Imker im Landkreis Göttingen begrüßen Blühstreifen
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Göttingen Imker im Landkreis Göttingen begrüßen Blühstreifen für die Bienen
Die Region Göttingen Imker im Landkreis Göttingen begrüßen Blühstreifen für die Bienen
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08:00 27.05.2020
Auf gehts: Eine Sammelbiene bestäubt bis zu 200 Blüten am Tag. Quelle: R.
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Göttingen

In jedem Winter sterben Bienenvölker. Das hat verschiedene Ursachen. Der dadurch entstandene Verlust beläuft sich nach Schätzungen des Deutschen Imkerbundes in diesem Jahr auf rund 30 Millionen Euro, nicht gerechnet die Erträge, die die Völker hätten bringen sollen. Nach offiziellen Angaben sind rund 15 Prozent der eingewinterten Bienenvölker in Deutschland gestorben. Ist das viel? Wie beurteilen Imker im Landkreis Göttingen die Situation und wie können Bienenfreunde in Stadt und Land den Insekten zu Hilfe kommen?

Der Vorsitzende des Imkervereins Duderstadt, Markus Freckmann, schätzt einen Verlust an Bienenvölkern von bis zu 30 Prozent als Normalwert ein. Für diesen Winter sagt er: „Die Verluste verteilen sich unterschiedlich. Einige Imker hatten überhaupt keine Winterverluste, andere hat es stark getroffen“, weiß er. Unter dem Strich seien die Imker aber gut aus dem Winter gekommen. Auch das Jahr habe mit guten Trachtbedingungen begonnen: Zur Obstblüte waren die Temperaturen mild - danach begann die Rapsblüte.

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Varroamilbe gebärdet sich wie ein Vampir

Ein großes Problem für Honigbienen ist ein Parasit: In den 1970er Jahren hat sich die Varroamilbe in den Bienenstöcken eingenistet. Die Milbe - insbesondere die weiblichen Tiere - ist eine Art Vampir, der die Bienen aussaugt. Zudem überträgt die Milbe Viren. Eine Belastung, die sich seit Jahren gleichbleibend problematisch darstellt, sagt Freckmann. Angesprochen auf das seit längerer Zeit in Medien aufgegriffene weltweite Bienensterben, sagt der Experte: „In China fehlt es aufgrund von Pestizideinsatz an Bestäuberinsekten. Das sind Zustände, die wir hier auf keinen Fall wollen.“ Allerdings habe auch in Deutschland der Bestand an Fluginsekten drastisch abgenommen. „In diesem Jahr meine ich wieder mehr Insekten zu beobachten. Vielleicht liegt das am milden Winter“, mutmaßt Freckmann.

Die von einigen Landwirten angelegten Blühstreifen begrüßt er ausdrücklich. Die ackerbaulichen Monokulturen würden auf diese Weise durch allerlei Blumen räumlich und zeitlich erweitert, zum Vorteil für alle blütensuchenden Insekten, wie etwa Wildbienen. „Nach dem Raps blüht ja kaum noch etwas auf den Feldern“, gibt der Imker zu bedenken. Auch die Gärten in den Städten und Dörfern würden eine wichtige Rolle spielen. „Ich beobachte zwei Tendenzen. Zum einen entscheiden sich viele Grundstücksbesitzer für Blumen, die den Bienen nutzen oder lassen Teile des Rasens ungemäht, so dass eine kleine Blumenwiese entstehen kann. Zum anderen werden Steingärten angelegt.“ Die freilich würden den positiven Effekt konterkarieren.

Im Landkreis Göttingen gibt es mehrere Imker. Der Großteil betreibt diese Arbeit als Hobby beziehungsweise im Nebenerwerb. Quelle: Meinhard

Agrarwirtschaft bietet neben Raps kaum Nahrung

Weil viele Hausbesitzer in den Städten Blumen lieben und ihre Gärten damit zieren, zieht es Bienen in die Stadt. Das versichert Jürgen Schumann. Er ist beim Imkerverein Göttingen Obmann für Bienengesundheit und legt dar: „In der Summe macht es schon Sinn, dass in den Gärten Bienenweidepflanzen stehen“, so entstehe ein großes Angebot, versichert er. Abgesehen vom Raps biete das Land mit seiner heutigen Agrarwirtschaft kaum Nahrung für Bienen. „Dort wächst Getreide, dort wachsen Zuckerrüben und auf dem Grasland wächst Gras“, verweist der Imker auf eine überschaubare botanische Vielfalt. Auch er erwähnt die Varroamilbe: In warmen Sommern scheint sie sich außerordentlich zu vermehren. Eine Behandlung, die der Milbe den Garaus macht, sei möglich, aber immer erst nach der Honigernte, damit das flüssige Gold unbelastet bleibt. Im Extremfall müsse die Behandlung früher erfolgen - dann aber falle die Honigernte zwangsläufig aus.

