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Göttingen Die Stasi wollte Höhlenforscher Knolle internieren
Die Region Göttingen Die Stasi wollte Höhlenforscher Knolle internieren
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17:37 01.10.2018
Seine Forscherneugierde war der Stasi zutiefst suspekt: Friedhart Knolle war als junger Geologe häufig zu Forschungszwecken in der DDR, hier 1983 mit seiner Frau Birgitta in den Ostharzer Rübelandhöhlen. Quelle: Tschorn/pid
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Goslar

Der Fall der Mauer besiegelte nicht nur das Ende der deutschen Teilung, sondern auch die Entmachtung eines gigantischen Überwachungs- und Repressionsapparats. Jahrzehntelang hatte das Ministerium für Staatssicherheit der DDR (MfS) seine Bürger observiert und abgehört, ehe es im Dezember 1989 seine Tätigkeit einstellen musste.

Auch Westdeutsche gerieten ins Visier der Stasi. Einer, den der Geheimdienst intensiv bespitzelte, war der heutige Sprecher des Nationalparks Harz, Friedhart Knolle. Weil er als Student der Geologie an der TU Clausthal in den 1980-er Jahren regelmäßig in die DDR fuhr, um sich mit dortigen Höhlenforschern auszutauschen, hielt ihn die Stasi für einen feindlichen Westagenten. Sie schätzte den jungen Forscher als so gefährlich ein, dass sogar seine Internierung erwogen wurde. Knolle selbst ahnte davon nichts: „Erst nach der Wende wurde mir klar, wie gefährdet ich damals war.“

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„Dicke Akte über einen Wessi“

Der 63-Jährige hat vor einiger Zeit seine Stasi-Unterlagen eingesehen, insgesamt mehr als 200 Seiten. Als ein Mitarbeiter der Behörde ihm die Akten aushändigte, habe dieser erstaunt gefragt: „So eine dicke Akte über einen Wessi – was haben Sie denn gemacht?“ Knolle erfuhr, dass die Stasi im Oktober 1982 unter dem Decknamen „Höhle“ gegen den damals 27 Jahre alten Geologen und zwei seiner Kollegen sogenannte Operative Personenkontrollen (OPK) einleitete. In der Folgezeit waren fünf „Inoffizielle Mitarbeiter“ (IM) auf Knolle angesetzt.

Auch diese Höhle interessierte den westdeutschen Geologen Knolle: Die östlich von Nordhausen gelegene Gipshöhle Heimkehle wurde in der Zeit des Nationalsozialismus als Waffen-Produktionsstätte genutzt. Heute können große Teile der Höhle bei Führungen besichtigt werden. Quelle: Kempe/pid

Was ihn so verdächtig machte, war sein Forschungsgebiet. Der Harz ist voller Höhlen, und Knolle interessierte sich für die Geologie der Höhlen und den Fledermausschutz. Auch heute noch ist er ein begeisterter Höhlenforscher: „Das ist ein spannendes Forschungsfeld“, sagt er.

Ein Agent westlicher Dienste

Höhlen sind aber nicht nur für Wissenschaftler, sondern auch für Militärs interessant. Schon die Nationalsozialisten hatten Harzer Bergwerksstollen für die Waffenproduktion genutzt. Auch für das DDR-Regime galten die unterirdischen Hohlräume als strategisch wichtige Territorien, deren Lage, Beschaffenheit und Nutzung vor dem Gegner möglichst geheim gehalten werden sollte. Deshalb waren dem Ministerium für Staatssicherheit auch die Aktivitäten des jungen westdeutschen Geologen so suspekt, der sich regelmäßig mit seinen Kollegen in der DDR austauschte. Die Stasi vermutete, dass der begeisterte Speläologe ein Agent der westlichen Geheimdienste war.

Bis zur Wende im November 1989 wurde Knolle nicht nur bei seinen DDR-Reisen, sondern zeitweilig auch an seinem Wohnort in Goslar observiert und abgehört. Die geheimdienstliche Überwachung wurde damit begründet, dass Knolle im Verband der deutschen Höhlen- und Karstforscher engagiert war. „Die ihm dadurch zugänglichen Informationen sind objektiv geeignet, staatl. Interessen der DDR zu schädigen“, heißt es in den Stasi-Unterlagen.

