ruth Rissing-van Saan mit Blick auf das Göttinger Verfahren der dpa. Die Vorsitzende Richterin am Bundesgerichtshof im Ruhestand ist Leiterin der Vertrauensstelle Transplantationsmedizin bei der Bundesärztekammer. Mehr als eine Stunde lang gibt der Medizinprofessor einen Einblick in seinen früheren Klinikalltag.

Zum Auftakt des Prozesses um Betrug bei Organtransplantation hat der angeklagte Mediziner alle Vorwürfe zurückgewiesen. Der frühere Leiter der Göttinger Transplantationsmedizin bestritt am Montag im Landgericht Göttingen in einer Erklärung seiner Verteidiger, Manipulationen bei der Verteilung von Organen vorgenommen oder veranlasst zu haben. © Theodoro da Silva

Entscheidungen, die Leben oder Tod bedeuten

Dabei betont er, dass Entscheidungen über Transplantationen in interdisziplinären Teams getroffen worden seien. In mehreren Fällen soll der Arzt Alkoholikern ein Spenderorgan verpflanzt haben, obwohl die in den Richtlinien vorgeschriebene Abstinenzzeit von sechs Monaten nicht eingehalten war. "Es ist nicht meine Aufgabe, auf fremde Stationen zu gehen und zu schauen, ob die Patientin Alkohol getrunken hat", sagt er zu diesem Vorwurf. Hätte er beispielsweise einer etwa 30 Jahre alten Mutter von zwei kleinen Kindern ein Organ verweigern sollen? Im Alltag, so sagt er, müssten Ärzte ständig Entscheidungen treffen, die Leben oder Tod bedeuten.

"Der Tod lauert überall." Eine fatale Folge der Vertrauenskrise ist, dass die Bereitschaft der Deutschen zur Organspende deutlich zurückgegangen ist. Vor dem Gerichtsgebäude hat der Bundesverband der Organtransplantierten deshalb einen Stand mit Broschüren aufgebaut. "Es ist falsch jetzt zu sagen, ich spende nicht", betont der Regionalverbandsvorsitzende Peter Fricke. "Damit bestraft man die Kranken und nicht die Verantwortlichen, die sich über Gesetze hinweggesetzt haben, sollten sich die Vorwürfe bestätigen."

dpa

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