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Göttingen In Göttingen wird der Stadtwald naturnah bewirtschaftet
Die Region Göttingen In Göttingen wird der Stadtwald naturnah bewirtschaftet
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14:53 11.06.2019
Naturschutz vor Profit: In Göttingen wird der Stadtwald naturnah bewirtschaftet. Er ist Heimat für viele bedrohte Tierarten. Quelle: r
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Göttingen

Nur Vogelgezwitscher ist zu hören, sonst ist es still im Göttinger Stadtwald. Rechts und links vom Wanderweg vermodern umgestürzte Bäume: Totholz, das gar nicht tot ist, sondern ein idealer Lebensraum für Pilze, Käfer und andere Kleintiere. Zwischen den Stümpfen sind junge Triebe aus dem Erdreich geschossen. Eine Eule, die sich wohl gestört fühlt, fliegt auf und zieht mit lautlosem Flügelschlag durch die Baumkronen davon.

„Hier bekommen Sie einen ganz guten Eindruck von unserem Konzept der naturnahen, ökologischen Waldbewirtschaftung“, sagt Lena Dzeia. Klingt gut, aber was heißt das konkret? „Keine Kahlschläge, keine Pestizide, nur einzelne Bäume werden entnommen, und das möglichst schonend.“

Totholz, das gar nicht tot ist, sondern ein idealer Lebensraum für Pilze, Käfer und andere Kleintiere. Quelle: Kupfer

Dzeia leitet seit dem vergangenen September die Göttinger Forstverwaltung. Sie ist damit verantwortlich für den knapp 1.700 Hektar großen Stadtwald. 70 Prozent der Bäume sind Buchen. Auf dem kalkhaltigen Boden wachsen außerdem Ahorne, Eschen, einige andere Laubbaum-Arten sowie ein paar Fichten und Lärchen. Mischwälder wie dieser gelten, anders als Monokulturen, als einigermaßen anpassungsfähig an den Klimawandel und seine Folgen.

Ein großer Teil des Stadtwaldes steht unter Naturschutz. Drei Bereiche, insgesamt rund 100 Hektar groß, sind zudem als sogenannte Naturwald-Parzellen ausgewiesen. „Sie werden überhaupt nicht bewirtschaftet und vollständig der natürlichen Entwicklung überlassen“, erläutert Dzeia.

Die Idee der naturnahen Waldbewirtschaftung in Göttingen geht auf den vor fast 100 Jahren amtierenden Stadtforstmeister Walter Früchtenicht zurück. Die von ihm entwickelten Eckpunkte gelten noch heute und wurden allenfalls, so Dzeia, im Verlauf der Zeit immer mal wieder modifiziert und angepasst.

Der Göttinger Stadtwald. Quelle: Hinzmann

 

„Wir ernten nur einen Bruchteil von dem, was zuwächst“, präzisiert sie. „Und auch nur die stärksten Stämme.“ Einzelstammweise Holzernte – so heißt das im Forstjargon. Etwa 2,5 bis 3,5 Festmeter Holz entnehmen die Förster jedes Jahr einem Hektar Stadtwald. Rund acht Festmeter wachsen in demselben Zeitraum nach. Zum Vergleich: Die Niedersächsischen Landesforsten und private Waldbesitzer ernten meistens bis zu 90 Prozent des Zuwachses.

Eine geringe Ernte bedeutet natürlich weniger Einnahmen aus dem Holzverkauf. „Die Stadt könnte eigentlich viel mehr Geld damit verdienen“, weiß Dzeia. „Vorrang für unsere Kommunalpolitiker haben aber Erholung und Naturschutz.“ Tausende Göttingerinnen und Göttinger sowie ihre Gäste nutzen den direkt vor den Stadttoren gelegenen Wald für Spaziergänge und Radfahren. Viele Besucher, das ergab schon eine Umfrage aus dem Jahr 2007, würden dafür sogar Eintritt zahlen.

Füchse und Rehe lassen sich im Stadtwald in freier Wildbahn beobachten, auch Dachse und die scheuen Wildkatzen sind hier heimisch. Ebenso Fledermäuse und eher seltene Vogelarten wie Neuntöter und Wendehals, Mittel- und Grauspecht. Über dem Kerstlingeröder Feld, eine inmitten des Schutzgebietes liegende abschüssige Wiese, auf der früher die Bundeswehr für Einsätze trainierte, kreisen Milane und Bussarde.

Göttinger Stadtwald: Erholung und Naturschutz sollen Vorrang haben. Quelle: Hinzmann

„Ein Modell mit Zukunft“, lobte Greenpeace schon 2013: „Das Konzept des Göttinger Stadtwaldes sollte Schule machen.“ Forstchefin Dzeia ist da etwas zurückhaltender. „Im Moment passt unser Konzept gut in die Zeit“, sagt sie. Mit der nachhaltigen Waldbewirtschaftung gehe Göttingen einen spannenden Weg. Ob er als Vorbild für andere tauge, wolle sie aber nicht beurteilen: „Ich bin kein Missionar.“

Von Reimar Paul (epd)