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Göttingen In diesen Bereichen sind Frauen in Göttingen unterrepräsentiert
Die Region Göttingen In diesen Bereichen sind Frauen in Göttingen unterrepräsentiert
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12:28 09.08.2019
Auf den Anteil von 47 Prozent Frauen im Rat „sind wir stolz“, sagt Christine Müller. Quelle: Richter / Grafik: Reyer, Quelle: Gleichstellungsbüro Stadt Göttingen
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Göttingen

Die Gleichstellungsbeauftragte der Göttinger Verwaltung, Christine Müller, hat Daten über die Präsenz von Frauen und Männern in Beruf und Öffentlichkeit vorgelegt. Die Schieflage werde beispielhaft in vielen Bereichen deutlich: Kaum weibliche Führungskräfte, weniger Vollzeitbeschäftigte und noch weniger Straßennamen. Am Montag, 19. August, wird die Ausstellung „Gleichstellung sichtbar machen“ im Neuen Rathaus eröffnet.

Ausgangspunkt für die Zusammenstellung sei ein Workshop des Gleichstellungsbüros im vergangenen Jahr gewesen – Titel: „Politische Partizipation von Frauen. Wie geht es weiter in Göttingen?“ Ein Ergebnis sind jetzt veröffentlichte neun Beispiele, die mit Zahlen Missverhältnisses und Diskrepanzen belegen.

Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in Vollzeit Quelle: Quelle: Gleichstellungsbüro Stadt Göttingen, Grafik: Reyer

Diese Darstellung von Fakten sei eine Premiere in Deutschland, so Müller. „Die Items hat Göttingen exklusiv.“ Aufgrund der guten Vernetzung der Gleichstellungsbüros dürften bald Anfragen, insbesondere aus niedersächsischen Städten, bezüglich der Erhebung von Daten eintreffen. „Wir können andere Büros unterstützen“, sagt die 57-Jährige. Sie ist seit 1991 Gleichstellungsbeauftragte. das Büro sei 1987 eröffnet worden.

Auffällig sei das Verhältnis Männer/Frauen im Stadtrat: Sie sind fast paritätisch vertreten: 47 Prozent Frauen 53 Prozent Männer. Vor der Kommunalwahl 2016 hätte das Verhältnis fast ein Drittel zu zwei Drittel betragen, so Müller. „Wir sind stolz auf diesen relativ hohen Anteil im Rat.“

Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte Quelle: Quelle: Gleichstellungsbüro Stadt Göttingen, Grafik: Reyer

In dem für das Gleichstellungsbüro von der Arbeitsagentur untersuchten Verhältnis sozialversicherungspflichtig Beschäftigter nähern sich die Zahlen ebenfalls, sogar umgekehrt: 51 Prozent Frauen zu 49 Prozent Männer. Der Grund liege in der „hohen Einpendelquote“, so Müller. „Viele Frauen arbeiten, leben aber nicht in Göttingen.“ Würden Wohnsitz in Göttingen und Beschäftigung in der Stadt verglichen, sähe das Ergebnis anders aus, vermutet sie.

Die Diskrepanz folgt: Von den in Göttingen sozialversicherungspflichtig in Vollzeit Beschäftigten sind etwas mehr als 60 Prozent Männer. Damit unterscheide sich Göttingen leicht vom Bundestrend (34 Prozent Frauen) – „das ist schon positiv“, sagt Müller. Der Grund des Missverhältnisses liege auf der Hand. Trotz Teilzeitangeboten, sowohl im öffentlichen Dienst als auch langsam zunehmend in der Wirtschaft, würden Männer sich meist zieren, Kinderbetreuung zu übernehmen – keiner wolle gern „Karrierechancen riskieren“. In der Stadtverwaltung sei die Quote der Männer „ein bisschen angestiegen“. Generell gelte: In diesem Punkt stagnieren die Zahlen, „in den vergangenen Jahren hat sich nichts wesentlich verändert“. Und so sieht’s bei den anderen Beispielen ebenfalls aus.

