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Göttingen Ein Lebensort, an dem gestorben werden darf
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00:28 15.03.2018
Das Hospiz an der Lutter ist in die Humboldtallee 10 umgezogen. Beatrix Haan zeigt die neuen Räume. Quelle: Fotos: Hinzmann
Göttingen

Auf dem Flur gleich neben dem Eingang steht eine große weiße Kerze. Daneben ein Sekretär mit einem aufgeschlagenen Buch. Wenn im Hospiz ein Mensch stirbt, wird die Kerze entzündet und eine neue Seite im Buch aufgeschlagen, auf der Angehörige ihre Gedanken niederschreiben können. Acht Türen führen in die Zimmer , eine weitere in einen großen Aufenthaltsraum: das Wohnzimmer.

Der Raum ist lichtdurchflutet, auf zwei Seiten zeigen Fensterflächen in den Garten. In einer Ecke steht ein gemütlicher Sessel, gleich daneben eine Sitzgruppe, schräg gegenüber das Klavier. Schmuckvolle Anrichten wurden liebevoll mit Pflanzen dekoriert. Wände und Decke sind hell gestrichen, Landschaftsgemälde und Fotos dienen als Blickfang. Auf dem Boden liegt ein weicher Teppich. Dieser Raum ist das Zentrum des neuen Hospiz an der Lutter.

„Ganz schöne Herausforderung“

Leichter Geruch von frischer Farbe hängt noch in der Luft und verrät, dass hier vor Kurzem etwas Neues entstanden ist. Erst vor wenigen Wochen sind die 15 Mitarbeiterinnen des stationären Hospiz von Weende in die Innenstadt gezogen. Verwaltung und der ambulante Dienst hatten bereits Ende 2017 die ersten Räume in der ehemaligen Station des Krankenhauses Neu-Mariahilf belegt. Regina Bauer, Leiterin des stationären Hospiz, beschreibt den Umzug vorsichtig als „ganz schöne Herausforderung“.

Rundgang durch das Hospiz an der Lutter

Bauer hat ihre Schicht gerade beendet und sitzt nun gemeinsam mit Beatrix Haan auf einem der gemütlichen Sofas, während sie über die Einrichtung sprechen. Haan ist heute Vorsitzende des Trägervereins, war aber vor 21 Jahren die erste Leiterin der Einrichtung. Sie hat die Suche nach neuen Räumen für das Hospiz und den Umzug intensiv begleitet – vieles trägt ihre Handschrift.

„Unsere 68er-WG“

Beide wirken erleichtert, auch wenn der Abschied aus dem Weender Haus dem Team nicht leicht gefallen sei. Bauer beschreibt es liebevoll als „unsere 68er-WG“ und die neuen Räumlichkeit als „mondänes Anwesen“. Tatsächlich stehen nun 880 Quadratmeter zur Verfügung, 300 mehr als bisher. Das bietet dem Hospiz die Möglichkeit, acht Bewohner gleichzeitig aufnehmen zu können. Alle Zimmer haben ein eigenes Bad und bieten genug Raum, um zusätzlich zum Standardmobiliar ein Schlafsofa für Angehörige unterzubringen.

Der Besucher wird zum Raum der Stille geführt. Hier ist die Decke wie ein Sternenhimmel beleuchtet, Stühle stehen im Kreis. An der Seite lenkt eine Skulptur die Blicke auf sich. Der Künstler Walter Green habe die beiden Figuren, die sich ihre Köpfe gegenseitig auf die Schulter legen, sich aber auch voneinander entfernen können, aus alten Holzbalken geschaffen, erzählt Haan. Der passende Name des Werks: Abschied.

„Hier gab es gestern Kartoffelpuffer“

Zurück im Wohnzimmer: „Hier gab es gestern Kartoffelpuffer“, erzählt Bauer und weist auf die offene Patientenküche, die unmittelbar angrenzt. Eine Angehörige hatte den Teig mitgebracht und zubereitet – auf Wunsch einer Patientin. Und eben diese Wünsche sind im Hospiz oberstes Gebot. Bauer erklärt: „Wir sagen jedem unserer Patienten: Sie sind der Chef.“

Feste Tagesabläufe gibt es für die Menschen, die hier meist die letzten Tage ihres Lebens verbringen, nicht. Natürlich biete man beispielsweise die Speisen zu festen Zeiten an, die im Kreis der Bewohner eingenommen werden können. Aber auch das sei lediglich ein Angebot, keine Verpflichtung, sagt Bauer. „Wir erfinden jeden Tag neu.“ Alles dreht sich um die Lebensqualität.

