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Göttingen Hungerstreik in Sicherungsverwahrung
Die Region Göttingen Hungerstreik in Sicherungsverwahrung
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00:19 30.06.2013
Von Jürgen Gückel
Hungerstreik hinter diesen Mauern: Pressetermin vor vier Wochen im neuen JVA-Trakt für Sicherungsverwahrte.
Hungerstreik hinter diesen Mauern: Pressetermin vor vier Wochen im neuen JVA-Trakt für Sicherungsverwahrte. Quelle: Hinzmann
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Rosdorf

Auf Tageblatt-Anfrage hat Anstaltsleiterin Regina-Christine Weichert-Pleuger diese Information bestätigt. Zwei der inzwischen 26 in der neuen Sicherungsverwahrung untergebrachten Gefangenen nähmen keine Nahrung zu sich. Sie seien einem Arzt vorgestellt worden.

Thomas F. und Pjotr P. reagieren damit auf die Situation, die sie nach ihrem Umzug von der Haftanstalt Celle nach Rosdorf vorgefunden haben. Zwar seien die Zellen viel geräumiger, die neu erbaute Einrichtung komfortabler, doch entspräche die Behandlung nicht dem, was das Bundesverfassungsgericht für die Unterbringung Sicherungsverwahrter nach Verbüßen der Strafhaft fordere.

Fehlen jeglicher Putzmittel

Das sagt einer, der mit 62 die Hälfte seines Lebens hinter Gittern verbracht hat. Er sei wegen Taten „quer durchs Strafgesetzbuch, von Erpressung bis Geiselnahme“ in Rosdorf, gesteht er dem Tageblatt. Er finde die Unterbringung „auch o.k.“, behandelt werde man aber „noch entwürdigender als in Celle“. Konkret nennt er das Fehlen jeglicher Putzmittel in den Zellen oder das Vorenthalten von Gewürzen, obwohl die Untergebrachten selbst kochen dürfen. Dem tritt die Anstaltsleitung damit entgegen, dass sowohl Besen, Kehrblech und Putzmittel jederzeit zentral zur Verfügung stünden. Auch würden Gewürze bereitgestellt. Die Packungen müssten aber wieder abgeliefert werden. Scharfer Pfeffer sei potenziell geeignet, Wachpersonal kurzfristig unschädlich zu machen. Und alles, was die Sicherheit gefährdet, müsse eben eingeschränkt werden.

Auch wenn der Informant aus der JVA behauptet, die Untergebrachten hätten sich vielfach beschwert und formelle Eingaben gemacht, hat die Anstaltsleiterin nach eigenen Angaben solche bisher jedoch nicht auf dem Tisch. Auch bei der Strafvollstreckungskammer des Landgerichts gibt es bisher keine Anträge auf gerichtliche Überprüfung einzelner Maßnahmen. Weichert-Pleuger gibt vielmehr ihren Eindruck wieder, die meisten der aus Celle gekommenen Sicherungsverwahrten fühlten sich in der neuen Umgebung wohl und nähmen Angebote gern an. 45 Plätze hat die neue Einrichtung, 26 sind bisher belegt. Weitere Sicherungsverwahrte sollen demnächst aus Bremen übernommen werden.

Vollzugsexperten überrascht die frühe und sofort drastische Reaktion auf die neuen Bedingungen nicht: „In neuer Umgebung werden sofort Grenzen ausgetestet“, kommentiert ein Jurist den Hungerstreik.

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