Den Geologen-Hammer immer dabei

Dabei waren es Forscherdrang und Abenteuerlust, die ihn immer wieder zu den Besuchen im Ostharz motivierten: „Ich war einfach neugierig, und ich hatte immer den Geologen-Hammer dabei.“ Die Stasi nahm dagegen an, dass er Kontakt zum Militär-Geografischen Dienst der Bundeswehr oder einem anderen „feindlichen“ Dienst hatte und schützenswertes Geheimwissen erlangen wollte. Sie versuchte deshalb, unter den Höhlenforschern inoffizielle Mitarbeiter anzuwerben, um Material über den vermeintlichen Westagenten zu sammeln.

Später erfuhr Knolle, dass einer seiner Kollegen als Agent für die Hauptverwaltung Aufklärung (HVA), der Auslandsspionage der DDR, tätig war. „Hätte ich das gewusst, hätte ich die Grenze nicht mehr überschritten“, sagt er heute.

„Weibliche IM mit Feindberührung"

Weil die Recherchen nichts erbrachten, habe die Stasi sogar versucht, die Frau eines DDR-Kollegen als „weibliche IM mit Feindberührung" auf ihn anzusetzen, erzählt Knolle. Sie erschien den Geheimdienstlern als besonders geeignet, weil sie optisch seiner Ehefrau ähnelte und man auf einen „Romeo-Effekt“ spekulierte. Die angesprochene Frau habe dies indes abgelehnt und ihm später auch von dem Anwerbeversuch berichtet.

Einer der auf ihn angesetzten IM vermutete hinter dem regen Austausch mit den DDR-Kollegen eine größere politische Strategie: Es sei kein Zufall, dass die westdeutschen Höhlenforscher just zu der Zeit die DDR-Kontakte intensivierten, als die NATO die Stationierung neuer Mittelstreckenraketen beschlossen hatte.

„Höhle II“

Aus den Stasi-Unterlagen geht hervor, dass „Höhle II“, wie Knolle dort genannt wurde, sogar in der Bundesrepublik bespitzelt wurde, um seine Kontaktpersonen zu recherchieren. Im November 1987 observierte jemand sechs Stunden lang, von 18 bis 24 Uhr, sein damaliges Wohnhaus in Goslar. Der Bericht vermerkt, in welche Richtung sein Auto geparkt war, und gibt noch eine weitere Beobachtung wieder: „19.25 Uhr ging eine männliche Person aus der 1. Etage des Wohnhauses zum Erdgeschoß. Personenbeschreibung: Größe: ca. 190 cm, Haar: dunkel, Sonstiges: Backenbart.“

Knolles Kommentar dazu: „Da hat tatsächlich jemand im kalten November den ganzen Abend hinter der Hecke gestanden, sicherlich sehr gefroren und sah mich den ganzen Abend über offenbar nur ein Mal durch das Fenster ein Stockwerk tiefer gehen. Dass ich später wieder hoch und ins Bett ging, entging ihm oder er hatte die Überwachung schon abgebrochen.“

Stasi am Ende

Aus Furcht vor eventuellen Spionagetätigkeiten der Höhlenforscher verabschiedete die DDR 1985 sogar eine „Hohlraumverordnung“, um den Untergrund stärker „abzusichern“. Ein Stasi-Oberstleutnant warnte explizit vor dem Höhlenforscher Knolle. Dieser unterhalte „umfangreiche Verbindungen/Kontakte zu operativ interessanten DDR-Personen, die sich mit der Höhlenforschung und Altbergbau befassen“. Der Geheimdienstler hielt ihn für so gefährlich, dass er sogar seine Internierung ins Auge anregte: „Die Ergebnisse der bisherigen Bearbeitung des operativen Komplexes rechtfertigen eine Internierung der Person K., sofern sie sich auf dem Territorium der DDR aufhält.“

Tatsächlich konnte die Stasi jedoch trotz intensiver Beobachtung keine Hinweise auf eine nachrichtendienstliche Tätigkeit entdecken. Im August 1988 kam man zu dem Ergebnis, dass ein „strafrechtliches Vorgehen wegen Geheimnisverrat bzw. der Verletzung anderer Rechtsnormen des Geheimnisschutzes“ bislang nicht möglich gewesen sei.

14 Monate später war die Stasi am Ende – und die Höhlen offen.

Von Heidi Niemann

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