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Göttingen Das Gebhards: Wo Keanu Reaves, Tokio Hotel und Präsidenten speisen
Die Region Göttingen Das Gebhards: Wo Keanu Reaves, Tokio Hotel und Präsidenten speisen
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16:26 09.08.2019
Neuer Küchenchef im Traditionshotel Gebhards: Timo Zutz (Mitte) mit Ehepaar Carola und Achim Albes. Quelle: Peter Heller
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Göttingen

Albert Einstein und Keanu Reeves, Gerhard Schröder, Udo Jürgens und die Kaulitz-Brüder von Tokio Hotel: Sie alle haben hier übernachtet. Keine andere gastronomische Adresse in der Region hat so viel Prominenz und Geschichte erlebt wie das Göttinger Hotel Gebhards.

Seit 1854 können Gäste an der Goetheallee 22 übernachten. Statt einer internationalen Kette führt dort seit mehr 60 Jahren die Familie Albes das Unternehmen. Carola und Achim Albes sind heute in einem Alter, in dem andere längst ihren Ruhestand genießen. Die beiden Hoteliers führen ihr Haus in die Zukunft: Ein neuer Koch hat Küche und Karte übernommen. Timo Zutz ist 30 Jahre alt und neuer Küchenchef in Göttingens ältestem Hotel.

Wo der Fisch noch am Tisch filetiert wird

Dunkles, mit Schellack überzogenes Holz, grüne Lederbezüge, silberne Lampen mit Löwenkopf, dezentes Licht. Wer ins Hotel Gebhards tritt, lässt den hektischen, grellen Alltag nach wenigen Stufen hinter sich und tritt ein in das Romantikhotel.

Die Georgia-Augusta-Stuben, das Restaurant des Hauses, sind wohl weit und breit das einzige Restaurant, in dem der Gast sein Rösti am Platz noch vorgelegt und die Forelle am Tisch filetiert bekommt. „Das lernt heute ja kaum noch jemand in der Ausbildung”, sagt Zutz. Der langen Tradition des Hauses ist sich der junge Koch bewusst. Dennoch – oder gerade deshalb – verleiht er den bürgerlichen Gerichten seine eigene Handschrift. Ein moderner Wind weht durch die Stube, ohne die guten Dinge hinwegzufegen. „Natürlich bleiben das Wiener Schnitzel und die Ente unangetastet”, sagt Zutz. Dafür stehe das Gebhards, daran werde nicht gerüttelt. Als Vorspeise wird heute aber beispielsweise ebenso eine Wassermelonen-Paprika-Gazpacho wie eine Tafelspitzconsommé mit Grießnocken angeboten. Den Einkauf erledigt Zutz meist selbst. Auf dem Göttinger Wochenmarkt – dort, wo dieser Abschnitt seiner Karriere begann. „Über ein Gespräch dort bin ich mit Familie Albes in Kontakt gekommen”, erzählt der Küchenchef.

Der kanadische Schauspieler Keanu Reeves 2010 vor dem Hotel Gebhards in Göttingen. Quelle: dpa

Er hat zuvor drei Jahre lang in Österreich bei Simon Taxacher in einem der besten Restaurants des Landes gekocht, hat im Hotel Dorchester in London Traditionsküche gelernt und auf der MS Europa die Gäste verwöhnt. Irgendwann war klar: „Ich möchte wieder in Göttingen leben”, sagt der 30-Jährige. Er kehrt in seine Heimat zurück, kochte im Schillingshof in Groß Schneen und nun im traditionsreichsten Hotel der Stadt.

Erster Gast: Bundespräsident Heuss

Das Gebhardsche Wiener, das genoss auch schon Hollywood Schauspieler Keanu Reeves auf der Terrasse des Restaurants. „Unser erster Gast, das war Bundespräsident Theodor Heuss”, erinnert sich Carola Albes. 1959 hat sie mit ihrem Mann das Hotel, das dessen Mutter Friedl zuvor gekauft hatte, übernommen. Das Haus sei damals, nachdem es als Lazarett dienen musste, ziemlich „runtergekommen” gewesen. Nach dem Krieg hätten die Briten so ziemlich alles, was nicht niet- und nagelfest gewesen sei, demontiert. „Sogar die Mamorwaschbecken”, sagt Achim Albes. Für Heuss wurden schnell noch die Gänge geweißt, durch die der Präsident dann flanierte. „Fast alle Bundespräsidenten waren hier”, sagt Achim Albes. Roman Herzog war einst die Eskorte abhanden gekommen, Johannes Rau spielte ein „Blatt” an Tisch 21. „Er liebte Skat”, sagt der Hotelchef. Reeves genoss Rotwein und Schnitzel, die Jungs von Tokio Hotel, damals noch blutjung, futterten Pommes. Albert Einstein war zu Gast, um mit Hilpert über die Relativitätstheorie zu diskutieren, die Trauerfeier für Nobelpreisträger Otto Hahn wurde im Gebhards ausgerichtet, und Udo Jürgens sollte einer barbusigen Göttingerin ein Autogramm gleich auf die Haut geben. Viele Gästebücher und vor allem die Erinnerungen der Hoteliersfamilie zeugen von einer hohen Gastgeber-Kultur und einem einzigartigen Stück Stadtgeschichte.

Küchenchef kauft auf dem Wochenmarkt

Die Albes wissen, dass mancher Gast zunächst ein wenig „Schwellenangst” vor dem altehrwürdigen Hotel empfindet. Zu Unrecht. „Jeder kann auf der Terrasse auch einfach eine Vorspeise und ein Glas Wein genießen”, sagt Zutz. Er will Hausgäste und Gäste von außen gleichermaßen mit seinen Küchen-Genüssen glücklich machen – die vor allem eines sind: frisch. Bei ihm schwimmen die Northeimer Forellen im Keller im Bassin – bis sie wenig später blau auf den Teller kommen. Regelmäßige Marktbesuche und Händler, mit denen er seit Jahren zusammenarbeitet: Die Qualität der Produkte ist für ihn das Fundament seiner Kreationen. Die Techniken der Gourmetküche, ob Sponge, Creme, Crumble oder Espuma, die beherrscht er. Die Herausforderung ist es heute, ein einfaches Gericht wie Matjes perfekt zu präsentieren. Oder wie Achim Albes sagt: „Das Gebhards tut einfach gut.“

Gebhards Hotel

Das Gebhards hat zwei Weltkriege und eine Nutzung als Hospital überlebt: 1854 erhielt Carl Gebhard eine Konzession für das Hotel, bis 1917 führten es seine Söhne weiter. Dann wurde es an einen Vetter, August Glase, verpachtet, der es 1922 kaufte. Von 1942 bis 1945 diente es als Lazarett, nach dem Krieg bis 1949 besetzten es englische Truppen. Am 31. Januar 1959 erwarb Friedl Albes das Hotel, das bis heute in Familienbesitz ist. Das denkmalgeschützte Gebäude wurde von Gebhard erbaut, später wurden die angrenzenden Häuser integriert. Eines war das Elternhaus von Robert Wilhelm Bunsen, in dem anderen wohnte Wilhelm Eduard Albrecht, einer der „Göttinger Sieben“. Achim und Carola Albes bauten das Hotel weiter aus, renovierten und erneuerten es. Das Restaurant des Hauses trägt den Namen „Georgia Augusta Stuben“, der Titel wurde einst von Präsident, Kanzler und Kuratorium der Georg-August-Universität Göttingen verliehen.

Von Britta Bielefeld

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