Leben erleichtern

Die Menschen kämen meist mit maximaler Symptomlast und langer Krankenhauskarriere im Hospiz an. Dann gehe es darum, was an palliativer Therapie möglich ist und wie man den letzten Abschnitt des Lebens erleichtern könne. „Sie sollen sich nicht mehr fragen müssen, wie komme ich mit meinen Schmerzen von acht nach neun Uhr“, sagt Bauer. Ihr Anspruch: „Das hier soll ein Ort sein, wo Menschen noch einmal eine schöne Zeit verbringen.“

Hospizarbeit sei heute etabliert, das Hospiz an der Lutter genieße einen guten Ruf, weiß Haan. Daher bleibt der Name an neuer Wirkungsstätte auch erhalten. Sie kann sich aber noch gut an andere Zeiten erinnern: „Als wir mit der mobilen Betreuung in Göttingen angefangen haben, mussten wir unser Auto oft noch hinter dem Haus parken.“ Themen wie Sterben und Hospizarbeit wurden vor der Öffentlichkeit verborgen. Heute sind beide Säulen des Göttinger Hospiz gleichermaßen anerkannt und erfreuen sich wachsender Beliebtheit.

90 Ehrenamtliche im Einsatz

Aktuell arbeiten stationär 15 Pflegeprofis auf etwas mehr als zehn Stellen und mindestens ebensoviele Ehrenamtliche. In der ambulanten Betreuung sind drei Hauptamtliche und 90 Ehrenamtliche im Einsatz. Einmal jährlich bietet das Hospiz Kurse für Menschen, die sich in der Hospizarbeit engagieren wollen. “Wir suchen nicht nur jemanden, der empathisch am Bett sitzen und Händchen zu halten kann, erklärt Bauer. Jeder Mitarbeite habe seine Schwerpunkte. Der eine könne bei Computerproblemen helfen, der nächste unterstütze beim Telefondienst und der Essensausgabe.

Die Hospizarbeit sei eine erfüllende Aufgabe. Man könne zwar nicht heilen, aber erleichtern. Und das gelte auch für die Angehörigen. In deren Betreuung investiere ihr Team bis zu 40 Prozent der Arbeit. Dabei nimmt man sich die Zeit für ein Gespräch, bietet praktische Hilfe an oder ermöglicht, dass die Familie zum Zeitpunkt des Todes vor Ort sein kann. Viele Angehörige würden sich dem Haus daher auch nach Jahren noch verbunden fühlen und beispielsweise die Erinnerungsfeste besuchen. Bauer ist sich sicher, dass diese Kontakte auch im neuen Haus erhalten bleiben. Das habe weniger mit dem Ort als mehr mit den Mitarbeitern zu tun.

Am Ausgang bleibt der Blick des Besuchers noch einmal an der Kerze und den Erinnerungsbüchern hängen, die farbig gebunden nebeneinander stehen. Alle wurden aufgehoben. Sie erzählen die Geschichte des Hospiz an der Lutter. Einem Lebensort, an dem gestorben werden darf.

Einweihung und Empfang

Das Hospiz an der Lutter wird von einem gleichnamigen Verein getragen und finanziert sich durch Zahlungen der Krankenkassen. Da diese aber nicht den Aufwand abdecken, ist man beim laufenden Geschäft, wie in der Hospizbewegung üblich, auf Spenden aus der Bürgerschaft angewiesen. Ein Förderkreis, private Spender und Vermächtnisse decken die Kosten auch für die Kosten. Wer das Hospiz an der Lutter unterstützen möchte, kann dies unter DE 10 2605 0001 0044 3007 70 bei der Sparkasse Göttingen tun.

Von Markus Scharf

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