Ratsfrauen / Ratsherren Quelle: Quelle: Gleichstellungsbüro Stadt Göttingen, Grafik: Reyer

Obwohl „mehr Frauen als Männer bei der größten Arbeitgeberin, der Universität“, arbeiten, sei nur jede vierte Professur mit einer Frau besetzt. Auch in der Stadtverwaltung sind mehr Frauen als Männer beschäftigt: „In den Führungspositionen sind Frauen mit 34 Prozent unterrepräsentiert.“ Ein ähnliches Bild böten die Aufsichtsräte der städtischen Eigenbetriebe (Stadtwerke, Entsorgungsbetriebe, Verkehrsbetriebe, GöSF) – zusammengenommen haben Frauen einen Anteil den Anteil 27 Prozent.

Die im Tageblatt-Jahresrückblick abgebildeten Frauen und Männer (23 zu 77 Prozent) könnten ein gesellschaftliches Bild repräsentieren. Und zwei Elchpreisträgerinnen gegenüber 18 Elchpreisträgern müsste nicht sein. Die Lebensleistung der mehrfach preisgekrönten Kabarettistin und Polit-Satirikerin Maren Kroymann hätte eine Würdigung durch die Göttinger Jury durchaus verdient, so Müller.

Deutlich mehr Elchpreise für Männer Quelle: Quelle: Gleichstellungsbüro Stadt Göttingen, Grafik: Reyer

Dass von Göttingens 345 personenbezogenen Straßennamen nur 52 nach Frauen benannt sind (15 Prozent), sei keine Überraschung. Belastbare Vergleiche mit anderen Städten in der Republik liegen Müller kaum vor, aber neugierig war sie schon. Sie sei in Hamburg (16 Prozent) und Dresden („einstellig; vor einigen Jahren“) fündig geworden. „Wir scheinen in Göttingen ganz gut im Mittelfeld zu liegen.“

1994 habe der Rat zwar beschlossen: Wenn Straßen nach Personen benannt werden, sollen Rauen vorrangig gewählt werden. Damals waren Frauen mit vier Prozent vertreten. Die Debatte habe mittelfristig Wirkung gezeigt. Vor allem, seit Mitte und Ende der 90er-Jahre die Terrassen in Geismar bebaut worden seien, sind im südöstlichen Quartier „viele Straßenschilder“ mit weiblichen Persönlichkeiten zu sehen. Doch mittlerweile sei die Benennung laut niedersächsischer Kommunalverfassung Angelegenheit der Ortsräte.

Frauen stellen ein Drittel der Führungspositionen in der Verwaltung. Quelle: Quelle: Gleichstellungsbüro Stadt Göttingen, Grafik: Reyer

Vorteil Göttingen: Ortsräte gibt es in der West- und Innenstadt sowie im Ostviertel nicht. Nachteil: „Der Rat müsste eine Satzung erlassen, um Zugriff in den Ortsteilen zu bekommen. Aber das ist zurzeit kein Thema.“ Ansonsten gelte: „In den Ortsräten muss Überzeugungsarbeit geleistet werden.“ Müller könnte eine Reihe von Frauen nennen, nach denen Straßen benannt werden sollten. Sie hebt eine Frau heraus. „Zum Beispiel Elisabeth Selbert. Sie hat in Göttingen promoviert und war eine der Mütter des Grundgesetzes.“ An der Fixierung der Gleichberechtigung als Grundrecht in der Verfassung, habe sie großen Anteil gehabt.

Gleichstellung sei im Neuen Rathaus „kein kontinuierlicher Prozess“, so Müller, aber sie werde „nicht mehr infrage gestellt“. Verwaltungstätigkeit sei nach wie vor ein von Frauen geschätzter Beruf. „Wir haben viele Beschäftigte, aber kaum in Führungspositionen.“ In den 80er- und 90er-Jahren habe es geheißen, der öffentliche Dienst solle eine Vorreiterfunktion übernehmen. „Von dieser Botschaft würde sich auch heute niemand distanzieren, aber der Alltag sieht anders aus.“

Frauen stellen weniger als ein Drittel der Aufsichtsräte in den Eigenbetrieben. Quelle: Quelle: Gleichstellungsbüro Stadt Göttingen, Grafik: Reyer

Bei der Besetzung von Führungspositionen „geht es nicht danach, wofür jemand geeignet ist, sondern um die Gesamtbeurteilung.“ Diese Handlungsweise gelte auch für Männer. „Heute wird zunehmend nach Aktenlage und Gesamtnote beurteilt, nicht nach Kriterien“, sagt Müller. In die Gesamtnote flössen unter anderem Fachwissen, Führungskompetenz und soziale Kompetenz ein. Der Entscheidungsspielraum sei „eng“.