Kalter Wind kann zum Verhängnis werden

Beim Anruf des Tageblatts steckt Regina Wiedenbrügge gerade im weißen Imkeroutfit, um den Honig zu schleudern. Ihre vergleichsweise große Hofimkerei in Wollershausen ist gut über den Winter gekommen. Allerdings könne auch ein milder Winter den fleißigen Insekten zum Verhängnis werden. Weil die frühe Brut entsprechend versorgt werden muss, brauchen die Bienen deutlich mehr Futter - fehlt es dann an Blüten, gibt es ein Proviantproblem, erklärt Wiedenbrügge. Um die Völker über den Winter zu bringen, geben Imker den Tieren im Herbst zum Beispiel Futterteig, beziehungsweise lassen ihnen Honig als Nahrung. Diese Vorräte werden im Bienenstock eingelagert und dienen als Zehrung in der kalten Jahreszeit und vor allem im frühen und oft kalten Frühjahr. Die Temperaturen müssen schon auf zwölf Grad klettern, damit Bienen auf Sammeltour gehen. Weht dann noch ein heftiger kalter Wind, so wie es in diesem Jahr oft der Fall war, droht ihnen das Verderben: „Sie finden dann unter Umständen nicht mehr zurück“, weiß die Imkerin.

Regina Wiedenbrügge liebt Bienen und sie liebt die Arbeit mit ihnen. Quelle: Meinhard

Eine kleine Tränke macht das Angebot perfekt

Bei der Frage, was jedermann den Bienen Gutes tun kann, verweist sie auf eine Fülle von Pflanzen, auf die Bienen stehen: Sonnenblumen und Ringelblumen, Kornblumen und Löwenzahn, Klee und Lavendel, die Durchwachsene Silphie und der Buchweizen etwa. Einen hohen Nektarwert haben auch blühende Obstgehölze, Beerensträucher, Kastanien, Linden, Akazien sowie die Salweide. Ohne Wert für Maja und Co. ist zum Beispiel die Geranie. Gärtnereien bieten speziell für die Bienenbedürfnisse zusammengestellte Saatmischungen an. Günstig für Bienen sei es, den Rasen etwas länger stehen und Kräuter, wie Thymian, blühen zu lassen und sich im eigenen Garten für einjährige Sommerblumen und Stauden zu entscheiden, fasst Wiedenbrügge zusammen. Wer es ganz besonders gut meint, kann den Bienen auch eine Art Tränke anlegen, mit einem sachten Einstieg, damit die Tiere nicht hineinfallen und womöglich ertrinken.

Eine Snackbar für Bienen ist in Klein Schneen angelegt worden. Die muss jetzt allerdings noch reifen. Quelle: Meinhard

Arbeitsgruppe legt in Klein Schneen Blühstreifen an

Bienen- beziehungsweise Insektenfreunde gibt es überall – und unübersehbar auch in Klein Schneen. Die Arbeitsgruppe „Klein Schneen blüht und summt“ hat sich zum Ziel gesetzt, öffentliche und private Grünflächen insektenfreundlicher „aufblühen“ zu lassen. Anfang Mai sind am Ortseingang (aus Richtung Obernjesa) ein 28 Meter langer und 1,50 Meter breiter Blühstreifen angelegt sowie Nisthilfen aufgestellt worden: mit Unterstützung der Kinderfeuerwehr, wie es auf der Internetseite der Gemeinde heißt. Dieses Projekt soll anderen Insektenfreunden als Inspiration dienen.

Handy-Vibration ist BeeTec

Die Generalversammlung der Vereinten Nationen hat den 20. Mai als World Bee Day, als Weltbienentag ausgerufen. Die Bedeutung von Bienen als Bestäuber für Biodiversität und Ernährungssicherheit ist elementar für die Menschheit, heißt es auf der Webseite Weltbienentag.de, gestaltet vom Projekt Bienenretter und betrieben vom Frankfurter Institut für nachhaltige Entwicklung e.V. Mit dem Welttag der Bienen unterstreiche die Weltgemeinschaft auch die Erkenntnis über den Rückgang der weltweiten Bienenpopulation und den dringenden Schutz der Bienen, wird betont. Die Biene nehme eine Schlüsselrolle in der Natur und auch im Alltag ein. Selbst beim Vibrieren des Handys handele es sich um BeeTec. „Denk' also an unsere Bienen, wenn dein Smartphone ‚summt‘. Das Summen ist dein Weckruf, etwas für Biene und Mensch zu tun“, wird appelliert. Laut einer Information der Biologischen Schutzgemeinschaft Göttingen gibt es in Deutschland rund 590 Wildbienenarten, deutlich über 200 leben im Raum Göttingen.

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Von Ulrich Meinhard

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