Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Göttingen Idunazentrum: In 50 Jahren vom Vorzeigeobjekt zum sozialen Brennpunkt
Die Region Göttingen Idunazentrum: In 50 Jahren vom Vorzeigeobjekt zum sozialen Brennpunkt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:32 13.07.2019
Aktuelle Aufnahmen vom Idunazentrum haben wenig mit der Postkarten-Idylle der 1970er Jahre gemein. Quelle: Fotos: Hinzmann
Göttingen

„Die Iduna investiert in Göttingens Zukunft – um das Kapital ihrer Versicherten sicher und gewinnbringend anzulegen.“ Mit diesem Text bewarb das Unternehmen 1970 einen Neubau im Göttinger Maschmühlenweg. Nach Entwürfen des Architekten Friedrich Wagener entstanden hier zwei 19-geschossige Wohntürme inklusive Einkaufszentrum und angrenzendem Bürotrakt mit sieben Etagen.

Auf 40 Millionen Mark bezifferte die Iduna damals die Baukosten. Die Apartments sollten gehobenen Ansprüchen genügen, Immobilienanzeigen im Göttinger Tageblatt schwärmten vom Ausblick weit über die Innenstadt hinaus oder dem Schwimmbad im Untergeschoss. Die Preise waren hoch, der Hochhauskomplex galt als noble Adresse. Zwei Brücken über die Weender Landstraße und die Berliner verbanden das Idunazentrum mit Universität und Innenstadt.

Knapp fünfzig Jahre später sind nicht nur die Brücken längst Geschichte, die letzte wurde 2003 abgerissen. Auch der Glanz vergangener Zeiten ist verblichen. Hat man Ende der 1980er Jahre noch deutlich mehr als 100 000 Mark für eine Wohnung im Idunazentrum bezahlt, wurden diese zehn Jahre später laut Wertgutachten auf weniger als ein Drittel taxiert. Bei Zwangsversteigerungen wurden aber auch diese Verkehrswerte nie erzielt. Aus dem Vorzeigeobjekt war ein sozialer Brennpunkt geworden.

„Schlimme Ecke“

Heute wird das Idunazentrum in einem Atemzug mit den Wohnobjekten am Hagenweg 20 und der Groner Landstraße 9 genannt. Auf Studentenportalen werden Wohnungssuchende vor der Adresse Maschmühlenweg 4–6 als „schlimmer Ecke“ gewarnt. In den 407 Apartments wohnen viele Menschen, die es sich nicht aussuchen können, wo sie ein Dach über dem Kopf finden. Armut, Alkohol, Drogen oder auch nur das Schicksal haben sie hierher gebracht. Für sie ist die einstige Nobelherberge zur Endstation geworden. Dennoch steigen die Preise in jüngster Vergangenheit wieder, der angespannte Wohnungsmarkt und die zuverlässigen Mietzahlungen durch das Sozialamt machen es möglich.

Immobilien dieser Art gibt es in jeder größeren deutschen Stadt. Es ranken sich viele Gerüchte um ihre Mauern und Bewohner. Zeitungsmeldungen berichten von regelmäßigen Einsätzen der Feuerwehr oder den Dreharbeiten zum Tatort, für den die Immobilie als Kulisse herhalten muss. Genaueres über das Leben hier wissen nur die, die sich noch hineintrauen. Und das sind nicht viele.

Interesse an sozialen Themen

Einer, der das Idunazentrum besser kennengelernt hat, heißt Ingmar Björn Nolting. Der heute 24 Jahre alte Student der Fotografie an der Fachhochschule Dortmund begann 2016, sich für das Objekt zu interessieren und zog Ende vergangenen Jahres für fünf Monate selbst in eines der Apartments ein.

Ingmar B. Nolting Quelle: R

Seine Arbeiten hätten sich immer mit „Orten der Veränderung“ beschäftigt, sagt Nolting. Soziale Themen lägen ihm am Herzen. Bevor er nach Göttingen kam, hatte er Menschen in einer Militärsiedlung in Georgien fotografiert, anschließend zog es ihn in den Norden Somalias. Doch die zweijährige Arbeit rund um das Idunazentrum sei bislang sein größtes Projekt.