Sie hofft, dass auf Landesebene das Beamtengesetz angepasst werde: „Es konterkariert das niedersächsische Gleichstellungsgesetz“, das bei vergleichbarer Qualifikation fordere, unterrepräsentierte Gruppen „vorrangig zu berücksichtigen“ – die der Frauen sei die größte. Die Verwaltung wolle auf der „rechtssicheren Seite“ agieren, „aber das ist insgesamt ein Rückschritt“.

An den Professuren haben Frauen einen Anteil von 25 Prozent. Quelle: Quelle: Gleichstellungsbüro Stadt Göttingen, Grafik: Reyer

Müller hofft „generell auf neuen Schwung. Veranstaltungen zu 100 Jahre Frauenwahlrecht, 70 Jahre Grundgesetz, 40 Jahre UNO-Frauenrechtskonvention seien ein Ansatz. „Aber generell fehlt der große Wurf, das strategische Ziel.“

Trotzdem: Müller hat in der jüngeren Vergangenheit einiges auf den Weg gebracht. Zum Beispiel das Mentoring für Frauen in Führungspositionen; die Infostunde für Frauen, die sich für Führungspositionen bewerben möchten; das Audit Beruf und Familie, das ebenfalls vom Fachbereich Personal weitergeführt werde – unter anderem geht es um Kita-Belegplätze, die Beschäftigte für ihre Kinder in Anspruch nehmen können. Extern, in der Stadt, sei das Gleichstellungsbüro sehr gut vernetzt. Diese Kontakte sollen durch den neuen Newsletter intensiviert und ausgeweitet werden.

Gesellschaftliches Spiegelbild: Frauen im Jahresrückblick der Tageszeitung. Quelle: Quelle: Gleichstellungsbüro Stadt Göttingen, Grafik: Reyer

Um intern, in der Verwaltung, mehr erreichen zu können, sei eine Aufstockung des Personals im Gleichstellungsbüro notwendig. Im niedersächsischen Kommunalverfassungsgesetzt seien die Kompetenzen der Gleichstellungsbeauftragten beschrieben – die seien nicht gering; zu gering sei die personelle Besetzung vor Ort. „Das Gesetz schreibt nicht vor, wie viele Stellen eingerichtet werden sollen“, sagt Müller. „Der Rat entscheidet.“ Und: „Zwei zusätzliche Stellen“ sollten es im Göttinger Büro schon sein.

Die politische Bedeutung der Gleichstellungsbeauftragten müsste wachsen. „Und wir müssen auf städtischer Ebene vorankommen. Welche gleichstellungspolitischen Zielen wollen wir wie und wann erreichen? Vielleicht gelingt das mit dem Haushalt und dem Gender Budgeting. In dem Punkt hat sich die Stadt klar positioniert.“

345 personenbezogene Straßennamen – darunter 52 von Frauen Quelle: Quelle: Gleichstellungsbüro Stadt Göttingen, Grafik: Reyer

Die Darstellung zur Gleichstellung in Göttingen mit Zahlen, Daten und Fakten auf einer Informationskarte sei „ein Teil der Aktionen des CEDAW-Modellstandortes Göttingen“. Sie mache sichtbar, „wie weit die Gleichstellung in den verschiedenen Bereichen in Göttingen vorangeschritten ist und wo es noch Verbesserungsbedarf gibt“.

Die Repräsentation von Frauen im öffentlichen Raum, sei es Politik, Beschäftigung oder Ehrung durch Preise und Straßennamen sei eines der zentralen Themen des CEDAW-Modellstandortes Göttingen, der sich mit der politischen Partizipation von Frauen beschäftige.

