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Göttingen „Ich dachte, ich habe genug gehabt“
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20:55 25.11.2009
Bekämpft die Schmerzen durch Malerei: Irmgard Serb. Quelle: Theodoro da Silva
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Irmgard Serb (Name geändert) malt gegen den Schmerz. Seit zweieinhalb Jahren malt sie in Öl, in Acryl oder mit Buntstiften. Auf dem Plexiglastisch um ihren Rollstuhl liegt ein Buch über Wildpflanzen. Sie betrachtet die Abbildung, prägt sich das Bild ein und malt dann ihre Version der Blume. Hunderte Postkarten befinden sich in einem Einsteckalbum, Dutzende Bilder an den Wänden. „Das ist meine Schmerztherapie.“

Serb hatte acht Bandscheibenvorfälle. „Der Spinalkanal ist dicht“, wie sie sagt, die Nerven sind eingeklemmt, „ein inkompletter Querschnitt“. Eigentlich sollte die 67-Jährige Medikamente nehmen. Gegen den Schmerz, der sich anfühle, als seien beide Beine verbrannt. 160 Tropfen Novalgin, acht Tabletten Valeron, ein Opioid, das sei ihre Dosis. Das machten ihre Nieren kaum mit. Und wenn sie sie nähme, „könnte ich nicht mehr reden“. Sie will nicht vor sich hindämmern, lebendig begraben.

„Seit ich krank bin, muss ich kämpfen“, sagt die Mutter zweier Töchter. Gegen die Missachtung der Menschen, die sich wegen der Krankheit von ihr abwenden und ihr ins Gesicht sagen, sie gehöre in die Mülltonne. Gegen die Krankenkasse, die ihr die richtigen Windeln nicht zahlt, sondern nur die „wie Papier“, die innerhalb von einer Stunde so durchnässt sind, „dass das Pipi den Rollstuhl hinunter läuft.“ Zu den Zuzahlungen für die guten Windeln kommen weitere Kosten. Kaum zu bewältigen mit ihrem schmalen Budget knapp über dem Sozialhilfesatz. Eine Kur verweigert man ihr und ihrem Mann, 75 Jahre alt und schwer lungenkrank, der den Haushalt führt, so gut es geht.

Irmgard Serbs Krankengeschichte ist lang. 44 Jahre Diabetes, eine Gallenkolik, eine Darmweitung bei der die Bauchspeicheldrüse beschädigt wurde, eine Nieren-OP, eine Unterleibs-OP, eine Brust-Operation. Sie berichtet von spritzendem Eiter, von endlosen Behandlungen. Das hat sie alles weggesteckt. Selbst als ihr Herz so schwer geschädigt worden sei, dass sie seitdem nicht mehr operiert werden könne. Vor fünf Jahren kippte sie dann um. Und kann seit jenem Tag die Beine nicht bewegen. Die Ursache sei unklar. Die Bandscheibenvorfälle, ein Zeckenbiss? „Ich dachte, ich habe genug gehabt.“

Die Frau mit der langen Krankengeschichte hatte auch andere Schicksalsschläge zu verkraften: Sie verlor ihren ersten Mann und einen Sohn durch Unfälle. Doch Drogen oder Alkohol als Ausweg kamen für sie nicht infrage. „Die Welt sieht am nächsten Tag genauso aus.“ Dabei rinnen die Tränen ihre Wangen hinab.

Nachts und am frühen Morgen ist es am Schlimmsten. Die Schmerzen, die Stille und keine Möglichkeit, sich abzulenken. Irmgard Serb schläft kaum länger als eine dreiviertel Stunde am Stück. Am frühen Morgen wird sie von Krämpfen geschüttelt, die Beine schleudern durch die Luft. Ihr Mann muss sich auf sie setzen, um die Spastiken im Zaum zu halten. Dann graut der Tag und die Schmerzen werden stärker. Sie sagt: „Andere sind schlimmer dran.“
Ihr Traum? Einmal einen Tag in einem Erholungszentrum verbringen. An eine Kur wagen die beiden schon gar nicht mehr zu denken. Das Geld für einen solchen Tag haben sie nicht. Vielleicht kann das Diakonische Werk mithilfe von „Keiner soll einsam sein“ diesen kleinen Wunsch ermöglichen.

Von Erik Westermann

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