Warum so lange? Wahrscheinlich weil er versucht habe, seine Arbeit so ehrlich wie möglich zu machen, sagt er. „Ich habe immer transparent gemacht, was ich tue.“ So gelang es ihm, Menschen zu finden, die ihm ihre Geschichte erzählten, die auch immer irgendwie die Geschichten des Idunazentrums waren. „Es lohnt sich genau hinzuhören.“

Selten ein Happy End

Die Biografien seiner Gesprächspartner sind häufig gebrochen, haben selten ein Happy-End. Aber sie sind nachvollziehbar, sagt der Fotograf. Nolting porträtiert den Mathelehrer, der wegen der Lehrerschwämme in den 1970ern nie eine feste Anstellung bekam. Er fotografiert den substituierten Junkie, dem erst seine Kinder und dann ein Bein abgenommen wurde. Hier sieht man den Alkoholiker aus gutem Hause, der an der Erwartungshaltung der Eltern zerbrach, dort der Azubi, für den das Leben hier eigentlich nur ein Abenteuer ist.

Die große Gruppe der Roma, denen hier viele Apartments gehören, fotografiert Nolting nicht. Sie leben in einem eigenen Universum, wollen nicht von dem Eindringling gestört werden. Das Idunazentrum ist nicht nur für sie ein perfekter Ort, um ungestört zu bleiben. Wer es nicht darauf anlegt, lebt hier isoliert, hat keinen Kontakt zu seinen Nachbarn. Nolting beschreibt aus eigener Erfahrung: „Man kommt rein, betritt einen der vier Aufzüge, vermeidet Blickkontakt, macht die Wohnungstür hinter sich zu und ist verschwunden.“

Professionelle Distanz

Einige Türen öffneten sich ihm dennoch, während Nolting in seinem provisorisch möblierten Apartment im zweiten Stock selbst zum Iduna-Bewohner geworden war. Man ließ ihn herein mit seiner Kamera, in die Apartments und die Leben. Entlarvende Bilder vermied er und vermittelte dennoch die Atmosphäre. Einmal fotografierte er, als sich jemand einen Schuss setzte, weil der ihn dazu aufforderte. Nicht immer war es einfach, die professionelle Distanz zu wahren.

Als Nolting schließlich auszieht, ist sein Gefühl zwiespältig. „Ich konnte einfach weggehen. Diese Chance haben nicht viele hier. In solchen Momenten wird man sich seiner Privilegien bewusst.“ War sein Projekt ein Erfolg? „Erfolg ist, Leute für eine Thema zu interessieren. Wenn meine Bilder gesehen werden und sie etwas mit dem Betrachter machen.“ Das dürfte ihm gelungen sein. Aktuell sind seine Bilder in einer Ausstellung in Dortmund zu sehen, einige wurden außerdem im Stern abgedruckt. „Und auch im Idunazentrum hängen in einigen Wohnungen Bilder von mir.“ Es wirkt fast, als wäre Nolting darauf besonders stolz.

Von Markus Scharf

Kommentare 0 Nutzungsbedingungen
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Im Süden der Stadt soll die Immanuel-Kant-Straße zwischen Königsberger Straße und Elbinger Straße umgestaltet werden, teilt die Pressestelle der Verwaltung mit.

13.07.2019

Lars Wätzold beschäftigt sich in seiner Kolumne diesmal mit drei Themen. Unter anderem zieht er dabei einen Vergleich zwischen Windeln und Hundekotbeuteln.

13.07.2019
Göttingen Veranstaltung am 19. Juli - Göttinger Bündnis gegen Mietwucher

In Göttingen sind die Mieten teilweise so hoch wie in Berlin oder Köln. Gegen stetig steigende Mietkosten macht sich ein Bündnis stark, das am 19. Juli zu einer Info-Veranstaltung einlädt.

12.07.2019