Gleichstellung ist ein „internationaler Auftrag“

CEDAW sei die Abkürzung für „Convention on the Elimination of all forms of Discrimination Against Women“ – für die UN-Frauenrechtskonvention, auf Deutsch: Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau. Es gehe also nicht darum, dass sich Göttingen als „kleine Inselstadt“ Ziele in puncto Gleichstellung stecke: „Wir haben einen internationalen Auftrag“, betont Müller.

Der Workshop 2018 sei der Auftakt für die CEDAW-Modellstadt Göttingen gewesen. Unter anderem ging und geht es um Kriterien bezüglich der politischen Partizipation von Frauen nach der nächsten Ratsperiode – unter anderem Präsenz im Rat, in Fraktionsvorständen, in Ausschüssen, Aufsichtsräten, Fraktionsvorständen, in den Medien; weitere Punkte sind: „Die Sprache in den Ratssitzungen wird weiblicher“ oder „internationale Kompetenz“; und: Gender Budgeting.

Es ist beabsichtigt, „eine Geschlechterperspektive in alle Ebenen des Haushaltsprozesses der Stadt Göttingen zu integrieren“, sagt Christian Schmetz (Dezernat Finanzen). Quelle: Heller

Gender Budgeting: geschlechterbezogene Bewertung von Haushalten

Gender Budgeting sei die geschlechterbezogene Bewertung von Haushalten, so Erster Stadtrat Christian Schmetz (Dezernat Finanzen). Es sei beabsichtigt, „eine Geschlechterperspektive in alle Ebenen des Haushaltsprozesses der Stadt Göttingen zu integrieren“.

Konkret gehe es zunächst um die Analyse bestimmter finanzpolitischer Maßnahmen und die Auswertung von Haushaltsdaten, so Schmetz Der Konzeptentwurf sehe vor, „dass in gleichstellungsrelevanten Bereichen untersucht wird, wer von den öffentlichen Ausgaben profitiert (Frauen/Männer, Mädchen/Jungen).

Handlungsempfehlungen für den nächsten Haushaltsplanungsprozess

Wird bei der Analyse der relevanten Bereiche festgestellt, dass Ungleichheiten bei der Verteilung der öffentlichen Mittel bestehen, sollen Ziele und Messindikatoren festgelegt werden, um eine Gleichstellung und somit Geschlechtergerechtigkeit zu erreichen.“ Abschließend sollen Handlungsempfehlungen für den nächsten Haushaltsplanungsprozess herausgegeben werden, die die Realisierung von Gleichstellungszielen ermöglichen sollen.

Anhand konkreter Beispiele wie der Analyse der Ausleihungen der Stadtbibliothek, solle festgestellt werden, welche Interessengruppen, differenziert nach Geschlechtern, die öffentlichen Angebote nutzen oder Empfänger öffentlicher Leistungen seien. Schmetz: „Unter Berücksichtigung der Interessen beziehungsweise Ansprüche der jeweiligen Geschlechter wird geprüft, welche Maßnahmen umgesetzt werden können, um eine gerechtere Verteilung von Haushaltsmitteln zu erreichen.

19. August: Ausstellungseröffnung und Hearing „Gender Budgeting“

Am Montag, 19. August, wird die Ausstellung „CEDAW in NiedersachsenGleichstellung sichtbar machen“ um 15.30 Uhr im Foyer des Neuen Rathauses eröffnet. Von 16 bis 19 Uhr soll ein Hearing im Ratssaal Klarheit über Intention und Inhalt des Themas Gender Budgeting schaffen. Erster Stadtrat Christian Schmetz (Dezernat für Finanzen) und die Gleichstellungsbeauftragte Christine Müller leiten das Hearing. Beispielhaft wird die „gleichstellungsorientierte Haushaltssteuerung in München“ vorgestellt. Schmetz präsentiert den Konzeptentwurf der Verwaltung in puncto „Zielführung, Funktionsweise und Handhabung des Gender Budgeting bei der Stadt Göttingen“.

„Wir haben einen internationalen Auftrag“, sagt die Gleichstellungsbeauftragte Christine Müller. Quelle: Richter

Von Stefan Kirchhoff

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